Ausstellung "Cum Shots" Sex als Sex-Ersatz

Wie prangert man die Pornografisierung der Alltagskultur an, ohne dabei selbst Pornografie zu produzieren? Ein New Yorker Künstler zeigt in seiner Ausstellung "Cum Shots" Fotos, die den Zuschauer mit der Frage konfrontieren: Ist es Joghurt, ist es Mayonnaise oder könnte es auch etwas ganz Anderes sein?
Von Henryk M. Broder

Es sind nur neun Fotografien im Format 75 auf 100 Zentimeter, Porträts von vier Männern und fünf Frauen. Und man muss schon genau hinsehen, um zu erkennen, worauf es bei diesen Fotos ankommt: Kleine, weiße Flecken in den Gesichtern. Die Porträtierten blicken überrascht, verlegen oder unschuldig in die Kamera.

"Cum Shots" heißt die kleine Ausstellung in der Axel Raben Gallery in Chelsea, Manhattan, und sie zeigt das, was in jedem Pornofilm Abschluss und Höhepunkt der Interaktion ist - Cum Shots eben. Allerdings ohne den sonst üblichen Vorlauf.

"Es ist ein Kommentar und keine Wiederholung", sagt Ashkan Sahihi, der Fotograf, der sich lange überlegt hat, wie er "die Pornografisierung der Alltagskultur" zeigen könnte, ohne selbst Pornografie zu produzieren. Sahihi, 1963 in Teheran geboren, in Frankfurt/Main aufgewachsen und seit 1988 in New York daheim, wollte das, "was uns täglich auf MTV vorgeführt wird, toppen", die Mädchen, die ihre Hintern wie Kylie Minogue ins Bild recken und ihre Lippen wie Britney Spears runden, die Jungs, die sich wie Michael Jackson in den Schritt greifen. "Sie zeigen alles, nur nicht das Grand Finale."

So kam Sahihi fast automatisch auf die Idee mit den "Cum Shots". Der Rest war Überzeugungsarbeit. "Ich habe mir den Mund fusselig geredet." Tagelang telefonierte er mit "Nachbarn, Freunden, Bekannten und Bekannten von Bekannten", verschickte E-Mails und Faxe. Am Ende hatte er 12 Kandidaten, zwischen 27 und 53 Jahre alt, sechs Männer und sechs Frauen, die bereit waren, bis zum Letzten zu gehen. Drei schieden wieder aus, darunter war "ein gelenkiger Autoerotiker, der sich selber oral befriedigen wollte, aber nur vor Publikum", und das ging sogar Ashkan Sahihi zu weit.

Gemacht wurden die Aufnahmen in einem Nebenraum der Galerie, wohin sich die Kandidaten mit ihren Partnern zurückzogen. "Danach hatte ich grade zwei Minuten Zeit, später wären die Aufnahmen nicht zu gebrauchen." Dennoch lautet die am meisten gestellte Frage von Besuchern: "Is it real?" Theoretisch könnte es auch Joghurt oder Mayonnaise sein, was da auf den Gesichtern klebt. Worauf Sahihi antwortet: "It's real, it's fresh and it's home made!" Und außerdem sei alles vollkommen legal. "Wir zeigen keine Genitalien und keinen Verkehr."

Die Besucher reagieren so, wie alle Menschen reagieren, wenn sie mit der Wirklichkeit konfrontiert werden. "Einige finden es sofort eklig, andere versuchen relaxed zu sein und die übrigen begreifen intuitiv, worum es geht: Sex als Sex-Ersatz, wie er überall eingesetzt wird, wo es was zu verkaufen gibt, in der Musik, der Mode, der Werbung." Sahihi ist kein Moralist, nur einer, der genau hinschaut. "Leute, die sich an Ärschen und Titten nicht satt sehen können, schalten ab, wenn es ernst wird. Ich setze da ein, wo MTV aufhört."

Auch der Galerist war "erstaunt, als ich die Fotos gesehen habe" und fand sie "anrührend". Hubertus Axel Raben, 1951 in Hamburg geboren, Absolvent der "Boston Graduate School for Psychoanalysis" und praktizierender Analytiker, zeigt in seiner Galerie am liebsten abstrakte und konzeptionelle Kunst, die "Cum Shots" sind seine Konzession an den Realismus. Jetzt planen Raben und Sahihi, zwei deutsche Amerikaner in New York, ihr nächstes Projekt. Neun Exhibitionisten, Frauen und Männer, werden sich an drei Abenden in der Galerie live ausstellen. Die Show soll "The Exhibit" heißen und die "Cum Shots" an Deutlichkeit noch überbieten.

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