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Ausstellung in München: Was Gerhard Richter inspiriert hat

Foto: Lenbachhaus/ Städtische Galerie im Lenbachhaus

Gerhard-Richter-Ausstellung in München Erst kam der Schnipsel, dann die Sekretärin

Gerhard Richter ist einer der bedeutendsten und teuersten Maler der Gegenwart. Jetzt zeigt das Münchner Lenbachhaus "Atlas", eine gewaltige Sammlung von Fotos, Zeitungsausschnitten und Dokumenten, die ihn zu seinen Werken inspiriert haben.

Ganz am Ende des langen, leicht gekrümmten Ausstellungsraumes steht, leicht erhöht, ein kleines, schmales Tischchen, das einer Schulbank gleicht. Dort sitzt Gerhard Richter. Neben ihm sitzt Helmut Friedel, der Direktor des Münchner Lenbachhauses. Richter lächelt tapfer. Trotz der klickenden Kameras und der Heerscharen von Journalisten, die jetzt bei der Pressekonferenz Zitierbares von ihm erwarten. Und er ruckelt herum: Er stützt die Arme auf den Tisch, lehnt sich nach hinten, faltet die Hände überm Bauch, legt sie auf die Oberschenkel.

Gerhard Richter ist einer der bedeutendsten und teuersten Maler der Gegenwart. Er ist jetzt 81 Jahre alt. Er hat zahllose Ausstellungen hinter sich. Allein in München sollen es seit 1964 hundert gewesen sein. Das New Yorker MoMA hat ihm 2002 die größte Schau ausgerichtet, die es bis dahin einem lebenden Künstler gewidmet hat. Bei öffentlichen Auftritten aber wirkt Richter immer noch so scheu wie damals, als 1973 zu seiner ersten Eröffnung im Lenbachhaus gerade einmal zwölf Leute erschienen waren.

Jetzt aber sieht es fast so aus, als hätten die beiden älteren Herren dort an ihrem Pult einen netten, kleinen Lausbubenstreich ausgeheckt. Denn eigentlich sollte bei dieser Pressekonferenz Richters "Atlas", dieser gewaltigen Fundus seiner Bildideen, als abgeschlossenen vorgestellt werden.

1962, ein Jahr nachdem Richter aus der DDR in den Westen geflohen war, hatte er angefangen, Familienfotos, Zeitungsausschnitte, Kalenderblätter, Skizzen und bald auch Selbstgeknipstes zu sammeln. Zuerst in Mappen und Schubladen. Ein paar Jahre später - als er schon einzelne Schnipsel zu heute so berühmten Bildern wie "Sekretärin", "Onkel Rudi" oder "Tante Marianne" vermalt hat - begann er, den Kram zu ordnen und zog, was thematisch zusammengehört, säuberlich auf weißen Karton auf. Immer öfter wurden dann Teile dieses schnell wachsenden Archivs ausgestellt. Und 1996 kauft das Lenbachhaus das ganze "work in progress" für über zwei Millionen Mark an.

Immer wenn in den vergangenen Jahren in seinem Kölner Atelier neue "Atlas"-Tafeln fertig wurden, hat Richter diese nach München geschickt. Zuletzt sind noch einmal 18 Tafeln dazugekommen. 802 sind es jetzt.

Nun ist doch alles anders

Wenn Richter über die Journalistenreihen hinweg den 110 Meter langen Ausstellungsraum entlang sieht, hat er sie alle im Blick: alle hinter Glas, alle in zarten, hellen Rahmen, die zigtausend Einzelbilder darin ordentlich rechtwinklig und mit gleichem Abstand arrangiert. Von Weitem gesehen, wirkt der "Atlas" fast wie eines von Richters berühmten Farbtafelbildern.

Eigentlich also sollte der Blick auf die "Atlas"-Schau eine Art Abschiedsblick werden. Für Helmut Friedel ist es die letzte Ausstellung, bevor er in den Ruhestand geht. Und Gerhard Richter mag angeblich auch nicht mehr so recht: Der "Atlas" sei in letzter Zeit zu einer Verpflichtung geworden, von der er sich jetzt befreien wolle - so hat er es kürzlich dem Kunstmagazin "art" erzählt. Und der Wandtext am Beginn der Schau spricht auch vom 2013 vollzogenen Abschluss des Werkkomplexes.

Aber nun ist doch alles anders. Nein, sagt nämlich Richter da auf dem Podium und lacht schüchtern, der "Atlas" sei nicht abgeschlossen. "Ich hoffe sehr, dass da noch was kommt." Und dabei redet er so leise, dass seine Worte auf dem kurzen Weg zum Mikrophon schon zu verschwimmen scheinen wie die Gegenstände in seinen Bildern.

"Ich bin ein unsicherer Typ, etwas unstet", hat Richter im vergangenen Jahr einer Illustrierten gestanden. Und man kennt das von ihm. Unschärfe als Prinzip. Er revidiert. Zieht gern zurück, was schon in der Welt ist. So wie er auch Fertiges manchmal bis zur Unkenntlichkeit übermalt oder ganze Leinwände zerstört, wenn er sie als zu leichthin empfindet oder als falsch. Einmal soll er sogar einige Werke verbrannt haben, als diese am Ende einer Ausstellung zu ihm zurückkamen.

Gesamtes Inspirationsvokabular freigelegt

Nun also doch kein Schlussstrich unter den "Atlas". Vielleicht ist es ihm ja tatsächlich angemessener, offen und potentiell unabgeschlossen zu bleiben. Vor allem, wenn man ihn als eine Art von bildnerischer Ursuppe versteht.

"Malen, das ist meine Art zu kommunizieren", hat er 2012 in einem Interview mit der französischen Zeitung "Le Monde" gesagt. Und der "Atlas" ist offensichtlich seine Art, etwas über die Hintergründe seiner Kunst mitzuteilen. Statt ewig auf Fragen nach Anregungen, Anlässen, Motiven antworten zu müssen, legt er lieber gleich sein gesamtes Inspirationsvokabular frei.

Und mit der Arbeit aufhören, das will er noch lange nicht. Vieles, was er heute macht, entfernt sich zwar von Malerei im engeren Sinne. In München sind davon expressive Lackfarbenverläufe hinter Glas zu sehen. Oder teilweise mit dem Computer generierte Streifenbilder. Und Skulpturen aus Glasscheiben.

Aber auch die gegenständlichen Bilder, die in den vergangenen Jahren hinter den abstrakten, meist mit der Rakel bearbeiteten Farbtableaus zurückstanden, will er durchaus nicht sein lassen: So sagt der Meistermaler der Unschärfe gegen Ende der Pressekonferenz, als blicke er auf seine eigenen Absichten wie auf ineinander verschwimmende Farbschlieren: "Ich hoffe, auch das kommt wieder".


Gerhard Richter: Atlas Mikromega. Bis zum 9.2.2014 im Kunstbau des Lenbachhauses, München.

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