Ausstellung "Punk Graphics" Fausthieb ins bürgerliche Wohlbefinden

Von Monarchie bis Mittelstand, alle bekamen ihr Fett weg. Eine große Flyer-Sammlung zeigt, wie Sex Pistols, Ramones und Co. die Botschaft des Punk auch visuell transportierten.

Jenna Bascom/ ad Museum

Punk trat einst an, alles kurz und klein zu hauen, das machte die Musik schnell klar. Aber auch grafisch fand der Protest gegen alles und jeden seine Entsprechung. Laut, schrill, minimal - so ließe sich auch die visuelle Welt des Punk beschreiben, das zeigt nun eine Schau im Brüsseler Designmuseum ADAM.

"Wo ist denn hier die Musik?" - diese Frage hört Arnaud Bozzini öfter, wenn der Direktor seine Ausstellung erklärt. Dabei soll die etwas ganz anderes liefern. "Too Fast to Live, Too Young to Die: Punk Graphics, 1976-1986" nähert sich dem als Alleszerstörer angetretenen Phänomen nicht musikhistorisch, sondern auf visuelle Weise.

Und das leuchtet ein: unvergessen die zweidimensionalen Altäre, mit denen man selbst Punkbands und Konzerten huldigte, die man eventuell nicht einmal alle richtig gehört oder besucht hatte, deren Aura man sich aber unbedingt aneignen wollte. Jeder Flyer, jedes Plakat eine gewünschte Zugehörigkeitserklärung. Es galt, diese zumindest optisch zu deklarieren.

Bis zum Sommer war die Ausstellung, die auf einer umfangreichen Privatsammlung des US-Amerikaners Andrew Krivine basiert, im New Yorker Museum of Art and Design (MAD) zu sehen. Dort hatte sich John "Rotten" Lydon, seinerzeit Leadsinger der Sex Pistols, im Vorfeld erwartbar mokiert: Er wisse gar nicht, was das sein solle, "punk art", aber man könne dem Ganzen ja mal eine Chance geben.

Zu entdecken gibt es 700 Exponate, die zu unterschiedlichen Gestaltungsthemen von Appropriation Art bis Zombies sortiert wurden. Den Löwenanteil der Sammlung muss man nicht hinter Glas bewundern, sondern darf ihnen Aug in Aug gegenüberstehen. Allen voran die ikonografischen Plakate und Plattencover der britischen Punkband aller Punkbands, für die der britische Künstler, Grafiker und Anarchist Jamie Reid verantwortlich zeichnet.

Für die vierte Single der Sex Pistols, "Holidays in the Sun", fügte der beispielsweise Songzeilen in ein Werbemotiv des belgischen Touristenservices ein: "I had no reason to be there at all" und "A cheap holiday in other peoples misery!" zwischen schwarz-weiß gepixelten Menschenmassen - das ist einfach eine Polemik, die heute so gut verfängt wie damals. Wenn nicht besser.

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Fotostrecke: Angetreten als Alleszerstörer

Dass nicht nur Faschisten, Monarchie und Mittelstand, sondern auch Hippies und Liberale ihr Fett wegbekamen, zeigen Grafiken von Bands wie Killing Joke oder den Dead Kennedys. Deren in Fraktur geschmücktes Plakat "California über alles", geziert von Hakenkreuzen aus Cannabispflanzen, übrigens ebenfalls von Reid gestaltet, ist ein satirischer Seitenhieb auf den damaligen Gouverneur Jerry Brown und seine emsige Proklamation eines gesunden, alternativen, fröhlichen Lifestyles - healthy living, anyone?

"Punk Graphics" schlägt weite Referenzbögen und geht ausführlich ins Detail, wenn visuelle Eigenheiten nach Ländern, Szenen, Stilrichtungen und Jahreszahlen aufgefächert werden. Stellenweise wäre es sicher hilfreich, die Bezüge nicht nur im Wandtext zu nennen, sondern auch aufzuzeigen: Eine Collage beispielsweise des Künstlers John Heartfield, der als Referenz für die "Killing Joke"-Artefakte genannt wird. Oder Arbeiten der russischen Konstruktivisten, die als Vorbild späterer Punk-Grafiken dienten. Aber eine solche Gegenüberstellung hätte, natürlich, dem Ganzen auch einen noch musealeren Charakter gegeben.

Es ist also gar nicht so eine arg intellektualisierte Angelegenheit geworden: In der Schau gilt das gestanzte, geklebte, fluoreszierende Wort (und Bild). Und das entfaltet seine Anziehungskraft hervorragend auch jenseits von Jugendzimmer- und siffigen Klubwänden: Wie Haifischzähne beißen sich die visuellen Artefakte in die Netzhaut - gleich, ob sie Grellgelb, Neonpink und Giftgrün oder geradezu minimalistisch in Schwarz-Weiß daherkommen. Punk-Grafik, das war eine maximale Reduktion auf das unbedingt Nötige. Den vulgärsten (aber, ganz objektiv betrachtet, oft auch einfach saukomischen) Gag, die frechste Behauptung, die großkotzigste Anmaßung. Der Fausthieb ins bürgerliche Wohlbefinden, der musste also nicht nur musikalisch sitzen.

Nebenbei räumt "Punk Graphics" auf mit der Idee, dass Grafiker, Künstler und Kunststudierende den rauen Edelstein namens Punk zurechtschliffen. Klar: Dass zum Beispiel die Outfits der britischen Sex Pistols alles andere als zufällige Griffe in den Altkleidersack darstellten, wie überhaupt ihr gesamtes Image vom Manager Malcom McLaren und seiner damaligen Freundin, der heute weltberühmten Modedesignerin Vivienne Westwood, in welchem Maße auch immer wohlgestaltet war - geschenkt. Doch Punk, das zeigt diese Ausstellung, war eben immer schon beides: Proletenstolz wie Kunsthochschulattitüde, brillanter Witz und Vulgärhumor, Wohlüberlegtes und Dilettantismus.

