Hoffnung auf eine neue Welt Pflegen Sie ihre Wut!

Machen Konzerne und alte Männer so weiter, wird die Erde bald unbewohnbar sein. Wer für eine Zukunft der Gleichberechtigung und Rücksichtnahme ist, darf nicht länger schweigen. Wir sind viele!

Mit Demonstrationen für die Zukunft
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Mit Demonstrationen für die Zukunft

Eine Kolumne von


Jeder gute Text über Frauen beginnt mit Männern. Wie die Welt mit dem Herrgott begonnen hat, der ja auch ein Mann war, denn sonst würde Religion keinen Sinn ergeben.

Für einige Männer, es sind nur die lauten, darum könnte man meinen, sie seien die Mehrheit, ist es gerade eine gute Zeit. Der Moment der Rache, der Revanche, des großen Ichs, eines starken Männerkörpers ist gekommen. Einige Männer, nicht die Mehrheit, findet sich, befeuert durch manipulative Deppen, endlich wieder in starken Kampfgruppen zusammen, sie trainieren ihre Muskeln für den Endkampf, sie laufen im Gleichschritt und freuen sich auf die Dusche danach.

Warum gibt es einen Backlash?

Frauen finden bald endlich wieder nur als Ersatzteillager des Mannes, als wandelnder Brutkasten und patente Putzfrau mit Koch- und Besamungsfunktion statt. Hoffen sie. Das wars auch schon an fundiertem Genderbashing. Kritik, oft ein anderes Wort für das Rumgenöle jener, die sich unterlegen sehen, ist das Ding der Stunde, unterdessen können wir zum Beispiel zwischen gefühlt fünf Millionen Sachbüchern (Sachbuch ist der neue Roman für Menschen, die sich schnell mal eine Meinung ins Regal stellen wollen) nachlesen, warum es einen Backlash gibt, wie er sich anfühlt, in welchem historischen Kontext (immer was mit Hitler) er einzuordnen ist.

Wenige Bücher gibt es hingegen, die die Frage: "Und nun?" beantworten. Darum übernehme ich das. Die Zukunft unserer Gesellschaften scheint auf Wut gebaut zu werden - Männer sind wütend, weil sie vermeintliche Privilegien verlieren, die ihnen Kraft Penis zustünden.

Junge Menschen sind wütend über die kurzsichtige Politik der Erdauffressung, über Politiker slash Konzerne, die trotz klarer Faktenlage weitermachen, als gäbe es weder Tierarten noch Insektensterben, keine Klimakatastrophe, die sich anbahnt, keinen Mangel an Wohnraum. Frauen sind wütend, weil sie immer noch Menschen zweiter Klasse sind, nach wie vor Angst um ihr Leben haben müssen, weil sie so oft "Familientragödien" wie Vergewaltigungen und Misshandlungen zum Opfer fallen.

Wut zu einer positiven Macht formen

Weil alte oder halb-alte Säcke versuchen, über ihre Körper zu bestimmen, weil alte und halb-alte Säcke nach wie vor über die Produktionsmittel und das Kapital verfügen und damit die Gesetze machen oder gemachte Gesetze nicht einhalten. Entscheidend wird nun sein, wessen Wut sich zu einer positiven Macht formen kann.

Nun, liebe Menschen, welche Zukunft hätten sie denn gern? Die der Nationalisten slash Reaktionären slash Turbokapitalisten, die in ein paar Jahrzehnten die Erde komplett ruinieren und fast unbewohnbar machen werden? Oder wollen wir auf die Wut der Frauen, der Jugendlichen und der Männer, die erkannt haben, dass ein Rückfall in patriarchale Strukturen das Ende der Menschheit bedeuten kann, setzen?

Die letzte Gruppierung ist eine gewaltige Macht, mehr als die Hälfte der Menschheit. Diese Gruppe hat ein gewaltiges, verbindendes Moment: Sie wird unterschätzt und nicht ernst genommen. Sie hat einen großen Vorteil: Ihre Anliegen sind - wenn man an den Erhalt der Menschheit glauben möchte - sinnvoll. Vermutlich wird es nicht gelingen, den reaktionären Kräften nur mit den Mitteln der demokratischen Wahlen entgegenzutreten.

Wo und wie kann man sich engagieren?

