Sibylle Berg

Hoffnung auf eine neue Welt Pflegen Sie ihre Wut!

Machen Konzerne und alte Männer so weiter, wird die Erde bald unbewohnbar sein. Wer für eine Zukunft der Gleichberechtigung und Rücksichtnahme ist, darf nicht länger schweigen. Wir sind viele!
Mit Demonstrationen für die Zukunft

Mit Demonstrationen für die Zukunft

Foto: Paul Zinken/ dpa

Jeder gute Text über Frauen beginnt mit Männern. Wie die Welt mit dem Herrgott begonnen hat, der ja auch ein Mann war, denn sonst würde Religion keinen Sinn ergeben.

Für einige Männer, es sind nur die lauten, darum könnte man meinen, sie seien die Mehrheit, ist es gerade eine gute Zeit. Der Moment der Rache, der Revanche, des großen Ichs, eines starken Männerkörpers ist gekommen. Einige Männer, nicht die Mehrheit, findet sich, befeuert durch manipulative Deppen, endlich wieder in starken Kampfgruppen zusammen, sie trainieren ihre Muskeln für den Endkampf, sie laufen im Gleichschritt und freuen sich auf die Dusche danach.

Warum gibt es einen Backlash?

Frauen finden bald endlich wieder nur als Ersatzteillager des Mannes, als wandelnder Brutkasten und patente Putzfrau mit Koch- und Besamungsfunktion statt. Hoffen sie. Das wars auch schon an fundiertem Genderbashing. Kritik, oft ein anderes Wort für das Rumgenöle jener, die sich unterlegen sehen, ist das Ding der Stunde, unterdessen können wir zum Beispiel zwischen gefühlt fünf Millionen Sachbüchern (Sachbuch ist der neue Roman für Menschen, die sich schnell mal eine Meinung ins Regal stellen wollen) nachlesen, warum es einen Backlash gibt, wie er sich anfühlt, in welchem historischen Kontext (immer was mit Hitler) er einzuordnen ist.

Wenige Bücher gibt es hingegen, die die Frage: "Und nun?" beantworten. Darum übernehme ich das. Die Zukunft unserer Gesellschaften scheint auf Wut gebaut zu werden - Männer sind wütend, weil sie vermeintliche Privilegien verlieren, die ihnen Kraft Penis zustünden.

Junge Menschen sind wütend über die kurzsichtige Politik der Erdauffressung, über Politiker slash Konzerne, die trotz klarer Faktenlage weitermachen, als gäbe es weder Tierarten noch Insektensterben, keine Klimakatastrophe, die sich anbahnt, keinen Mangel an Wohnraum. Frauen sind wütend, weil sie immer noch Menschen zweiter Klasse sind, nach wie vor Angst um ihr Leben haben müssen, weil sie so oft "Familientragödien" wie Vergewaltigungen und Misshandlungen zum Opfer fallen.

Wut zu einer positiven Macht formen

Weil alte oder halb-alte Säcke versuchen, über ihre Körper zu bestimmen, weil alte und halb-alte Säcke nach wie vor über die Produktionsmittel und das Kapital verfügen und damit die Gesetze machen oder gemachte Gesetze nicht einhalten. Entscheidend wird nun sein, wessen Wut sich zu einer positiven Macht formen kann.

Nun, liebe Menschen, welche Zukunft hätten sie denn gern? Die der Nationalisten slash Reaktionären slash Turbokapitalisten, die in ein paar Jahrzehnten die Erde komplett ruinieren und fast unbewohnbar machen werden? Oder wollen wir auf die Wut der Frauen, der Jugendlichen und der Männer, die erkannt haben, dass ein Rückfall in patriarchale Strukturen das Ende der Menschheit bedeuten kann, setzen?

Die letzte Gruppierung ist eine gewaltige Macht, mehr als die Hälfte der Menschheit. Diese Gruppe hat ein gewaltiges, verbindendes Moment: Sie wird unterschätzt und nicht ernst genommen. Sie hat einen großen Vorteil: Ihre Anliegen sind - wenn man an den Erhalt der Menschheit glauben möchte - sinnvoll. Vermutlich wird es nicht gelingen, den reaktionären Kräften nur mit den Mitteln der demokratischen Wahlen entgegenzutreten .

Wo und wie kann man sich engagieren?

Aber es ist ein guter Weg, etwas zu ändern, Parteien, die frauenfeindliche, umweltbescheuerte, kapitalismusanbiedernde Politik machen, abzuwählen. Der erste Schritt. Aktiv kann man sich in großen Streiks wie dem Jugend-Umweltstreik, den Frauenstreiks  in allen Ländern zusammenfinden und vernetzen.

Man kann aktiv für mehr Sichtbarkeit und eine Revision der Geschichte im Netz sorgen.

https://twitter.com/Visible_Women 
https://speakerinnen.org/ 
https://diekanon.org/ 

Man kann Druck auf Talkshows und Podien ausüben, auf Firmen und Institutionen, die sich Quoten und Gleichberechtigung fossilhaft widersetzen. Man kann seine Wut in Aktion umwandeln. Denn überall werden sie laut. Frauen, die ihr Menschenrecht auf Gleichberechtigung einfordern, haben genug von all dem männererfundenen Schwachsinn fraternisierender Männerbünde, der sie seit Ewigkeiten ausschloss, verwaltete, maßregelte, erniedrigte.

Die Kurzanleitung zur Revolution heißt nicht mehr als: Pflegen Sie ihre Wut. Leben Sie sie aus, nähren Sie sie. Schließen Sie sich zusammen mit anderen Frauen, mit Männern, die eine neue Welt gestalten wollen, mit Jugendlichen, verschwenden Sie keine Zeit mit Klagen. Es ist genug geredet. Haben Sie keine Angst. Wir sind viele!

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