David Hockney in Köln iPad-Kunst auf Ochsenblut

Pixeln statt Pinseln: David Hockney rückt der Natur mit iPad und Apps auf den Leib. Eine Ausstellung in Köln legt den Fokus auf seine medialen Arbeiten. Gute Wahl! Die Schau zeigt, wie der Brite die Zukunft der Kunst sieht - in vollen Farben und doch sensationell flüchtig.

Man muss sich den Künstler malend in der Landschaft vorstellen. Mit Kappe und Hosenträgern überm Karohemd steht er an der Staffelei: an Feldrändern, in Hohlwegen, vor Hecken und auf Waldpfaden. Dort malt er Tag für Tag die Alleen Yorkshires, die Äcker und Kornfelder, den Wiesenkerbel, den aufblühenden Weißdorn und das Geäst der Buchen. Oft ist er auch im Winter mit Aquarellkasten oder Ölfarben unterwegs. Dann trägt er mehrere Mäntel übereinander und führt den Pinsel mit Fingern in beheizbaren Handschuhen.

Der Mann, der dort im abgeschiedenen East Yorkshire in Nordengland die Freiluftmalerei pflegt, ist nicht irgendein Freizeitmaler. Dort steht die lebende Künstlerlegende David Hockney, heute 75, der einst aus Swinging London nach Los Angeles gezogen war, um die großen Sehnsuchtsbilder eines freieren Lebensstils unter der Sonne und an den Pools Kaliforniens zu malen.

Hockney hat sich in den vergangenen fünfzehn Jahren in die Landschaft seiner Kindheit verguckt. In West Yorkshire ist er geboren und aufgewachsen. Im östlichen Teil der Grafschaft aber hatte er schon als Kind in den Sommerferien auf den Feldern ausgeholfen. Und 1997, als er noch in Kalifornien lebte, war er bei seinen Heimatbesuchen immer wieder vom Küstenstädtchen Bridlington aus an das Sterbebett von Jonathan Silver gefahren - des Freundes, der ihn so oft dazu ermuntert hatte, die heimatliche Landschaft zu malen. Auf diesen Fahrten prägte sich ihm die Gegend mit ihren sanften Hügel und kurvigen Straßen ein, und er hielt sie in einem ersten Konvolut bunter Bilder fest.

Wandern auf dem "David Hockney Trail"!

Im Jahr 2005 dann ist er zurückgekehrt aus Kalifornien und bezog selber das ansehnliche Backsteinhaus in Bridglington, das er für die letzten Lebensjahre seiner 1999 gestorbenen Mutter gekauft hatte. Seither ist die Landschaft der Yorkshire Wolds sein zentrales Motiv. Und obwohl diese Zuwendung zur heimischen Natur so sehr mit der Erfahrung von Tod und Abschied verbunden ist - Hockney zeigt die Schönheit der sichtbaren Welt ohne melancholischen oder romantisierenden Unterton: als Feier des Hierseins.

Eigentlich klar, dass diese Malerei gut ankommt. Als die jetzt im Kölner Museum Ludwig anlaufende Schau "A Bigger Picture" in der Royal Academy in London gezeigt wurde, kamen 650.000 Besucher und zur zweiten Station im Guggenheim Museum Bilbao noch mal 500.000 Besucher. Und schon seit Wochen rufen im Ludwig Engländer an, die in London kein Ticket mehr bekommen haben und jetzt in Köln zum Zuge kommen wollen.

Inzwischen profitiert auch der porträtierte Landstrich von Hockneys Naturbeschwörungen. Das findige Tourismusbüro der Region hat sich einen "David Hockney Trail" ausgedacht, auf dem bereits etliche Fans auf des Künstlers Fährte durch die Lande pilgerten.

Dabei muss man die überbordende Begeisterung für diese Landschaftsbilder nicht unbedingt teilen. Vieles an dieser Feld-, Wald- und Wiesenmalerei wirkt brav, starr und illustrativ - auch wenn Hockney mitunter Waldwege grelllila aufscheinen oder Weißdornrispen sich madenartig aus den Büschen herauswinden lässt. Oder wenn von Gustav Klimt bis Vincent van Gogh allerhand kunstgeschichtliche Bezüge aufscheinen.

Frischer, heutiger sind seine medialen Experimente. Denn in den vergangenen Jahren ist er der Natur zunehmend mit technischen Mitteln auf den Leib gerückt. Er kreist sie mit Filmkameras ein, malt mit dem iPhone und jetzt vor allem mit dem iPad. Er nützt und schätzt Apps wie "Brushes", mit denen er auf Veränderungen in der Natur reagieren, blitzschnell die richtige Farbe auswählen und Partien penibel pixeln oder wolkig verwischen kann. Großformatig ausgedruckt wirken diese Computerzeichnungen - etwa die Serie "Frühlingsanfang in Woldgate" - weniger kalkuliert, geheimnisvoller und malerischer als viele der Gemälde.

Ebenfalls bestechend: Für seine Multi-Fokus-Filme ließ der Künstler einen Jeep mit fünf Meilen pro Stunde über Wald- und Feldwege gleiten, während neun, außen montierte Kameras die vorbeiziehenden Bäume und Büsche mit ihren unzählbar vielfältigen Zweigformationen einfingen. Die so entstandenen Filme hat Hockney noch weiter verlangsamt und zeigt sie nebeneinander auf neun oder achtzehn, plan in die Wand montierten Bildschirmen. Vor ihnen versinkt man wie hypnotisiert in die Bilderfluten. Und sie rührt einen an, die nahezu obsessive Anstrengung, jene verfliegenden Naturzustände, instabilen Lichtverhältnisse und flüchtigen Blüten- oder Laubformationen zu konservieren.

Das Museum Ludwig hat eine kluge Entscheidung getroffen: Anders als die beiden vorherigen Stationen akzentuiert die aktuelle Ausstellung stärker Hockneys medialen Arbeiten. In Köln beginnt und endet die Schau mit einem Multi-Fokus-Film und hat in der Mitte ihren Höhepunkt in einem filmischen Vier-Jahreszeiten-Panorama. Dazwischen hängen die Ölbilder und iPad-Ausdrucke auf ochsenblutfarbenen Wänden, die sie angenehm herunterdämpfen. Dazu sind sie bei abgedunkelten Oberlichtern effektvoll ausgeleuchtet, so dass sie wie Fenster in die Landschaft wirken. Sogar Hockney selbst soll diese Station seiner Ausstellung am besten gefallen.


"David Hockney. A Bigger Picture", Museum Ludwig, Köln, 27. Oktober 2012 bis 3. Februar 2013, www.museum-ludwig.de