Ausreißer-Roman auf der Bühne "Tschick" sucht neue Freunde

"Wir stehen über den Dingen": Von diesem Gefühl handelt der großartige Jugendroman "Tschick" von Wolfgang Herrndorf. Jetzt erobert er auch die deutschen Stadttheaterbühnen. Erste Station ist Dresden.

Gibt es noch erfolgreiche Romane, die es nicht auf die Bühne schaffen? Harry Potter vielleicht, wahrscheinlich sind die Rechte zu teuer, oder der Aufwand ist einfach zu groß. Denkbar allenfalls als Puppentheater. Alles andere aber lässt sich auf der Bühne verarbeiten, von Helene Hegemann über Charlotte Roche bis zu, jüngstes Beispiel, Wolfgang Herrndorfs "Tschick", einem Roman, der unter anderem mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde. Die Frage ist nur: Wieso stellt man das auf die Bühne?

"Weil es viele Andockpunkte zum Theater gibt", sagt der Regisseur Jan Gehler, 28, der jetzt die Uraufführung von "Tschick" in Dresden inszeniert. "'Tschick' ist ein guter Theatertext, weil die Bilder und Geschichten des Romans viele Anlässe zum Spielen geben." Das scheinen auch andere so zu sehen: Schon Anfang Dezember zeigt das Deutsche Theater Berlin die von Robert Koall erarbeitete Bühnenfassung des Buches, es folgen Karlsruhe (Februar), Osnabrück (April), Potsdam (Mai), Nürnberg (Juni).

Der Roman handelt von zwei pubertierenden Jungs aus Berlin, die ein Auto klauen, sich damit auf "in die Walachei" machen und unterwegs nicht vernünftiger, aber ein bisschen erwachsener werden: Maik heißt der eine, etwas wohlstandsverwahrloste Protagonist, Tschick sein Freund, er stammt aus einer Familien von Russland-Deutschen. Die Reise der beiden geht durch Deutschlands Osten, weitgehend unbewohnt, beziehungsweise wenn, dann von ziemlich verschrobenen, aber meist überraschend liebenswürdigen Menschen.

Leerstellen muss der Zuschauer im Kopf ausfüllen

Als Film wäre es ein klassisches Roadmovie, die Jury des Jugendliteraturpreises lobte ausdrücklich den Spannungsbogen "bis zum filmreifen Finale". Der Theaterregisseur Gehler ist dagegen angewiesen auf das "Kopfkino" des Publikums: Einige Szenen werden nachgespielt, vieles wird nur erzählt, "die Leerstellen muss der Zuschauer im Kopf ausfüllen - dadurch entsteht bei uns die Geschwindigkeit", sagt er.

Maik ist nicht nur im Buch, sondern auch auf der Bühne der Erzähler, der die Geschichte erschafft, "aber die anderen Figuren ziehen ihn immer wieder rein in die direkte Handlung", sagt Gehler über sein Inszenierungskonzept - eine inzwischen für Romane bewährte Methode auf dem Theater.

Und noch ein Problem gilt es zu überwinden: Die Helden im Buch - zu den beiden Jungs gesellt sich bald ein Mädchen - sind noch im Teenageralter, ihre Dresdner Darsteller sind Profis, gut zehn Jahre älter. Der Regisseur will das mit Spiellust und Körperlichkeit ausgleichen, das pubertäre "Wir stehen über den Dingen" durch ein etwas überzogenes Spiel herstellen. Theater eben.

Wenn es funktioniert, wird es, wie schon das Buch, eine Geschichte für Jugendliche wie Erwachsene gleichermaßen. Herrndorfs Sprache, die er dem 14-jährigen Maik leiht, ist immer leicht und ruppig zugleich, nie peinlich - für den Erfolg bei jungen Zuschauern sicher ein wichtiger Aspekt. Und doch schreibt der Autor mit einer feinen Ironie von der Pubertät, von Ereignissen, die bei den Erwachsenen "hoffentlich Erinnerungen wachrufen", sagt Gehler.

Für Erwachsene vielleicht noch mehr spürbar als für Jugendliche ist auch die Wehmut darüber, wie schnell so eine Zeit, in der alles möglich ist, vorbei geht. Es ist, oft scheinbar beiläufig, viel von Tod, Krankheit, Alter die Rede, aber auch von dem wohligen Gefühl, sich im Krankenhaus aufgehoben zu fühlen. Als Herrndorf, 46, das Buch schrieb, wusste er bereits von seinem Gehirntumor. Interviews zu seinem neuen Roman "Sand" gibt es nicht, heißt es bei seinem Verlag; und auch zur Dresdner "Tschick"-Uraufführung wird er wohl nicht kommen können.


Tschick. Uraufführung am 19.11. im Kleinen Haus 3 des Dresdner Staatsschauspiels . Auch am 26. und 29.11., Tel. 0351/491 35 55.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.