Ausstellung "Dynamo" in Paris Und jetzt ins Dampfbad

Haben Sie Lust, in einer Wolke abzutauchen? Oder auf einen Irrgarten? Der Pariser Grand Palais zeigt, wie die Kunst-Avantgarde des 20. Jahrhunderts mit unseren Sinnen und unserer Wahrnehmung gespielt hat. Die Besucher können fühlen, riechen, tasten - und sich schwindelig gucken.

Von , Paris


Der Zugang zur Kunst führt durch eine Luftschleuse. Dahinter wabert Nebel, Wolken durchziehen einen kreisrunden Raum, der durch changierendes Licht von oben mal zu blauen, mal zu gelblichem Dunst verfärbt wird. Eine Handvoll Besucher tastet sich durch die Schwaden, die jede Empfindung auf ein Minimum reduzieren: Schwindel, Schaudern, ein beunruhigendes Gefühl von Kontroll- und Orientierungsverlust.

"Genau darauf zielt diese grandiose Installation von Ann Veronica Janssens", sagt der Kurator Matthieu Poirier. "Die visuelle Anregung ruft beim Betrachter einen Reiz, eine Reaktion hervor, er wird zum Teil des Phänomens. Das Werk beeinflusst unsere Wahrnehmung, der Künstler geriert sich als Herr der Sinne."

Das Vexierspiel der Eindrücke gehört zum Konzept der Pariser Ausstellung "Dynamo - Ein Jahrhundert von Licht und Bewegung in der Kunst, 1913-2013". Die Schau auf beiden Etagen der Galerien zeigt fast 150 Künstler aus den vergangenen hundert Jahren, die sich mit den Begriffen Raum, Sehen, Fühlen auseinandergesetzt haben - wobei der Zuschauer stets die zentrale Rolle bei den Werken spielt. Poirier, Gastforscher am Deutschen Institut für Kunstgeschichte Paris, sagt: "Wir wollten einen durchaus didaktischen Parcours, der von der Malerei zur Installation führt, unter Einschluss von Skulpturen und sogar Film."

Der Lernprozess beginnt schon vor Eintritt zum Grand Palais. Am Aufgang an den Champs Élysée wird das Publikum in dichte Wolken getaucht - aus dem Brunnen vor der Doppeltreppe steigen Schwaden auf, verwischen die Grenzen zwischen den Nymphen im Wasserbecken und den Besuchern. Die "Cloud Installation" der Japanerin Fujiko Nakaya lässt sie im Umfeld der Natur aufgehen. Der folgende Rundparcours durch die Galerien folgt sechzehn Themen, entlang chronologischer Schwerpunkte.

Die Wahrnehmung ist das Medium

Den Auftakt machen Vertreter der Gegenwart: Die pulsierende Wand aus senkrechten Neonröhren von John Armleder ("Volte III") führt zu drei meterhohen Parabolspiegeln von Anish Kapoor. Die tiefroten Flächen suggerieren einen Absturz ins Bodenlose. Während der Betrachter in der konkaven Tiefe versinkt, wird seine Stimme gleich dreifach von den polierten Formen aufgefangen und zurückgeworfen.

Um "den Zuschauer, den Raum, die Vision zu dynamisieren", brauche man nicht unbedingt Objekte, die selbst in Bewegung sind, sagt Poirier und verweist auf die "Sphère Trame" von François Morellet, eine Kugel von zwei Meter Durchmesser, geschaffen aus fingerdicken Aluminiumröhren. Es gehe nicht in erster Linie um Licht, um Mechanik, um Bilder oder Plastiken - im Vordergrund stehe die Struktur der Sinneseindrücke. "Die Wahrnehmung ist das Medium", formulierte es 1965 die britische Op-Art-Künstlerin Briget Riley.

Deutsche waren maßgeblich an der Entwicklung einer Kunst der Wahrnehmung beteiligt. Der Psychologe und Medienwissenschaftler Rudolf Arnheim schuf mit seiner Publikation "Kunst und visuelle Wahrnehmung" (1954) die theoretische Grundlage einer neuen Ästhetik; die Düsseldorfer Künstlergruppe "Zero" (Heinz Mack, Otto Piene, Günther Uecker) zählten zu ihren wichtigsten Vertretern.

Ihre Installation "Lichtraum" von 1964 ist in Paris ebenso zu sehen wie Francisco Sobrinos fragiler Plexiglas-Turm "Transformation Instable Juxtaposition Supersposition", Jesùs Rafael Sotos begehbarer Irrgarten aus hängenden Plastikschnüren ("Pénetrable BBL Bleu") oder Christian Megerts Spiegelraum "Environement, documenta 4" von 1968. Faszinierend auch die Anordnung von Conrad Shawcross, der in einem Drahtwürfel einen exzentrisch rotierenden Arm mit aufmontierter Glühbirne untergebracht hat.

Den Abschluss der Ausstellung bilden die Pioniere und Vordenker der hier gezeigten Avantgarde: Die schwerelosen Mobiles von Alexander Calder zählen dazu, die wirbelnde Flügelmaschine von Marcel Duchamp ("Rotative, plaques-verres") sowie die Filmclips von Hans Richter oder Walter Ruttmann. "Diese Künstler haben die Passivität des Betrachters in Frage gestellt", sagt Kurator Poirier. Und zitiert den programmatischen Satz der französischen Künstlergruppe GRAV, die 1961 ihre Ziele unter dem Motto zusammenfasste: "Das menschliche Auge ist unser Ausgangspunkt".

Dynamo - Un sciècle de lumière et de mouvement dans l'art, 1913-2013: Grands Palais, Paris. Bis zum 22.Juli 2013. Täglich außer Di geöffnet von 10-20 Uhr, Mittwochs bis 22 Uhr. Informationen im Internet unter www.grandpalais.fr

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