Ausstellung "Influants" Kommet, ihr Ameisen!
"Kunst" von Yasmina Reza war ein erfolgreiches Theaterstück, aber nicht in der Kunstszene - denn der Ausgangspunkt des Stücks, ein Streit zweier Männer, ob ein monochromes weißes Bild Kunst ist und teuer sein darf, ist im heutigen Kunstdiskurs Schnee von vorgestern. Heute diskutiert man nicht mal mehr über die Arbeit eines zeitgenössischen Künstlers, von dem man nur das Recht kaufen kann, eine nach seiner Vorgabe hinfallende und sprechende Dame zu Hause auftreten zu lassen - die Arbeit ist übrigens im Besitz eines Museums.
Alles scheint inzwischen möglich zu sein - und niemand regt sich darüber auf. Umso erstaunlicher, dass viele Leute, die in Berlin gerade die Galerie Esther Schipper besuchen, gar nicht aufhören können, über die derzeitige Ausstellung "Influants" des französischen Künstlers Pierre Huyghe zu reden. Sie fragen nach, diskutieren, sind verunsichert, lehnen ab oder begeistern sich über "die Superradikalität" der Schau.
Und die sieht so aus: Vor der geschlossenen Galerietür steht auf dem Flur ein junger Mann, der jeden Besucher höflich nach dem Namen fragt. Er erklärt nicht, warum er das tut, und wird er gefragt, sagt er nur: "Um Sie anzukündigen". Hat er die Namen erfahren, macht er die Tür auf, tritt in den Raum, spricht laut die Namen aus, geht hinaus und schließt die Tür.
10.000 Ameisen für 110.000 Euro
Die Räume der Galerie scheinen leer zu sein - auf den ersten Blick. Dann bemerkt man ein paar Ameisen auf dem Boden krabbeln und Spinnen an den Wänden. Sonst nichts, nur ein Galerie-Mitarbeiter. Sieht man den fragend an, kommt er auf die Besucher zu und bietet die Werkliste an: "Name Announcer, 2011" steht da, und weiter: "'A person at the entrance of a space', Edition of 2, Euro 45.000,00 (ex MwST), (Euro 48.150,00 incl. MwST @ 7,00 %)." Und in vier kurzen Sätzen wird erklärt, was man gerade erlebt hat.
Die zweite Position heißt "Umwelt. 2011": "10.000 ants, 50 spiders. Unique." Kosten: 110.000 Euro. Der Text erklärt, dass es sich um Ameisen der Familie Polyrhachlis dives handle, die zusammen mit einer Gruppe von Hausspinnen ausgestellt seien; dass der Eingang des Ameisennestes in Augenhöhe angebracht sei, als Referenz zu einem an der Wand hängenden Kunstwerk. Der letzte Satz heißt: "'Umwelt' is an environment."
Die dritte Position auf der Werkliste ist "Influenced, 2011": "A person in a space carrying the flu virus. Unique." Zu Deutsch: Eine Person im Raum mit Grippevirus. Für 35.000 Euro. Das muss der Mitarbeiter mit der Werkliste sein, und man sieht, was man vorher nicht gesehen hat: rote Nase, Schal, fiebrige Augen. Und man liest: Um "Influenced" zu aktivieren, muss eine Person mit Grippe gefunden werden oder mit einer Grippeviren-Injektion einverstanden sein.
Die letzte Position ist "C.C.Spider, 2011": "Spider, Edition of 20", für 5500 Euro.
Davon seien einige verkauft, sagt die Galeristin Esther Schipper. Wie das geht? Geliefert wird nicht, man könne gern eine Spinne mitnehmen, aber jeder habe ja zu Haus irgendwo eine Spinne und zusammen mit dem signierten Zertifikat von Pierre Huyghe sei die dann eine Arbeit von ihm. "Und damit geschieht tatsächlich eine Bewusstseinsveränderung," sagt Schipper und lacht. Man habe ja vieles, was man nicht wahrnimmt, nicht sieht, nicht darüber nachdenkt - auch Grippeviren seien ja unsichtbar. Ist das vielleicht ironisch oder lustig gemeint? "Überhaupt nicht", sagt Schipper, es habe "eine Leichtigkeit".
Fünf Andy Warhols, kein Beuys
Sie zum Beispiel habe über alles Mögliche nachgedacht, "nicht nur über die Betrachtung des Betrachtens, sondern wie ich selber dazu stehe, wie man Teil dessen wird, das hier thematisiert ist". Sie werde Ameisen und Spinnen nie mehr so sehen wie vorher.
In Sachen Spinnen und Ameisen seien sie und ihre Mitarbeiter mittlerweile ziemlich sachkundig geworden, "wir füttern biologisches Katzenfutter und verteilen kleine Pfützen". Sie hätten die gesamten Böden der Galerie versiegeln lassen und eine klebrige Ameisensperre zu den Büros gebaut, einen Spinnenwissenschaftler und einen Ameisenfachmann als Berater engagiert. Sie freuen sich über den Spinnennachwuchs und amüsieren sich, dass sich besonders Männer genierten, wenn sie zur Nennung ihres Namens aufgefordert würden. "Am Eröffnungstag kamen fünf Andy Warhols", sagt Christoph Wiesner, der Mann mit der Erkältung, und er frage sich, warum kein Joseph Beuys kam.
Und wie kommt ein Künstler wie Huyghe, 49, der einer der zehn künstlerischen Berater der Documenta 13 ist, auf so eine Ausstellung? Für ihn und Künstler seiner Generation sei eine Ausstellung oft selbst das Werk, die Galerie ein Labor mit dem Besucher als Teil des Experiments, sagt Schipper. "Und weil eine Galerie ein kommerzieller Ort ist, soll auch alles zu verkaufen sein", sagt Schipper, alles andere sei kokett.
Klar, dass das für viele Leute keine Kunst ist, aber das ist für Pierre Huyghe wohl eher ein Anreiz, sich mit den Funktionsmechanismen von Wahrnehmungs- und Erkenntnisprozessen in weiteren Ausstellungen auseinanderzusetzen. Spätestens auf der nächsten Documenta wird man sehen, wie es weitergeht.
"Influants" von Pierre Huyghe. Berlin. Galerie Schipper, bis 22. 10.