"Lulu" in Salzburg Geilheit ist die reinste Projektion

Die griechische Filmregisseurin Athina Rachel Tsangari inszeniert bei den Salzburger Festspielen Wedekinds "Lulu" als kluges, wunderschönes, sinnliches Konzepttheater mit drei Hauptdarstellerinnen - und wird dafür völlig zu Unrecht ausgebuht.

Salzburger Festspiele/ Monika Rittershaus

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Als es dunkel wird im Saal, sieht man von der leergeräumten schwarzgetünchten Bühne riesige graue Luftballons aufsteigen. Sie sehen aus wie überdimensionale Hüpfbälle in diversen Größen und ordnen sich immer wieder neu als Landschaft aus Rundungen, in denen man wahlweise Christbaumkugeln oder Frauenbrüste erkennen darf. Mal bilden die Bälle eine Rückwand, mal sind sie Deckendekoration, mal sinken sie bodenwärts. Dann flackern schwarzweiße Videobilder über die Ballon-Haut: drei tanzende Frauenkörper, drei reizvoll verschattete Frauengesichter, drei sorgsam geschminkte, blinzelnde Augen in Großaufnahme.

Dazu hört man Männerstimmen, die mit ergriffener Stimme beschwören, was sie zu sehen glauben: ein "goldenes Geschöpf", ein "wildes Tier", ein Kindfrau-Wunder aus "Achselhöhlen, Ellenbeugenkuhle, Haut".

Die Sexualität ist ein dunkler Kontinent voller Abstraktionen in der "Lulu"-Inszenierung der griechischen Regisseurin Athina Rachel Tsangari bei den Salzburger Festspielen. Aus der 1894 entstandenen Urfassung des Skandalstücks von Frank Wedekind macht Tsangari, die als Filmemacherin mit sonderbar surrealistischen Filmen wie "Attenberg" (2010) berühmt wurde, eine zweistündige Sinnlichkeits-Beschwörung im dunklen Raum, den der Bühnenbildner Florian Lösche mit seinen Ballons gestaltet.

Genitalien in Aufruhr

Man sieht männliche Schauspieler mit angelegten Armen aus Luken im Bühnenboden nach oben gebeamt werden, als handle es sich um menschliche Phallusfiguren. Man sieht die drei Lulu-Darstellerinnen Isolda Dychauk, Anna Drexler und Ariane Labed eng umschlungen in einem blauschimmernden Plastikkokon über den Boden robben, sich aufrichten und die Plastikhaut abwerfen - und dann in rosa Tüllröckchen roboterhafte Tänze aufführen.

Kaum sind die Röcke abgeworfen, stürzt sich ein Mann auf einen drauf und vollführt eine ruckelnde Beischlafsimulation. Dazu hört man allezeit einen dräuenden Elektrosound, der mal nach Sigur Rós und mal nach Daft Punk klingt und von Mauricio Pauly komponiert wurde.

Wedekinds Stück erzählt die Geschichte der Kindfrau Lulu, die vom Zeitungsverleger Dr. Schön (Steven Scharf) aus der Gosse geholt wird und bald einer irren Männerschar den Kopf verdreht und die Genitalien in Aufruhr versetzt; Lulu wird zur Mörderin und flieht erst nach Paris und dann nach London, wo sie von Jack The Ripper gemeuchelt wird.

In lauter kleinen, gestochen scharfen Spielszenen lässt die Regisseurin Tsangari Lulus außer Rand und Band geratene Bewunderer zu Wort kommen, darunter den Medizinalrat Goll (Rainer Bock), den Maler Schwarz (Maik Solbach) und Dr. Schöns Sohn Alwa (Christian Friedel). Die über Mikroport gesprochenen Worte der Männer folgen der laut ins Dunkel gerufenen Losung "Was seid ihr bloß für Tiere!" und klingen bei aller männlichen Brunst wie Gebete, fast ergriffen rezitiert. Sie fügen sich ein in einen großen Mahlstrom aus Bildertheater und Tanz und Musik.

Immer wieder neue Fratzen und Verführungskunststücke

Schon bei Wedekind ist Lulu, von ihren Liebhabern mit Kosenamen wie "Mignon" oder "Nellie" bedacht, mehr die Idee der Lust als ihre Verkörperung: Nach dem Vollzug verlieren die zuvor wortreich um sie werbenden Bewunderer jedes Interesse an ihr, allenfalls sind sie noch scharf auf Lulus Geld.

Lulus Niedergang ist auch deshalb unaufhaltsam, weil sie nicht anders kann, als die Gier der Männer anzufachen. In der Salzburger Version der "Monstretragödie" wird daraus eine packende Selbstermächtigungs-Séance. Immer wieder probieren die drei Lulu-Darstellerinnen neue Kostüme, neue Fratzen, neue Verführungskunststücke aus - und entwickeln dabei nicht bloß eine zunehmende Ausdifferenzierung, sondern auch ein immer selbstbewussteres Auftreten. Im Programmheft verkündet Tsangari, sie erkenne in Lulu "die perfekte Personifizierung des 20. Jahrhunderts", nämlich "Engel, Monster, Kind, Muse, Tier, Bestie, Verführerin, Beute, Mörderin" - und gleichzeitig "die stürmische Geschichte der Weiblichkeit, vom männlichen Blick festgehalten".

