Berliner Klubszene Diese Fotos sollte es eigentlich nicht geben

In Berliner Klubs sollen Menschen Dinge tun können, bei denen sie der Arbeitgeber nicht sehen soll - deshalb gilt oft Fotoverbot. Aber ist das nicht gleichzeitig auch Pose? Eine Ausstellung lotet den Mythos Berlin aus.

Tilman Brembs/ C/O Berlin

Von Laura Ewert


Spaziergänger rund um den Berliner Ostbahnhof werden sie vielleicht mal bemerkt haben, diese kleinen runden Aufkleber, die in der Umgebung immer wieder auf dem Boden liegen. Sie sind neongrün, pink oder schwarz mit Katzen-Totenkopf-Logo und zeugen von einer Berliner Besonderheit: dem Fotoverbot in Technoklubs. Am Einlass vom Berghain (neonfarbig) oder vom Katerblau (Katzen-Logo) werden die Linsen der Gäste-Smartphones abgeklebt. Wer mit einem abgeknibbelten Aufkleber erwischt wird, fliegt raus. So zumindest die Drohung.

Dieses Fotoverbot war in Berlin bereits vor der Smartphone-Ära ein unausgesprochenes und meist auch respektiertes Gebot. "Das unterscheidet die Techno-Szene von der in Ibiza oder den USA", sagt Heiko Hoffmann, ehemaliger Chefredakteur der Musikzeitschrift "Groove" und Gastprofessor am Clive Davis Institute of Recorded Music der New York University. Er hat jetzt für das Berliner Ausstellungshaus für Fotografie C/O Berlin eine Schau über diese Szene kuratiert: "No Photos on the Dance Floor".

Fotostrecke

9  Bilder
Berliner Nachtleben: "Frei von Konsequenzen"

Eine Ausstellung mit Bildern, die es eigentlich gar nicht geben sollte also. Klingt komisch. Und ist in weiten Teilen genau deswegen interessant. "Fotografieren ist immer noch eine Geste der Macht", schreibt Journalist Jan Kedves im ergänzenden Ausstellungskatalog. "Ich erlaube mir (...) ein Foto zu schießen, auf dem du zu sehen und zu erkennen bist, aber ich frage dich nicht nach deiner Erlaubnis."

In Klubs soll das anders sein, da sollen Menschen Dinge tun können, bei denen sie der Arbeitgeber nicht unbedingt sehen soll. "Kleine Zellen der Freiheit" nennt das der ebenso in der Ausstellung vertretene Wolfgang Tillmanns, der es mit seinen Arbeiten schafft, ganz nah dabei zu sein, ohne jemanden zu beobachten.

Dieser geschützte Raum habe viel "zum heutigen Zustand der Klubkultur beigetragen." sagt Hoffmann. Oder, wie es Kedves formuliert, Klubs seien "frei von Überwachung. Frei von Konsequenzen und dem Urteil der Welt da draußen." Wichtig ist dieser Safespace nicht nur für Menschen, die illegale Substanzen konsumieren oder tanzen, als würde niemand zuschauen, sondern besonders auch für Gruppen, die im Alltag von Diskriminierung betroffen sind, etwa die LGBTQ Communities, die nicht nur die Berliner Klubszene maßgeblich prägten.

Da die gezeigten Fotografen diesen Schutzraum auch selbst erhalten wollten, so Hoffmann, ist es weniger eine dokumentarische Ausstellung, mehr nostalgische Rückschau. Es gibt architektonisch interessante Abbildungen verschiedener Partyorte dieser und vergangener Tage - ohne Gäste.

Es gibt Flyer und VJ-Arbeiten, die vom Wandel der Medien erzählen, Fotos, die die Wiederkehr von Mode beweisen oder im Kontext fast uninteressant wirkende Portraits diverser DJs, die sonst als Stars gehandelt werden. Nachdenklicher macht dagegen: eine Videoarbeit von Dan Holter, in der er Apartheids-Proteste mit Bildern von der Loveparade gegenschneidet und so auch (kritische) Fragen zur politischen Bedeutung von Rave stellt.

