Ausstellung "Heavy Metal" Pulsschlag aus Stahl

Eine schwergewichtige Ausstellung: Die Kunsthalle zu Kiel zeigt "Heavy Metal - Die unerklärbare Leichtigkeit eines Materials". Zu sehen gibt es stinkende Plattenspieler, fettige Rohre und lebensgefährliche Skulpturen. Und ein Foto von Iron-Maiden-Fans.

Von Nicole Büsing und Heiko Klaas


Kiel - Skulpturen aus Metall erfreuen sich in letzter Zeit zunehmender Beliebtheit - insbesondere bei Altmetalldieben. Die Henry-Moore-Stiftung im britischen Perry Green weiß ein Lied davon zu singen. Am frühen Abend des 15. Dezember 2005 bekam diese ungebetenen Besuch. Vor laufenden Überwachungskameras fuhr ein Tieflader auf das parkartige Gelände, und drei Männer transportierten in aller Seelenruhe eine von Henry Moores schwergewichtigen Arbeiten ab. Die 2,1 Tonnen schwere Skulptur "Reclining Nude" (1969/70) ist danach nie wieder aufgetaucht. Wahrscheinlich wurde sie an einen Altmetallhändler verscherbelt und kurzerhand eingeschmolzen. Ihr Materialwert betrug allerdings nur 7500 Euro. Auf dem Kunstmarkt wäre das gute Stück satte 4,4 Millionen Euro Wert gewesen.

Sorgen dieser Art muss man sich in der Kunsthalle zu Kiel wohl nicht machen. Bis Ende März 2009 sind hier rund 50 schwergewichtige Skulpturen aus Stahl und Bronze, Blei und Aluminium zu sehen. Doch die stehen nicht im Park, sondern hinter gut bewachten Museumsmauern. "Heavy Metal - Die unerklärbare Leichtigkeit eines Materials" heißt die Schau, die sich allerdings weniger mit den abstrahierten Frauenfiguren des britischen Bildhauers beschäftigt als mit dem, was danach kam. "Das Anliegen der Schau ist es, Umbrüche und Neudefinitionen der Skulptur seit den sechziger Jahren vorzustellen", sagt Kunsthallendirektor Dirk Luckow SPIEGEL ONLINE. "Skulptur sollte damals antiheroisch, sockellos und elementar sein. Die Distanz zum Betrachter sollte aufgehoben werden. Die Kunst sollte sich auf das Leben und nicht auf die Kunst beziehen und trotzdem Kunst bleiben."

Henry Moore kaltgestellt

Geprägt von den Studentenprotesten und der Anti-Vietnamkrieg-Bewegung begehrten junge Künstler in den sechziger Jahren auf gegen das von der Alltagsrealität losgelöste Repertoire der in die Jahre gekommenen Klassischen Moderne. Gegenentwürfe zu den traditionellen Skulpturen, die Firmenfoyers und Museumssäle füllten, waren jetzt gefragt. Das Bronzerelief "Henry Moore bound to fail" (1967) von Bruce Nauman wirkt da ganz programmatisch. Es zeigt die auf dem Rücken gefesselten Hände eines Mannes. Sozusagen Moore kaltgestellt.

"Heavy Metal" geht von den rebellischen Statements der Sechziger-Jahre-Künstler aus und erforscht bis in die unmittelbare Gegenwart hinein, was daraus geworden ist. In den Sechzigern entdeckten Künstler plötzlich das Material Metall als etwas Rohes, Ungeschöntes und Industrielles, mit dem sich das konservative Establishment provozieren ließ. Künstler wie der Amerikaner Robert Morris oder der Deutsche Günther Uecker schufen Arbeiten aus angelaufenen und zerkratzten Bleiplatten, Aluminiumpanelen oder Eisennägeln.

Der Italiener Giovanni Anselmo stellte ein mit Fett eingeriebenes Eisenrohr an die Wand. Und Richard Serras tonnenschwere Arbeit "Sign Board Prop" (1969-1987) riskierte sogar, dass der Betrachter zu Schaden kam. Das fallenartige Monstrum besteht aus einer quadratischen Bleiplatte, die von einem an die Wand gelehnten, zylinderförmigen Stab in prekärer Balance vorm Umstürzen bewahrt wird. Das schwere Ding in Kiel aufzubauen, war nicht ganz ohne Risiko. "Man konnte gar nicht hinsehen. Man hatte wirklich Angst, dass die Kollegen das nicht überleben", so Kunsthallen-Chef Luckow.

