Aufschwung der Fundamentalisten Die Angst vor der Freiheit

Warum fällt es so schwer, die Prinzipien des Westens gegen ihre Feinde zu verteidigen? Der Psychoanalytiker Carlo Strenger liefert in seinem "Wegweiser für unsichere Zeiten" lesenswerte Antworten.

Fundamentalistische Christen in Blairsville, USA.
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Fundamentalistische Christen in Blairsville, USA.

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"Ich verachte die Bücher, die einem erzählen, wie man sich selbst glücklich macht", soll der Philosoph Slavoj Zizek einst erklärt haben. "Die erste Pflicht der Philosophie ist es, dich verstehen zu lassen, wie tief du in der Scheiße sitzt." Derart drastisch würde es der Psychoanalytiker Carlo Strenger nicht ausdrücken. Gleichwohl sind die anthropologischen Annahmen seines neuen Buches "Abenteuer Freiheit" nicht eben erleichternd.

Der Mensch ist, schreibt Strenger, "das unmögliche Tier", wir sind verletzlich, wir altern, wir sterben, und bis es so weit ist, begehren wir mehr, als wir bekommen können. Im Gegensatz zum Tier wissen wir um unsere Endlichkeit wie auch um die Unmöglichkeit dauerhaften Glücks und können mit diesem Bewusstsein nicht wirklich leben: "Selbst diejenigen, die sich riesige Mausoleen errichten lassen, werden von Panik erfasst, wenn sie dem Tod ins Auge blicken."

All das wäre an und für sich noch nichts Neues. Freuds These, man könne bestenfalls darauf hoffen, neurotisches Elend in gemeines Unglück zu verwandeln, zitiert Strenger natürlich und teilt, bei allen theoretischen Differenzen, den abgeklärten Gestus des Gründers der Psychoanalyse: Die Idee, das Glück sei der Normalfall, sei schlicht eine Illusion.

Originell allerdings ist, wie hier die These von der Unmöglichkeit absoluten Glücks in seine streitbare Zeitdiagnose eingebunden wird. "Abenteuer Freiheit" nämlich ist - dem etwas irreführenden Untertitel "Ein Wegweiser für unsichere Zeiten" zum Trotz - kein psychologischer Ratgeber, sondern ein kulturkritischer Essay. Sein Ausgangspunkt ist die Frage, warum es zurzeit so schwer fällt, die "Kultur des Westens" gegen ihre Feinde zu verteidigen. Die Antwort sieht Strenger im religiösen Fundamentalismus, vor allem in islamistischen Bewegungen, deren Versprechungen eindeutiger sind als die Freiheitsidee des Westens : "Menschen brauchen ideologische Schutzschilde, um mit ihrer Endlichkeit und Verletzlichkeit leben zu können." Sie versprechen den Verstörten ein Korsett, das es ihnen ersparen soll, mit den Anforderungen der Moderne zurechtkommen zu müssen. Die Furcht vor der Freiheit sei "die tiefste Motivation für unmenschliche Handlungen".

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Carlo Strenger:
Abenteuer Freiheit - Ein Wegweiser für unsichere Zeiten

Edition Suhrkamp, 122 Seiten, 14 Euro

Die These, es sei die Angst vor der Freiheit, die Menschen zu Terroristen werden lässt, mutet steil an, wird aber plausibler, wenn man sich anschaut, was genau hier mit Freiheit gemeint ist. Als Kern der westlichen Kultur bestimmt Strenger das Ideal des autonomen Menschen, das jedem als Aufgabe gestellt ist. Das "unmögliche Tier" wurde im Zuge der Aufklärung mehr und mehr von religiösen und staatlichen Vorschriften befreit, die ihm erklären, wer und was es zu sein hätte. Damit ist es aber auch gezwungen, selbst Verantwortung für sich zu übernehmen - idealerweise im Bewusstsein der grundlegenden Tragik seiner unbehausten Existenz. Wer das nicht aushält, flüchtet sich im besten Fall in Konsumismus und verzweifelte Selbstoptimierungsversuche, die zeittypischen Versprechen falschen Glücks laut Strenger. Im schlimmsten Fall flüchtet man sich in die autoritären Versprechen der Feinde der Moderne.