Zwischen Zeitgeist und Selbstverständnis

"Berlin begreift sich als Zentrum der Welt und durch die permanente Wiederholung, wie toll Berlin ist, hat sich eine Art Überheblichkeit entwickelt, in der es keine anderen audiovisuellen Narrative gibt außerhalb des Akzeptierten. Gleichzeitig stellt sich die Frage, welches Bild neben dem Formatierten in die Erinnerung eingehen darf?"

Das sagt der Filmemacher Romuald Karmakar in einem Interview im Ausstellungskatalog. Er stellt auch infrage, dass die "filmische Begegnung der Technokultur eine Bedrohung, vielleicht gar eine Entweihung" darstelle. Und nicht nur da wird das Spannungsfeld deutlich zwischen Selbstverständnis und Zeitgeist. Wie Heiko Hoffmann im Gespräch sagt: "DJs, die jedes Wochenende ein Foto von ihrem Gig posten, und deren Karriere auch darauf fußt, aber die das Fotoverbot im Berghain verteidigen, die leben natürlich auch in einem Widerspruch."

Ohne die Fotos von Tillmanns, seine schwitzenden Körper im Ostgut oder Carolin Saages bunter Darstellung der Bar25 wäre der Mythos Berlin kleiner. Ein Fotoverbot misst dem, was nicht gezeigt werden soll, eine Bedeutung zu und rückt es eben gerade so in den Mittelpunkt der Betrachtung.

Früher wurde hinter versteckten Eingangstüren gefeiert. Die Bar25 etwa war dann ein Klub, der sich exponierte, dessen Gäste den auf der Spree vorbeiziehenden Touristenbooten winkten. Saage erzählt in einem Interview, die Menschen, die sie dort fotografierte, hätten sich nicht an ihrer Linse gestört, sie hätten eher zu stark gepost.

Wehmut ob des Vergangenen

Mit der Sichtbarkeit nahm die Institutionalisierung zu. So kommt beim Betrachten der Bilder auch ein bisschen Wehmut ob des Vergangenen auf. Kürzlich hat der Berliner Kulturausschuss beraten, ob Klubs in Zukunft als Kulturorte, nicht mehr als Vergnügungsorte klassiert werden sollen, längst wurde ihr Wirtschaftsfaktor erkannt. Doch Kurator Hoffmann sagt optimistisch: "Es gibt heute eine vielfältigere Szene als zum Höhepunkt von Techno in den Neunzigern. Das ist erstmal positiv. Aber es wird nicht für immer anhalten. Die Szene ist auch in Bedrängnis."

Nicht nur durch die Immobilienindustrie, auch durch Rave-Nachwuchs, der lieber Selfies auf Festivals von sich schießt. Oder Klubs, die ihren Gästen die Linse zukleben, weil die anderen es auch machen. Ohne zu wissen, was sie da schützen wollen.