Stinkender Plattenspieler aus altem Mercedes-Motor

Was den Reiz dieser Schau ausmacht, ist das elegante Spiel mit den Gegensätzen: Das Schwere und das Leichte, das Rohe und das Polierte, das mit großem Ernst in die Welt Gesetzte und seine spielerisch-ironische Persiflage treffen hier aufeinander. Gerade die jüngeren Teilnehmer nehmen den gewichtigen und mitunter etwas humorlosen Skulpturen der altvorderen Minimal- und Konzeptkünstler die Schwere. So greift der Brite Jonathan Monk die strenge Formensprache der aus rechtwinkligen Metallplatten bestehenden Felder des amerikanischen Bildhauers Carl Andre auf und präsentiert seine Version aus organisch geformten Puzzleteilen.

Der Münchner Alexander Laner hat aus einem alten Mercedes-Motor einen stinkenden Plattenspielerantrieb gebaut. Wenn man den Motor anschmeißt, erklingt ein Klavierkonzert von Frédéric Chopin - mit polternden und metallenen Nebengeräuschen. "Ein Orchester zu betreiben, wäre noch aufwendiger", sagt Laner trocken. Auch Laner bezieht sich auf die Sechziger: Die kleine Konzertvorführung wäre ohne John Cage und die Neue Musik nicht denkbar.

Zerknüllte Zeitungsseite aus Bronze

Das scheinbar Leichte wird von den Künstlern dieser Schau immer wieder in schwergewichtige Metallskulpturen übersetzt. So zeigt der Chinese Wang Du die zerknüllte Seite einer Tageszeitung, vergrößert zu einer gigantischen Bronzeskulptur. Die Palästinenserin Mona Hatoum ist mit der Arbeit "Paravent" (2008), einer gigantischen Küchenreibe aus schwarz lackiertem Stahl, vertreten. Der martialische Raumteiler mit den kleinen Sehschlitzen erinnert ebenso an verbarrikadierte Häuser im Nahen Osten wie an die Tunnelsicht arabischer Frauen unter dem Tschador. Und der Hamburger Stefan Kern präsentiert das bunte Ensemble "Aus der Kurve geflogen" (2007) aus Absperrgittern, Flatterband und blauer Abdeckfolie, das auf den ersten Blick so wirkt, als könne es vom nächsten Windstoß umgeblasen werden. Doch die scheinbaren Leichtgewichte sind aus lackiertem Stahl. Die kleinste, aber gleichzeitig ungewöhnlichste Arbeit stammt von dem Berliner Thomas Rentmeister. Er zeigt die winzigen Bronzeabgüsse zweier handelsüblicher Tampons in einer Vitrine.

Dass der Titel "Heavy Metal" Assoziationen zur von Aggressivität und Lautstärke geprägten Musikrichtung weckt, ist durchaus beabsichtigt. Schließlich findet rund 75 Kilometer südlich von Kiel im schleswig-holsteinischen Dorf Wacken das angeblich größte Heavy-Metal-Open-Air-Festival der Welt statt. Motto: "Faster, harder, louder". Der preisgekrönte Dokumentarfilm "Full Metal Village" der Koreanerin Sung-Hyung Cho ist daher ebenso in der Ausstellung zu sehen wie ein großformatiges Gruppenfoto der südafrikanischen Künstlerin Candice Breitz von eingefleischten Iron-Maiden-Fans.

Derart unterhaltende Aspekte sind für Kunsthallen-Direktor Dirk Luckow extrem wichtig: "Man macht heute Ausstellungen nicht aus einer reinen wissenschaftlichen Perspektive heraus. Das kann man auch machen. Aber das wird dann nur Fachleute und Kunsthistoriker interessieren."


Ausstellung: Heavy Metal - Die unerklärbare Leichtigkeit eines Materials. Kunsthalle zu Kiel. 7. Dezember 2008 bis 22. März 2009.

Katalog: Hatje Cantz Verlag, 240 S., 28 Euro im Museum, 39,80 Euro im Buchhandel



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