Stimmen-Schau Eine Pflanze lernt sprechen

Schreien und flüstern, lachen und stöhnen, schmeicheln und lügen - das kann nur die Stimme. Aber was genau ist eine Stimme überhaupt? Und wie lehrt man Pflanzen das Sprechen? Eine sehens- und hörenswerte Ausstellung in Stuttgart geht diesen Fragen nach.


Einer schreit, einer stöhnt, einer spricht und flüstert, ein anderer lacht. Und wieder ein anderer singt. Enorm sind die Variationen der menschlichen Stimme, die nicht nur Ausdruck von Befinden und Bedürfnis ist, sondern die auch gesteuert und verstellt, geübt und gebildet werden kann. Und sich auch der Kontrolle entziehen.

Die gerade eröffnete Ausstellung "Acts of Voicing" im Württembergischen Kunstverein Stuttgart widmet sich allen Variationen der Stimme. Zu hören sind Sprechen, Stöhnen, Flüstern, Kreischen, Hauchen, Kommandieren, Räuspern, Säuseln, Raunen, Reden und Schwatzen.

Den "Handlungs- und Aufführungscharakter" der Stimme will die Schau in den Mittelpunkt stellen, und deshalb ist die Stimme im Sinne von Stimmung nur ein Aspekt. Ein anderer sei ihre politische Dimension, so die Kuratoren der Ausstellung. Schon Aristoteles habe zwischen "dem Schrei, der nur Lust oder Schmerz äußern kann, und der Bedeutung produzierenden Stimme, die das Gerechte und Ungerechte auszudrücken vermag", unterschieden und daran die Differenz zwischen Mensch und Tier, also dem "bloßen und dem politischen Leben" festgemacht. Aus der akustischen Stimme leitet sich also die politische ab, und vom öffentlich vorgetragenen, entschieden artikulierten Mandat mit seiner Rhetorik und vom strategisch geschickt formulierten Satz ist es nicht weit zum Auftritt, zur Performance und zur Musik und zum Tanz.

Stimme als Fremdkörper

Daher präsentiert sich die Ausstellung als eine große Bühne. Aus rohem Holz wurde eine Art Sound-Plateau entwickelt, das einzelne Videokammern umschließt und auch Vertiefungen zulässt, in denen Monitore zum loungigen Kopfhörergebrauch einladen. Auf Rampen und Stufen ist die Bühne begehbar wie eine große Hör-Landschaft, über der ein Gesamtrauschen liegt, aus dem einzelne Laute und Schreie immer wieder hervorstechen und nicht selten Erschrecken auslösen. Trotzdem stören sich die einzelnen akustischen Stücke nicht gegenseitig, und die 30 künstlerischen Positionen sind gut hörbar.

In einer Videonische ist die legendäre Arbeit von Samuel Beckett mit dem Titel "Not I" von 1972 zu sehen. Der 20-minütige Theatermonolog zeigt nur einen bewegten Mund in Nahaufnahme, der mehr oder weniger skurrile Wortfetzen von sich gibt. Der scheinbar körperlos umherirrende Mund scheint von der fremdartigen Stimme regelrecht in Besitz genommen worden zu sein.

Nicht weit davon flimmert eine kleine Videoarbeit von John Baldessari, der in einer Art surrealistischem Akt mittels Buchstabentafeln einer Pflanze das Sprechen beibringen will. Ein wahrhaft absurder Versuch der Zwangsalphabetisierung, zu dem die Pflanze schweigt.

Um Kontrolle und Disziplinierung der Stimme geht es in der eindringlichen mehrteiligen Videoinstallation der Britin Imogen Stidworthy. Sie zeigt einen blinden Spezialisten für Stimmerkennung bei der Amsterdamer Polizei bei seiner konzentrierten Arbeit. Der Zuschauer hört allerdings nur die Laute, die er selber beim Abhören mittels Kopfhörern produziert, während er sich auf die Einzigartigkeiten in Stimme und Dialekt konzentriert, die einen Täter lokalisieren und damit identifizieren helfen. Das Gegenteil, nämlich das Fremde und Abweichende aus einer Rede verbannen will der Sprachtherapeut, den Katarina Zdjelar in ihrer Videoarbeit beobachtet.

Unaussprechliches

Anri Salas Video "Natural Mystic" demonstriert, wie ein Mann den Ton einer Tomahawk-Rakete nachahmt. Aber so sehr er sich auch bemüht, sein Ton kommt nie an die Gewalt und "Durchschlagskraft" seines Vorbildes heran. Um Angst und Tod geht es in der Videoarbeit von Yang Zhenzhongs "I Will Die", in der er Passanten bittet, den Satz "Ich werde sterben" auszusprechen - ein Dilemma.

In einem Fotoprojekt hat Rainer Ganahl die exklusiven Räume der akademischen Rede untersucht, indem er allseits bekannte Diskurs-Größen wie Slavoj Zizek oder Judith Butler in ihren Gesten und Attitüden und deren Zuhörer zwischen Spannung und Langeweile festhält.

Um die Stimmen der Anderen und Fremden geht es zum Beispiel in der Postkolonialismusforschung. So hat die südafrikanische Kulturwissenschaftlerin Anette Hoffmann 2007 Tondokumente zweifelhafter anthropometrischer Studien neu ausgewertet, die der Deutsche Hans Lichtenacker in 1931 Namibia durchführte. Der hatte sich lediglich für den Klang der Stimmen interessiert, während Hoffmanns Übersetzung kritische Äußerungen der Untersuchten gegenüber dem deutschen Regime in Südwestafrika zutage förderte.

Identität ist das Thema von Mara Mattuschka, die ihren Körper jeweils halbseitig weiß und schwarz bemalt. Vor der Kamera räkelt, dreht und wendet sie ihren Körper schnell im Rhythmus verschiedener Sprechtexte und erzeugt mit einer stummfilmartigen Bildtechnik ein faszinierendes Wechselspiel zwischen gespaltener und einheitlicher Körperansicht.

Wunderbar wird in der Ausstellung vorgeführt, wie die Stimme von den karnevalistischen Eskapaden bis zu exakten Analysen, von absurd-dadaistischen Lautproduktionen bis hin zum schönen Klang Sinn in Sinne der Logik produziert - aber auch, dass sie nicht selten völligen Unsinn hervorbringt. Und gerade dieser Unsinn bringt einen besonders ins Grübeln. Vor allem nach der Ausstellung.


Acts of Voicing. Von den Poetiken und Politiken der Stimme. Württembergischer Kunstverein Stuttgart, bis 13.1.2013.



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