Aus dieser Gemengelage heraus erklärt sich vielleicht, warum etliche der versammelten Artefakte auch heute noch so grandios funktionieren. Ein Plakat vom Woodstock-Festival mit seiner geschwungenen Schrift und den grundfreundlichen Illustrationen wird als Zeitzeugnis immer ein nostalgisch-schwelgerisches Sentiment, ein "Hallo, liebe Welt!" im Plusquamperfekt verströmen.

Der Nihilismus aber, der mit dem Punk angetreten war, alles kurz und klein zu hauen, dieser Rundumschlag wirkt so erfrischend wie eh und je. Oder vielleicht gerade wieder, funktionierte er doch aus dieser dezidierten Position - ob nun real sozial erlebt oder als Pose vor sich hergetragen: Außenseiter zu bleiben, sich mit nichts und niemandem gemein zu machen, keine bessere Welt anzubieten. Denn "alles" bedeutete dereinst, nun wirklich allem und jedem vor den Kopf zu stoßen, dabei weder die eigenen Ideologien und Befindlichkeiten noch jene der Sippe und Vorfahren zu schonen.


Ausstellung: "Too Fast to Live, Too Young to Die: Punk Graphics, 1976-1986", ADAM Brussels Design Museum , bis 26.04.2020

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Käptn Horn 01.12.2019
1. Wie so oft, nur eine Seite der Medaille
"Denn "alles" bedeutete dereinst, nun wirklich allem und jedem vor den Kopf zu stoßen, dabei weder die eigenen Ideologien und Befindlichkeiten noch jene der Sippe und Vorfahren zu schonen." Soweit das kulturelle Selbstverständnis der Bewegung. Das ist aber nur eine Seite der Medaille. Paradox ist nämlich, dass sehr viele der Jünger und Apologeten in ihrer Lebenspraxis einen hemmungslosen Opportunismus gepflegt haben, wenn es um die eigene Karriere ging. Und das gilt auf den höchsten Ebenen der Kultur ebenso wie bei vielen Anhängern. Jedenfalls bei denen, die nicht durch die sozialen Netze, oder wie viele auf der Strecke geblieben sind. Natürlich gibt es Ausnahmen – die gibt es immer, aber die Rebellenattitude auf der einen Seite, und die gleichzeitige, für die eigene Situation vorteilhafte Anpassung an gesellschaftliche Zwänge auf anderen, ist etwas, das für den Punk auch symptomatisch war – und das rückblickend charakteristisch wurde, dafür was unsere soziale und politische Realität seither bestimmt.
robeuten 01.12.2019
2.
Zitat von Käptn Horn"Denn "alles" bedeutete dereinst, nun wirklich allem und jedem vor den Kopf zu stoßen, dabei weder die eigenen Ideologien und Befindlichkeiten noch jene der Sippe und Vorfahren zu schonen." Soweit das kulturelle Selbstverständnis der Bewegung. Das ist aber nur eine Seite der Medaille. Paradox ist nämlich, dass sehr viele der Jünger und Apologeten in ihrer Lebenspraxis einen hemmungslosen Opportunismus gepflegt haben, wenn es um die eigene Karriere ging. Und das gilt auf den höchsten Ebenen der Kultur ebenso wie bei vielen Anhängern. Jedenfalls bei denen, die nicht durch die sozialen Netze, oder wie viele auf der Strecke geblieben sind. Natürlich gibt es Ausnahmen – die gibt es immer, aber die Rebellenattitude auf der einen Seite, und die gleichzeitige, für die eigene Situation vorteilhafte Anpassung an gesellschaftliche Zwänge auf anderen, ist etwas, das für den Punk auch symptomatisch war – und das rückblickend charakteristisch wurde, dafür was unsere soziale und politische Realität seither bestimmt.
Kluger Kommentar - für mich Ex-Punk war Punk endgültig erledigt, als am 30-jährigen Abitreffen ein immer noch phänotypisch als Punk agierender ehemaliger Mitschüler stolz sagte, wie er seinen Vermieter in Grund und Boden klagt, und dabei die Rechtsschutzversicherung bescheißt... was für ein erbärmlicher Spießer! P.S.: warum nix von den "Dead Kennedys"? Denen konnte man die Attitüde wenigstens abnehmen; keine von McLaren gecastete boygroup wie die ach so revolutionären "Sex Pistols", keine im Grunde ihres Herzens furzkonservative Republikaner wie Joe Ramone.... und mit Jello Biafra ein genialer Textschreiber. Ebenso vermisse ich die "Bad Brains" - ja, auch schwarze Rastafarians können Punk!
flo_bargfeld 01.12.2019
3. A good laugh, wasn't it?!
Ich wurde Punkrocker, nachdem ich den unten verlinkten Spiegel-Titel auf dem Zeitschriftenstapel meines Vaters entdeckte. Wenn etwas die Presse zu derart grenzdebilen Artikeln brachte, musste es ganz einfach spannend sein! Punk in Deutschland hörte für mich auf, kurz nachdem Journalisten anfingen, "Punker" statt "Punks" oder "Punkrocker" zu schreiben. Das war roundabout 1980, als die erste Clash-Tour in Deutschland stattfand, die ich in HH und Düsseldorf sehen durfte. "But it was a good, laugh, wasn't it?" (John Lydons Fazit zur kurzen Punk-Ära) https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40694217.html
Jor_El 01.12.2019
4. Sorry
Ich habe Punk nie verstanden.
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