"No Photos on the Dance Floor!". C/O Berlin Foundation. 13.09.-30.11.2019

Mehr zum Thema


insgesamt 13 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Newspeak 12.09.2019
1. ...
Ist das Zukleben der Linse nicht im Grunde schon Sachbeschaedigung? Ich kann das Fotoverbot in Clubs insofern verstehen, weil sich manche Menschen einfach nicht benehmen koennen, und ungefragt und nervend dauernd Fotos machen muessen, als ob die Partygaeste Tiere im Zoo waeren. Und es ist alles andere als toll, wenn in einem dunklen Club staendig ein Fotoblitz ausloest. Andererseits dient das Fotoverbot wohl sicher auch dazu, das Mysterium um einen Club zu erhalten, wo am Ende eigentlich jeder weiss, dass jeder Club bei Tageslicht eine versiffte, billige Kaschemme ist, was man unter Normalbedingungen nur deshalb nicht so wahrnimmt, weil es dunkel ist, und man selbst berauscht. Aber natuerlich ist das Berghain und wie die anderen Bruchbuden alle heissen etwas "ganz Besonderes". Wer's glaubt, glaubt auch an den Sinn des Fotoverbots.
urmedanwalt 12.09.2019
2. @#1 Tut mir leid, aber Sie haben's nicht verstanden
Es mag sein, dass sich auch eher zweitrangige Clubs durch ein offizielles Fotografierverbot ein besseres Image geben wollen, aber der dahinter stehende Gedanke vom privaten Schutzbereich trifft immer noch zu. Besonders heute, wo praktisch jeder seine Fotos sofort mit allen möglichen Leuten teilt, bedarf es dieses Schutzbereichs. Sie wollen nicht, dass Ihre Freundin von einem aus der gleichen Gruppe die Fotos bekommt, auf denen Sie sich im Club mit einer anderen Frau unterhalten oder noch anders kommunizieren. Wer bei diesem Thema die Platitüde loslässt, man habe doch nichts zu verbergen, der hat von dem Ganzen null Ahnung. Wo schon in Kindergärten und Schulen nicht mal die Eltern ihr eigenes Kind fotografieren dürfen, wenn andere Kinder mit auf dem Bild sind, kann man das Fotografierverbot in Clubs nur unterstützen. Das eigentliche Problem sind zwar die Datenkraken-Apps, die alles von den Handys absaugen, aber an die traut sich ja keiner ran.
emil_erpel8 12.09.2019
3.
Zitat von NewspeakIst das Zukleben der Linse nicht im Grunde schon Sachbeschaedigung? Ich kann das Fotoverbot in Clubs insofern verstehen, weil sich manche Menschen einfach nicht benehmen koennen, und ungefragt und nervend dauernd Fotos machen muessen, als ob die Partygaeste Tiere im Zoo waeren. Und es ist alles andere als toll, wenn in einem dunklen Club staendig ein Fotoblitz ausloest. Andererseits dient das Fotoverbot wohl sicher auch dazu, das Mysterium um einen Club zu erhalten, wo am Ende eigentlich jeder weiss, dass jeder Club bei Tageslicht eine versiffte, billige Kaschemme ist, was man unter Normalbedingungen nur deshalb nicht so wahrnimmt, weil es dunkel ist, und man selbst berauscht. Aber natuerlich ist das Berghain und wie die anderen Bruchbuden alle heissen etwas "ganz Besonderes". Wer's glaubt, glaubt auch an den Sinn des Fotoverbots.
Nein, das Gerät wird nicht beschädigt, und es zwingt Sie ja auch keiner, das Gerät mit in einen Klub zu nehmen und zukleben zu lassen.
kindchen 12.09.2019
4. Es ist ja freiwillig ...
... niemand ist gezwungen, den Club zu betreten. Es gibt ja auch Clubs, die eine bestimmte Kleiderordnung verlangen, es gibt Parties, auf denen man sich komplett nackt ausziehen muß. Das Hausrecht läßt es zu, das von den Gästen zu verlangen. Theoretisch wäre es auch denkbar, eine "Smartphone-Zerstörungs-Party" zu veranstalten, auf der die Gäste ihre Smartphones mit dem Hammer rituell kaputt machen müssen. Wer das nicht will, geht halt nicht hin ...
beckersheinz215 12.09.2019
5. Persönliche Erfahrungen
Ich habe in mehreren Großstädten gelebt und war da "Teil" der Techno- und Clubkultur. In Berlin hab ich mirs komplett abgewöhnt. Clubkultur findet man da nicht. Plakativ: Die eine Hälfte ist komplett kommerz und die andere hälfte widerlich pseudoelitär. Gibt nur noch ne handvoll locations mit "Clubkultur" - weil sie so äh speziell sind, dass sie nach wie vor ihre Gäste haben. Aber halt auch nur die. Ich lege übrigens auch großen Wert darauf, in einem Club zu sein wo nicht gefilmt wird. Ich hab einen seriösen Job und bin darin erfolgreich. Dass ich am Wochenende ab und zu 2 Tage auf Speed und E in nem dunklen Keller abspacke, würde sehr wahrscheinlich - und zu Unrecht - ein schlechtes Licht auf mein weiteres Leben werfen. Der Clous ist aber: Gibts noch eine echte Clubkultur (und ihre Menschen!), braucht man auch gar keinen Wichtigtuer, der Handycams abklebt. Meine Erfahrung ist: Clubkultur gibts heute ganz anderswo. In Berlin gehts nur noch um "ich war hier" * auf facebook markieren und fotos für instagram machen*. Und den Leuten muss man halt auch die Kamera zu kleben. Die sind aber trotzdem noch genau so blöd wie ohne zugeklebte Kamera, daher hat sich das Thema für mich auch erledigt seit ich in Berlin bin!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.