Die Bücher Carlo Strengers sind gerade für Linke lesenswert

An diesem Punkt knüpft Strenger, der sich selbst als "linksliberal" bezeichnet, an sein vorangegangenes Buch "Zivilisierte Verachtung" an: Die Linke sei nicht mehr gewillt, die Errungenschaften des Westens zu verteidigen und würde den Kampf fatalerweise der Rechten überlassen, die die Autonomie aber bereits selbst untergräbt. Er diagnostiziert "Infantilisierung" und "politische Apathie" bei den Generationen, die Demokratie und bürgerliche Freiheiten nicht mehr erkämpfen mussten, sondern als schlichte Selbstverständlichkeiten kennengelernt haben. Dazu käme, dass unsere Kultur die Idee installiert habe, es gebe einen einforderbaren Anspruch auf Glück: "Die Vorstellungen, Freiheit erschöpfe sich in der Wahlmöglichkeit zwischen Produkten und das Glück stehe uns einfach so zu, haben dafür gesorgt, dass die Idee, man müsse an sich arbeiten, um als Mensch autonom zu werden, aus der Mode gekommen ist."

Was sich auf den ersten Blick wie eine Lektion in wertkonservativer Kulturkritik liest, zielt auf etwas anderes. Carlo Strenger möchte an die Philosophie der Aufklärung anschließen und das Ideal der Autonomie in Zeiten bewahren, in denen autoritäre Lösungen von immer mehr Menschen begrüßt werden. Dagegen lässt sich nicht viel einwenden - nur dass Strengers Argumentation die materiellen Voraussetzungen der bewahrenswerten Freiheit nur am Rande streift. An dem Punkt wäre eine Kritik, die nicht vom Westen, sondern vom Kapitalismus spricht, nach wie vor klärend. Ein Teil des Unwillens, die vielzitierten westlichen Werte zu verteidigen, wird sich nämlich nach wie vor aus dem Wissen um die Verheerungen speisen, die im Namen dieser Werte geschehen sind. Und aus dem Wissen um das globale ökonomische Gefälle, das die Voraussetzung für den Reichtum des Westens bildet.

All das widerspricht allerdings nicht der Forderung, das erreichte Maß der Freiheit als Pflicht und Aufgabe und nicht als Garantie auf Glück zu verstehen. Die Bücher Carlo Strengers sind gerade für Linke lesenswert, die angesichts der politischen Entwicklung in den USA wie auch in Europa mehr und mehr realisieren, dass die westlichen Werte (und vor allem die rechtlichen Voraussetzungen dieser Werte) bewahrenswerter sind, als man in saturierteren Zeiten glauben wollte.



