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26. Januar 2005, 18:17 Uhr

Auschwitz-Jahrestag

Intellektuelle protestieren gegen "Flick Collection"

Zum 60. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz protestieren zahlreiche Intellektuelle, darunter Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, heftig gegen die Berliner Ausstellung der "Flick Collection". In einer Zeitungsanzeige werfen sie Bundeskanzler Schröder die "Stilllegung der Erinnerung an die Schoah" vor.

Kunstsammler Flick, Bundeskanzler Schröder (bei der Eröffnung der Ausstellung am 21. September 2004): "Normalisierungsregime der Neuen Berliner Mitte"
DPA

Kunstsammler Flick, Bundeskanzler Schröder (bei der Eröffnung der Ausstellung am 21. September 2004): "Normalisierungsregime der Neuen Berliner Mitte"

Berlin - Der Aufruf zur Schließung der sogenannten Flick Collection im Berliner Museum für Gegenwart, der von 240 Intellektuellen, Professoren und Initiativen unterzeichnet wurde, soll nach Angaben der Initiatoren am Donnerstag als Anzeige in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ("FAZ") veröffentlicht werden.

Zu den Unterzeichnern gehören neben der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek auch der Intendant der Berliner Volksbühne, Frank Castorf, die Rockmusiker Dirk von Lowtzow (Tocotronic) und Jochen Distelmeyer (Blumfeld), die New Yorker Künstlerin Anna Blume, die Berliner Schriftstellerin Katharina Hacker und der Dramatiker René Pollesch sowie die Wochenzeitung "Freitag" und der Verbrecher Verlag. Der Text der Anzeige mit dem Titel "Heil dich doch selbst. Die 'Flick Collection' wird geschlossen" wurde anlässlich der gleichnamigen Veranstaltung im Berliner Theater Hebbel am Ufer (HAU) am 16. Dezember vergangenen Jahres verfasst.

Die Initiative wirft Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), dem Land Berlin und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz vor, mit ihrer Unterstützung für die Sammlung von Friedrich Christian Flick "zur Stilllegung der Erinnerung an die Schoah" beizutragen. Die Ausstellung sei ein "Denkmal für den Flickreichtum", den der Sammler von seinem Großvater, dem NS-Rüstungsunternehmer Friedrich Flick, geerbt habe. 1944 arbeiteten in den Flick-Werken fast 50.000 Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge. Weder Friedrich Flick noch sein Enkel Friedrich Christian hätten jemals Entschädigungen gezahlt.

Den Unterzeichnern gehe es mit dem Aufruf gegen die Ausstellung jedoch nicht darum, Flick das Sammeln von Kunst zu untersagen oder die Geschichte der NS- und Arisierungsgewinne allein an der Person des Konzernerbens festzumachen, heißt es in einer Presse-Erklärung der Initiative. Der Aufruf wende sich vielmehr gegen das "Normalisierungsregime der Neuen Berliner Mitte" sowie die "Entleerung und Konsequenzlosigkeit des Erinnerns" an die Nazi-Verbrechen. Hierfür sei die "Flick Collection" das zentrale und aktuellste Symptom.

Kick der Überdimensionalität

Die Ausstellung sei durch "die enge Zusammenarbeit zwischen Bundesregierung, Berliner Kulturpolitik, Stiftung Preußischer Kulturbesitz und Staatliche Museen Berlin mit dem Sammler" ermöglicht worden - eine Konstellation, so die Unterzeichner, "die es Flick erlaubt, seine Kunstsammlung gegen die noch lebenden Zwangsarbeiterinnen auszuspielen". Allein schon die Größe der Sammlung sei Teil eines Normalisierungssymptoms: "Der Kick der Überdimensionalität, der zur Logik des neuen Hauptstadtkulturspektakels gehört - initiiert von einer Kulturpolitik, die alle Scheinargumente Flicks aufgreift, um die nicht geleisteten Entschädigungen zu ignorieren."

Zitiert wird Michael Fürst, Mitglied des Zentralrats der Juden und Vorsitzender der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen, und dessen Erklärung zum 60. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung: "Wenn der Bundeskanzler anlässlich der staatszeremoniellen Eröffnung der Flick-Ausstellung es nicht für nötig hält, ein Wort des Mitgefühls für die noch lebenden Opfer der Flick-Zwangsarbeiter/innen zu finden, und das Ziel von Flick unterstützt, mit seiner Kunstsammlung den belasteten Familiennamen 'auf eine neue positive Ebene' zu stellen, dann ist das ein eindeutiges Signal für eine neue Geschichtsbetrachtung."

Die im Vorwege heftig umstrittene Schau im Museum für Gegenwart am Hamburger Bahnhof war im Herbst 2004 eröffnet worden. Flick hat die Kollektion mit 2700 Werken moderner Kunst für zunächst sieben Jahre zur Verfügung gestellt. Im Dezember verzeichnete die Ausstellung bereits über 150.000 Besucher.

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