Ausstellung "Surreal Things" Krustentier zum Abheben

Lippen küssen ist fein. Lippenkissen sind dazu auch noch praktisch. Oder Krustentiere: Die können sogar am Telefon serviert werden. Glauben Sie nicht? Dann widmen Sie sich jetzt der wilden Beziehung von Surrealismus und Design, wie sie in einer Londoner Ausstellung zu sehen ist.

Von Heiko Klaas und Heiko Klaas, London


In diesen ersten Frühlingstagen scheint London so richtig aufzudrehen. Das berühmte britische Händchen für Gartenkunst bringt an jeder Ecke bunte und exotische Blüten hervor. Hundebesitzer unternehmen die ersten Spaziergänge mit ihren mitunter bizarr gestylten Modehunden oder den eher behäbigen altenglischen Rassen. Und im kurz V&A genannten Victoria and Albert Museum eröffnet eine Ausstellung, die den Briten einmal mehr vor Augen führt, dass es in Paris vielleicht doch immer schon eine Spur exzentrischer zugegangen ist als in der nebelverhangenen britischen Metropole.

"Surreal Things", die neue und pompöse Megaschau im V&A, versammelt fast 300 Objekte, die den fantastischen Traumwelten surrealistischer Künstler entstammen. Neben Gemälden von René Magritte, Giorgio de Chirico, Joan Miró, Paul Delvaux oder Max Ernst und Fotografien von Man Ray oder Claude Cahun entführt diese Ausstellung vor allem in die Welt der surrealen Objekte. Überdrehte Möbelstücke, fantastische Kostüme, hyperelegante Kleider, extravaganter Schmuck und exzentrische Porzellan- und Keramikkreationen führen vor, wie das surrealistische Denken nach und nach die Ateliers der Künstler verließ und sich zunächst subversiv und später vermehrt kommerzialisiert ins Alltagsleben vorschob. Was zunächst den Köpfen antibürgerlicher Künstler entsprang, wurde im Lauf der Zeit vom Mainstream vereinnahmt. Die Ausstellung zeigt daher auch, wie das surrealistische Bildrepertoire nach und nach von den Werbeagenturen großer Konzerne wie Ford oder Shell ausgeschlachtet wurde.

Gleich im Entree wartet die Schau mit einem überwältigend-theatralischen Paukenschlag auf. Hinter einem dicken roten Theatervorhang im ansonsten komplett schwarz gehaltenen Raum haben die Ausstellungsmacher ein imposantes Bühnenbild nachgebaut, das Giorgio de Chirico 1929 für die Aufführung des Tanzstücks "Le Bal" im Theâtre de Monte Carlo entworfen hatte. Ein terracottafarben gehaltener Innenraum mit Bretterboden und Stuckelementen ist angefüllt mit zerbrochenen griechischen Säulen und einem kleinen Tempelmodell. Im Hintergrund gewährt ein fensterartiger Durchbruch den Blick nach draußen auf ein springendes weißes Pferd. Auf der Bühne aber stehen vier Schneiderpuppen. Sie tragen die erstaunlich gut erhaltenen Originalkostüme aus der damaligen Inszenierung. De Chirico wollte aus den Tänzern animierte Skulpturen machen, und so sehen die Hosenbeine wie Säulen aus, die Ärmel wie gemauerte Ziegelsteine und die Halskrausen wie kleine Kapitelle. Menschliche Anatomie und surreale Imagination vermischen sich.

"Wir wollen den Wow-Effekt"

Ebenfalls zu sehen ist Joan Mirós "Costume for the Spinning Top" von 1932, ein eng anliegendes, buntes Kostüm mit Spiralmuster für das Stück "Jeu d"Enfant". Farben und Formen waren so geschickt gewählt, dass die Pirouetten drehende grazile Tänzerin vom Zuschauerraum betrachtet wie ein mächtiger Brummkreisel wirkte. Um diesen Effekt auch dem Londoner Publikum möglichst real zu vermitteln, wird die Schneiderpuppe in regelmäßigen Abständen in Rotation versetzt. Solche und andere originelle, teils sehr aufwendig ausgeführte Ideen beherrschen die Schau. Hier wird, anders als oftmals in Deutschland, eine Kunstepoche nicht einfach nur trocken wissenschaftlich aufbereitet, sondern spannend, ideenreich und lustvoll inszeniert. "Von uns im V&A wird erwartet, dass es etwas wilder zugeht", versichert denn auch der deutsche Co-Kurator Alexander Klar. "Wir wollen den Wow-Effekt."

Antiquierte Berührungsängste zwischen Bildender und Angewandter Kunst kennen die Briten nicht. So mischen die Ausstellungsmacher anerkannte Werke der musealen Hochkultur geschickt mit zunächst profan wirkenden Dingen wie Zeitschriftencovern von "Vogue" oder "Harper's Bazaar", Parfümflakons der exzentrischen Pariser Modemacherin Elsa Schiaparelli oder Möbelentwürfen des Japaners Isamu Noguchi, der genau wie sein italienischer Kollege Carlo Mollino eigentlich überhaupt kein Surrealist war. Doch letztendlich wären auch ihre Entwürfe, so die These der Ausstellung, ohne die Vorarbeit der Surrealisten nicht denkbar gewesen.

Und genau das macht die Qualität der Schau aus: Jenseits allzu festgetretener kunsthistorischer Pfade geht es hier weniger darum, die surrealistische Bewegung auf einige wenige Helden und Protagonisten sowie deren Spitzenwerke zu reduzieren. Im Vordergrund steht vielmehr zu zeigen, wie die surrealistische Erforschung des Unbewussten und der Traumwelten mit den Methoden des Spiels und der Trance, der Séancen und des Rausches, Türen aufgestoßen hat zu einer ganz neuen Wahrnehmung des Alltags und der Dinge. Türen zur Welt jenseits des Realitätsprinzips.



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