insgesamt 33 Beiträge
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Magic Sunray 15.02.2017
1. Widersprüchlich!
Dafür, dass der Herr sich als "linksliberal" bezeichnet, rekurriert er aber ziemlich heftig auf sozial-evolutionäre Thesen. Außerdem scheint er die Willkürlichkeit des Vorzuges des Individualismus gegenüber dem Kollektivismus außer Acht zu lassen. Die Beliebigkeit der Postmoderne stellt sich aber tatsächlich als Herausforderung heraus gegenüber einer prä-modernen Eindeutigkeit.
chrho67 15.02.2017
2. Problem als Lösung?
Die Psychoanalyse hat uns doch erst auf den Trip gebracht, es ginge um innere Zustände, Gefühle usw. Da wird man sich doch jetzt nicht beschweren, wenn viele Leute Glück suchen und darunter autosuggestiv induzierte, grundlose Glücksgefühle verstehen? Religion nimmt sich natürlich selbst viel zu ernst - aber sie nimmt eben überhaupt noch etwas ernst; ihre Themen sind offensichtlich von Belang. Dass "wir" hier im Westen mit Wohlstand und Konsumsicherung bereits rundum zufrieden sind - trotz Umweltzerstörung, >50% Übergewichtigen, hoher Scheidungsrate, geringer Geburtenrate usw. - beweist ja nicht schon die Überlegenheit des westlichen Lebensstils, oder?
gelbesvomei 15.02.2017
3. Trotzdem
Es kommt natürlich auf den Blickwinkel an. Aus einer erzkonservativen Gesellschaft heraus (Konservierung althergebrachter Hierarchien und Strukturen und Moralvorstellungen) gibt es zweifellos immer noch diese Strahlkraftt von Freiheit und Selbstbestimmung. Genau das erkennen ja z.B. die Verfechter eines rückwärtsgewandten, fundamentalistischen Islam. Die Jugend geht von der Stange. Und die Religiösen Eliten suchen ihr Heil in der Polarisierung. Im Ergebnis wandert ein großer Anteil trotzdem in die westliche Wertesphäre ab, während ein anderer Großteil stärker an die Traditionen gebunden wird - und unter diesen auch ein Teil eine extreme, kämpferische (bis hin zur terroristischen) Haltung einnimmt. Ob diese Spaltung den Islam letztlich (nach den Maßstäben konservativ-religiösr Kreise) stärkt oder schwächt ist meines Erachtens noch nicht ausgemacht.
frytom 15.02.2017
4.
Ich als (nur) Linker trete natürlich für Werte ein. Kapitalismus ist kein Wert. Kapitalismus ist genau des Gegenteil von Wert. Er ist wertlos, denn Kapitalismus kennt keine Werte, das ist genau die Krankheit der Moderne. Das mag hart klingen, aber es steckt was drin. Purer Sozialdarwinismus prägt eine Gesellschaft, vom Kopf (Elite) ausgehend runter den ganzen Körper der Gesellschaft. Wir sind süchtig nach kapitalistischem Verhalten geworden. Jedenfalls leider die meisten von uns. Unser Konsumismus wird der ganzen Humanwelt letztlich das Genick brechen. Linksliberale, sind Liberale (Neoliberale mit Gender- und PC-Touch), alles bloß keine Linken. Denn Linke haben kapiert, dass eben das Wachstum der Umverteilung von unten nach oben, die Ursache für die Probleme der Welt sind. Linke setzen sich für Verteilungsgerechtigkeit ein, die (durch entsprechende Handlungen!) hergestellt werden muss. Linke bleiben nicht im Geschwafel stecken. Wir brauchen wieder entscheidend mehr "wir" an Stelle von "ICH". Das Kollektive muss dringend wieder in den Fouks der Allgemeinheit geraten, sonst wird auch bei uns religöser oder völkischer Wahn noch mehr um sich greifen. Gerade weil der propagierte Weg der Glückfindung über Konsumismus immer weniger funktioniert, weil immer mehr ihn sich nicht mehr leisten können. Weltweit - so ist das eben in einer globalisierten Welt, die Gewinner werden immer weniger - genau das ist die Absicht des großen Planes des NL. Gerade weil der Neoliberalismus nur auf "ICH" fokussiert ist, wird das Gemeinschaftliche, Verbindende zersetzt, wir sehen und ernten immer mehr die Folgen in allen Bereichen...
anonymousx 15.02.2017
5. Ganz einfach!
Es ist deshalb so schwer die Ideale zu verteidigen, weil wir ihnen selbst nicht treu sind. Der Entwicklungsstand und der Reichtum des Westens basieren auf der Unterversorgung und der Ausbeutung einer immensen Menge an Menschen in anderen Weltreligionen, unsere demokratischen Grundsätze werden stetig ausgehölt, den Kindern Bestechung und Korruption werden neue, verwaschenere Namen gegeben, in andere Länder bringen diese Grundsätze im Schweife der Tomahawks und Sidewinders nur Tod und Leid. Das Völkerrecht, welches eigentlich die Ordnung auf der Welt sicherstellen soll wird stetig offen und vor allem verdeckt durch uns verletzt! Glaubt man ernsthaft einen Syrer oder einen Lybier von den westlichen Idealen überzeugen zu können, wenn ausländische Konzerne die Industrien der Länder in der Hand haben und die Waffen in den Händen der Extremisten aus den Schmieden der westlichen Welt kommen? Irgendwann muss doch der Groschen mal fallen!
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