Aber es ist ein guter Weg, etwas zu ändern, Parteien, die frauenfeindliche, umweltbescheuerte, kapitalismusanbiedernde Politik machen, abzuwählen. Der erste Schritt. Aktiv kann man sich in großen Streiks wie dem Jugend-Umweltstreik, den Frauenstreiks in allen Ländern zusammenfinden und vernetzen.

Man kann aktiv für mehr Sichtbarkeit und eine Revision der Geschichte im Netz sorgen.

https://twitter.com/Visible_Women
https://speakerinnen.org/
https://diekanon.org/

Man kann Druck auf Talkshows und Podien ausüben, auf Firmen und Institutionen, die sich Quoten und Gleichberechtigung fossilhaft widersetzen. Man kann seine Wut in Aktion umwandeln. Denn überall werden sie laut. Frauen, die ihr Menschenrecht auf Gleichberechtigung einfordern, haben genug von all dem männererfundenen Schwachsinn fraternisierender Männerbünde, der sie seit Ewigkeiten ausschloss, verwaltete, maßregelte, erniedrigte.

Die Kurzanleitung zur Revolution heißt nicht mehr als: Pflegen Sie ihre Wut. Leben Sie sie aus, nähren Sie sie. Schließen Sie sich zusammen mit anderen Frauen, mit Männern, die eine neue Welt gestalten wollen, mit Jugendlichen, verschwenden Sie keine Zeit mit Klagen. Es ist genug geredet. Haben Sie keine Angst. Wir sind viele!



insgesamt 99 Beiträge
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Seite 1
ruhepuls 02.03.2019
1. Alte Frauen - statt alte Säcke?
Überall, wo Frauen an der Macht sind, tun sie das gleiche, wie die "alten Säcke". Was lernen wir daraus? Es ist "unten" immer einfach zu glauben, dass "oben" nur etwas anders gemacht werden müsste - und schon hätten wir eine bessere Welt. Bisher hat allerdings jeder und jede, die nach "oben" kamen, dann das gleiche getan, was sie vorher angeprangert hatten.
Kurt Tucholsky 02.03.2019
2. Ich bin weise, ohne Frage!
Erfahrung heißt gar nichts. Man kann seine Sache auch 35 Jahre schlecht machen
Kurt Tucholsky 02.03.2019
3. Frage
Wie sähe die heutige Welt aus, läge die Lebenserwartung eines Menschen bei 42,3 Jahre? Hätte dann die CSU oder AfD eine ähnlich große Stammwählerschaft? Wären Klimawandelskeptiker weiterhin in derart behindender Art tätig? Gäbe es mehr Bienen?
moritz27 02.03.2019
4. Liebe Frau Berg,
es wäre tatsächlich schön, wenn Frauen sich mehr engagieren und zum Beispiel einmal zu mindestens 50% die Mitglieder von Parteien würden. Kostet halt Arbeit, Zeit und Kompromissbereitschaft. Und gerade bei letzterem fehlt es bei vielen "kämpferischen Frauen". Die wollen nämlich nur, dass ihre Meinung gilt und sich durchsetzt und sehen in einer Abstimmungsniederlage über ein Thema nicht etwa, dass sich vielleicht andere und bessere Argumente durchgesetzt haben, sondern betrachten es oft als persönliche Niederlage und Kränkung. Ich verzichte hier auf Namensnennungen oder selbst erlebte Beispiele. Übrigens leben in meinem Umfeld Frauen und Männer immer noch in lang anhaltenden liebevollen Beziehungen und befinden sich nicht im Kriegszustand. Helfen Sie mir. Was läuft in unserer Gegend falsch? Was müssen wir ändern, damit wir endlich auch die Wut entfachen können?
Lykanthrop_ 02.03.2019
5.
So mal eben kurz aus der Ferne ist Frau Berg wohl nichts besseres eingefallen, als eine alte abgewetzte Kolumne aufzutauen. Mal wieder sind es die bösen Männer, alles klar, wer denn sonst. Wie ist Frau Berg eigentlich nach Afrika gekommen, ich hoffe nicht mit dem Flugzeug. Diese ausgelutschte Debatte um die bösen Männer.. dazu sind alle Kommentare geschrieben. Die gute Jugend, die heute demonstriert und morgen wieder dem Konsumrausch verfällt ist das Bio Label auf dem Neusseländischen Apfel. Ein kleiner Fortschritt, aber keine Lösung. Wir sollten uns selbst als Teil der Probleme sehen und nicht das Böse an einem Geschlecht festmachen, dann bleibt noch Hoffnung.
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