Deutsche Vorliebe für Modellbau Avantgarde im Hobbykeller

Die Eisenbahnen spielten manchmal nur die Nebenrolle: Eine Ausstellung beleuchtet die große Kunst des Miniaturbaus - und korrigiert das Klischee vom kitschigen Fachwerkmodell.

Man kann sich die Detailfreude gut vorstellen, mit der ein Modellliebhaber einst dieses Ferienhaus in seine Miniaturlandschaft setzte: Wer durch den gläsernen Giebel lugt, kann einen Maler vor der Staffelei entdecken - weibliches Aktmodell inklusive. Beispiele wie diese trägt eine Ausstellung in Frankfurt jetzt zusammen, um das biedere Bild der Deutschen und ihrer Modelleisenbahnen zu widerlegen; zumindest ein wenig.

Denn obwohl der älteste Modelleisenbahn-Klub der Welt, "The Model Railway Club", 1910 in London gegründet wurde und die Faszination für die Miniaturen international ist, sind es vor allem Serpentinen durchs Alpenvorland und abgelegene Bergbauernhöfe, die bei dem Thema in den Sinn kommen. Nicht zu vergessen: Schon NS-Größe Hermann Göring gefiel sich darin, in der Heile-Welt-Miniatur zu walten - trotzdem sei die Modelleisenbahn frei von Ideologie, meinen die Kuratoren Daniel Bartetzko und Karin Berkemann.

"märklin moderne" heißt ihre Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt, mit der das gängige spießige Bild der Modelleisenbahn entstaubt werden soll: Denn neben Fachwerktürmchen, Dorfkirchen und Bauernhöfen bahnten sich in den Sechzigern und Siebzigern auch Bauten ihren Weg in die Kinderzimmer und Hobbykeller, die viel stärker die Nachkriegsrealität widerspiegelten als die Schwarzwaldidylle. Etwa Wohn- und Geschäftshochhäuser, die weit über die beschaulichen Miniaturlandschaften hinausragen.

"Als Kind haben mich die modernen Häuschen noch nicht so interessiert", sagt Kurator Bartetzko selbst, "die lernte ich umso mehr in meiner Jugend schätzen. Flugdach, Rasterfassade und bonbonbunte Fassaden verströmten damals ja bereits einen Retrocharme!" Die Faszination steckt die Ausstellungsbesucher schnell an: moderne Kirchen, die auf Knopfdruck die Glocken des Londoner Big Ben bimmeln lassen; der "Bahnhof Neustadt" im typischen Look der Fünfzigerjahre mit hoher Eingangshalle und Flachdach - ein in Plaste und Buchstaben gegossenes Stück BRD.

Der absolute Verkaufsschlager aber war einst ausgerechnet eine Tankstelle, die man in ihrer luftigen Bauweise eher in den Weiten der USA vermutet hätte: Das Modell B-214 beziehungsweise B-215, "Auto-Rast mit Tanksäulen und Restaurant", das erstmalig 1961 über den Verkaufstresen ging. In der Deluxe-Ausstattung ist hier noch ein Knopf verbaut, über den der Mercedes-Stern auf dem Glaspavillon zum Drehen gebracht wird. Tatsächlich stand nicht der Stuttgarter Autobauer, sondern ein Opel-Haus Pate, das heute in Freiburg als Café betrieben wird.

Überhaupt ließen sich die Gebrüder Faller, die mit ihrer gleichnamigen Spielzeugfabrik deutsches Modelleisenbahnzubehör über Jahrzehnte prägten, gern von realen Gebäuden inspirieren - so auch für ihre berühmte "Villa im Tessin". Diese verewigte der Plakatkünstler Klaus Staeck unwissentlich auf seiner wohl bekanntesten Arbeit "Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villa im Tessin nehmen!" - einem ironischen Wahlkampfplakat des Grafikers zum Bundestagswahlkampf 1972.

Das Plakat von Klaus Staeck mit der "Villa im Tessin"

Das Plakat von Klaus Staeck mit der "Villa im Tessin"

Foto: Britta Pedersen/ picture alliance / dpa

In der West-BRD wurden die Miniwelten in erster Linie von Faller geprägt, in der DDR vom VEB Kombinat Holzspielwaren Vero. "Die 'Märklinmoderne' musste geranientauglich sein", sagt Kuratorin Karin Berkemann über den schmalen Grat, auf dem sich Hersteller wie Faller bewegten, "sie sollte vor der Blümchentapete ebenso funktionieren wie im Skandesign-Wohnzimmer. Die Architekturzeitschriften der Nachkriegsjahrzehnte zeichneten ein futuristisches Bild der Welt. Die Wirklichkeit in den Städten, Dörfern und Einrichtungshäusern war oft gediegener - mehr Gelsenkirchener Barock als Bauhaus. Die große Kunst guter Modellbauten bestand darin, die große Moderne auf ein breit akzeptiertes Format zu bringen."

Und das bedeutet eben auch die Freiheit zum hemmungslosen Eklektizismus: Einfach zusammenschustern, was gefällt. Zwei Anlagen sind in der Ausstellung zu sehen - eine gigantische Fantasie-Metropole komplett aus BRD-Moderne-Bauten, die zusammengenommen so ausschaut, wie keine deutsche Stadt je ausgesehen hat.

Und eine Modelllandschaft, wild zusammengetragen von verschiedenen Hobby-Eisenbahnern, die Fliegenpilz-Imbisse, Modehäuser und Bergtunnel beisteuerten. An der Wand hängen die passenden Erinnerungsfotos, auf denen stolz gebaut, gefriemelt und gestaunt wird. Die Eisenbahnen, so scheint es, spielten manchmal eher die Nebenrolle.

Video: Die Welt im Maßstab 1:87 - Miniatur-Wunderland

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Die Ausstellung geht in unterschiedlichen Variationen und Schwerpunkten auf Reise. Noch bis 9. September ist sie im Deutschen Architekturmuseum (DAM)  in Frankfurt zu sehen, ab 11. Juli zusätzlich in der Architekturgalerie Am Weißenhof in Stuttgart - weitere Stationen folgen.