Durham-Ausstellung Damenslip mit Federschmuck

Schluss mit der Indianerfolklore: Der Künstler Jimmie Durham, selbst indianischer Abstammung, spielt gerne ironisch mit Klischees. Eine große Retrospektive zeigt nun das Werk des Amerikaners, der schon mit Muhammad Ali eine Performance machte.


Steine können sprechen. Nicht rein mechanisch natürlich, aber sie haben etwas zu sagen. Mal verkünden sie eine Botschaft, mal erzählen sie eine Geschichte. Zum Beispiel der lindgrün-rosa bemalte Stein und der rote Stein mit der eingeritzten Nummer 160, dessen eine Ecke abgeschlagen ist, die beide in die Kategorie "A Stone Rejected by the Builder" fallen. Leid tun sie einem, die abgewiesenen, aussortierten Steine - auch wenn man gleichzeitig darüber lachen muss. Und genauso muss man lachen über ein einfaches altmodisches, mit weißen Bezügen ausgestattetes Bett, das zusammengebrochen ist, weil sich ein rechteckiger Stein, so groß wie ein Mensch, hineingelegt hat. "A Stone Asleep in a Bed at Home" heißt die absurde Installation.

Viele solcher mitteilsamen Steine sind in der Ausstellung des Künstlers Jimmie Durham im Antwerpener Museum für zeitgenössische Kunst, kurz MuHKA genannt, zu sehen. Sie haben zum Beispiel Tragödien erlebt und wirken lächerlich, weil schematisch zwischen normal und anormal unterschieden wird, und sie mit ihrer Farbigkeit einfach nur anders aussehen und einem hochgeschraubten Architekturanspruch nicht genügen. Und schon ist man bei Durhams eigentlichem Anliegen: dem Nachdenken über unseren Platz und unsere Verantwortung in der Welt und gegenüber anderen Kulturen.

Wunderbar passt zu diesen Exponaten der Titel der Schau: "A Matter of Life and Death and Singing" (Eine Frage von Leben, Tod und Gesang), die die erste große Retrospektive mit rund 140 Arbeiten des 1940 in den USA geborenen indianischen Objektkünstlers, Dichters und ehemaligen Polit-Aktivisten Jimmie Durham ist. Genauso hieß 1985 seine erste Einzelausstellung in New York, die nur unter wenigen Kollegen Anerkennung fand und ansonsten als "Indianische Kunst" interpretiert und abgetan wurde. Denn frühere Objekte gestaltete er aus Tierschädeln und -knochen, Steinen und geschnitztem Holz; Materialien, die schnell als folkloristisch gelten.

Gegen Indianer-Klischees mit universaler Symbolik

Aber Durham will seinen Totems und Objekten, die bis heute aus ähnlichem Material und aus Zivilisationsmüll gemacht sind, eine andere, eine universale und neue Symbolik geben, die ein aufmerksamer Betrachter einfach verstehen kann. So heißt eine rote Damenunterhose "Pocahonta's Underwear" und ist mit billigen Perlenschnüren und Federn behängt, also mit allem, was Hollywood oder Karl-May-Bücher an verlogenen Indianer-Klischees aufbieten. Genauso wie die Skulptur "La Malinche", eine sitzende Frau mit indianischen Zügen, geschmückt mit Federn und Perlen, die Durham ironisch mit Büstenhalter und weißen Armen und Beinen "zivilisiert". Oder eine Figur aus Holz, Knochen, mit blutigrot angemaltem Tierschädel, die "Dead Deer" heißt.

Als Identitätskunst will er seine Arbeit nicht verstanden wissen. Alltagsgegenständen, auch aus indianischen Kulturen, will Durham Aufmerksamkeit widmen, um die Welt durch sie "zu erforschen und zu verstehen". Das sei notwendig, sagt er, weil wir "die Welt so aufbauen, wie wir aufgebaut sind". In Europa zum Beispiel ist Jesus immer weiß. Die auf einer Trage sitzende Jesusfigur von Durham, die 1992 für die Documenta IX entstand, hat eine schwarz bedeckte dunkle Gesichtshälfte und eine weiße mit schwarzem Haar und schwarzem Auge. "Jesus. Es geht um die Wurst" ist der Titel, und ob der unübersehbare rot angemalte Penis als Wurst zu sehen ist, oder ob es sich um den beschnittenen Penis des Juden Jesus handelt, bleibt dem Betrachter überlassen.

Seine erste Performance machte er mit Muhammad Ali

Inzwischen gilt Durham als bedeutender Künstler der Gegenwart, der gerade zum zweiten Mal an der Documenta teilnimmt, viermal zur Venedig Biennale eingeladen war und besonders in Europa viele Einzelausstellungen zeigt. Einfach war sein Weg dahin nicht. Durham schlug sich schon jung als Gelegenheitsarbeiter durch, kämpfte dann für die Rechte der amerikanischen Ureinwohner und wurde 1973 der erste offizielle Beauftragte für die Rechte der Indianer bei der Uno. Im Rahmen seiner Arbeit gegen den Rassismus hatte er Literaten und Theatermacher kennengelernt, er begann zu schreiben und führte seine erste Performance zusammen mit dem Boxer Muhammad Ali auf. 1968 ging Durham nach Genf, um Kunst zu studieren, kehrte zurück, verließ 1987 die USA, lebte zuerst in Mexiko und seit 1994 zusammen mit seiner Frau Maria Thereza Alves in Europa. Gerade war er längere Zeit in Berlin, jetzt wohnt er in Neapel. Ein "heimatloser Waise" sei er, weil er es so will. "Ich möchte verloren sein, aber in einem produktiven Sinn", sagt er, und er möchte nicht zufrieden sein "mit dem, was ich weiß".

Zufrieden kann er mit seiner Kunst sein, weil sie intelligent, witzig, ironisch, magisch und politisch ist, ohne sich intellektuell zu spreizen. Denn Intellekt hat bei ihm mit Weisheit und Neugier zu tun, Politik mit Humanismus statt mit Ideologie, Ironie und Witz sind leise und keine schadenfrohe Komik.

So macht Durham Steine auch zu seinen Gehilfen, oder, je nach Perspektive, auch zu Opfern - indem er sie gegen einen Kühlschrank wirft, bis dieser völlig verbeult zu einer Skulptur geworden ist. Die Aktion ist in der Ausstellung in einem Video zu sehen.


Jimmie Durham. A Matter of Life and Death and Singing. Antwerpen. Museum van Hedendaagse Kunst Antwerpen. Bis 18.11.



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