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Wedekinds "Lulu": Die dunkle Seite der Begierde

Tatsächlich ist Tsangaris "Lulu" nicht unbedingt ein feministisches Statement, sondern eher ein Bühnen-Essay darüber, was die Lulu den Menschen heute sein kann. Tsangari zeigt: Geilheit, zumindest die männliche, ist stets die reine Projektion. Ganz folgerichtig ist das unerfüllte Begehren das einzige, das in dieser Inszenierung eine große emotionale Wucht zeitigen darf.

Die Schauspielerin Fritzi Haberlandt spielt die unglücklich in das Zauberwesen Lulu verliebte, sich zunächst noch mit Stolz zu ihren Gefühlen bekennende Gräfin Geschwitz, die ihr nach Paris und London folgt und ihren Niedergang zurück in die Gosse begleitet - und dabei Lulu doch nie nahekommen darf. Mit aschfarbenen Haaren, den Körper schmerzvoll verkrümmt, steht Haberlandt am Ende auf der Bühne und klagt herzzerreißend ihr Unglück an.

Am Ende dieser herausragenden Premiere des diesjährigen Salzburger Schauspielprogramms gibt es zu Unrecht viele Buhs. Mag sein, dass Athina Rachel Tsangari den Festivalgästen das lukullische Schauspielertheater verweigert, das sich manche erhofft haben. Dafür hat die Regisseurin den Salzburgern einen klugen, schönen, hochmusikalischen Rausch aus Bildern und Worten geschenkt.


"Lulu": Weitere Vorstellungen nur noch am 19. (ausverkauft), 20., 22., 24., 25., 27. und 28.8. auf der Perner-Insel, Hallein, im Rahmen der Salzburger Festspiele.



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me-privat 18.08.2017
1.
"...gibt es zu Unrecht viele Buhs..." Zu Unrecht sicher nicht, Herr Höbel, sondern absolut zurecht. Schließlich wird Theater für das Publikum inszeniert und nicht für "Kritiker"! Bei 3Sat heißt es übrigens "Buh-Orkan"..., jedenfalls von den verbliebenen Zuschauern, die sich das Ganze bis zum Schluß angetan haben. "...Dafür hat die Regisseurin den Salzburgern einen klugen, schönen, hochmusikalischen Rausch aus Bildern und Worten geschenkt..." Anderen Kritiken zufolge hätten die Meisten gern auf dieses teure "Geschenk" verzichtet und stattdessen lieber Theater für das Publikum gesehen...
niska 18.08.2017
2.
Ich denke nicht, dass es zu unrecht viele Buhs gab. Das Salzburger Publikum hat ein sehr feines Gespür dafür, wann es eine außergewöhnliche Inszenierung zu sehen bekommt und wann es schlicht verarscht wird. Nach dem was man so liest hat Tsangari die arme Lulu inhaltlich völlig ausgebeint und in einem Gagabällebad ertränkt. Achtung Spoiler: Selbst der Ripper wurde weggespart und die dreiuneinige Lulu musste sich gar selbst erschiessen. Man kann schon, wenn man es kann, bei einem Stück Freiheiten in der Inszenierung umsetzen. Aber nicht soweit, dass nur noch der Titel bleibt. Das ist Irreführung. Man sollte aus der Lulu kein beliebiges Lalatheater machen.
khs1959 18.08.2017
3. Armselige Kunst
Gestatten Sie mir eine Frage. Haben Sie die Inszenierung gesehen? Ihr apodiktisches Urteil ("absolut zurecht") legt das zwar nahe, aber so ganz bin ich mir da nicht sicher. Nun, ich persönlich war nicht dabei und enthalte mich daher eines Urteils über die Leistung von Regisseurin und Schauspieler. Allerdings sind "Buhs" am Ende kein Indiz für den künstlerischen Wert einer Inszenierung oder eines Bühnenstücks. Die gab es beispielsweise auch zuhauf bei der Premiere des "Jahrhundertrings" in Bayreuth oder bei der Uraufführung von Strawinskys "Sacre" am 29. Mai 1913 in Paris. Wie armselig wäre Kunst, wenn sie immer und ausschließlich auf den jeweiligen Geschmack des Publikums abzielt.
regula2 18.08.2017
4. Opernkenner
Welcher Opernkenner käme auf die Idee, ausgerechnet das Salzburger Publikum zum Mass der künstlerische Bewertung einer Inszenierung zu machen?
niska 18.08.2017
5.
Zitat von regula2Welcher Opernkenner käme auf die Idee, ausgerechnet das Salzburger Publikum zum Mass der künstlerische Bewertung einer Inszenierung zu machen?
Welcher Opernkenner käme auf die Idee, die Salzburger Lulu sei eine Oper?
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