Verfremdete Ikonen der Fotografie Alles Fake!

Der Untergang der Titanic, der Terroranschlag vom 11. September: Manche Bilder kennt wirklich jeder. Zwei Schweizer Künstler haben Foto-Ikonen nachgebaut. Hier erklären sie, warum das so irritiert.

Ein Interview von


Diese Fotografien erzählen Geschichte, oder haben selbst Geschichte geschrieben:

In den Versionen, die zwei Schweizer Fotografen von diesen Bildern machen, gibt es Irritationen. Jojakim Cortis und Adrian Sonderegger zeigen Klebeband, Pinsel und Sprühfarbe im Bild. Schraubstock und Montageschaum.

Cortis und Sonderegger rekonstruieren weltbekannte Fotos als Modellbauten. Sie formen Plastikfiguren, verkleben Knitterfolie, bis sie aussieht wie Wasser, und bemalen Styropor, bis er zum Mount Everest wird. Dann fotografieren Cortis und Sonderegger ihre Dioramen mitsamt der Arbeitsumgebung. Das Ergebnis wirkt dann verwirrend echt. Ist das nun respektlos - oder ein genialer Kommentar auf unseren Umgang mit Bildmedien?

SPIEGEL ONLINE: Herr Cortis, Herr Sonderegger, welchem Medium schenken Sie mehr Vertrauen - dem Wort oder der Fotografie?

Cortis: Natürlich der Fotografie, wir glauben an sie. Aber wir wissen auch, wie man Fotografie lesen muss, sie also auch hinterfragen darf und sollte.

Sonderegger: Die Geburt der Fotografie ging einher mit der Bildmanipulation. Das kann man nicht trennen. Leider wurde darüber jahrzehntelang geschwiegen. Schon die Wahl eines Ausschnitts kann ein Bild dramatisch verändern.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man Ihre Bilder sieht, etwa die Folterszene aus Abu Ghraib oder den Fußabdruck des ersten Menschen auf dem Mond, erschrickt man. Das wirkt absolut echt und ist doch Fake. Untergraben Sie damit nicht die Glaubhaftigkeit der Fotografie?

Sonderegger: Im Gegenteil, wir erwecken sie wieder zum Leben. Wir sind es ja gewohnt, Fotografien als abgeschlossene Aufnahmen aus der Vergangenheit zu betrachten. Wir holen die Momente in die Gegenwart zurück - sie passieren quasi noch einmal.

SPIEGEL ONLINE: Und doch muss man schlucken: Sollte es so einfach sein, die Geschichte zu manipulieren?

Sonderegger: Das Problem liegt in der Wahrnehmung des Betrachters, der einem Bild nur eine Millisekunde widmet. Für uns war es nicht einfach, den Leser des Bildes in die Irre zu führen, denn wir haben monatelang an jedem Bild gearbeitet. Dafür analysieren wir lange die Situationen und müssen uns wie Forensiker mit den Materien befassen.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt berühmte Fotografien, die selbst Geschichte schrieben - etwa der fallende Soldat des Kriegsfotografen Robert Capa aus dem Spanischen Bürgerkrieg. Die Herkunft des Bildes ist umstritten, vielleicht wurde es damals auch inszeniert. Ist ihr Modell davon jetzt ein Fake von dem Fake?

Cortis: Wir wollen keine Verschwörungstheorien befeuern. Unser Ziel ist es, dass Betrachter die Bilder wieder richtig anschauen, denn was man glaubt, gut zu kennen, betrachtet man nur noch flüchtig. Als wir 2012 mit diesem Projekt anfingen, gab es den Begriff Fake News noch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wählen Sie denn bewusst umstrittene Bilder aus, um sie nachzubauen?

Cortis: Ursprünglich hatten wir die fixe Idee, die teuersten Bilder zu kopieren. 2011 wurde Andreas Gurskys "Rhein II" für den Rekorderlös von drei Millionen Euro versteigert. Seine extremen Großformate sind eindringliche, komplexe Montagen. Wir wollten das kommentieren. Dann merkten wir, dass das "Making-of" viel interessanter war als eine Kopie des Originals.

Sonderegger: Seitdem widmen wir uns den bekannten Momenten der Fotografiegeschichte, nicht gezielt jenen, deren Echtheit angezweifelt wird. Das Innere der Modelle sieht echt aus, aber wir lösen die Illusion durch den Rahmen wieder auf. Noch intensiver wird dieser Effekt bei Katastrophen. Die Themen gebieten dann eine gewisse Distanz, doch wenn man Klebepistole und Styroporreste im Bild sieht, ist man wieder ganz beim Bild.

SPIEGEL ONLINE: Geht es auch um die Grenze von dem, was man "guten Geschmack" nennt? Das brennende World Trade Center am 11. September 2001 oder die Tsunami-Welle in Thailand 2004 mit Spielzeugen nachzubauen, kann man durchaus als pietätlos empfinden.

Cortis: Es gibt natürlich Bilder, die schwierig sind. Wir haben auch ein Foto aus einem KZ nachgebaut. Wenn man aber mit den berühmtesten, in der kollektiven Erinnerung verankerten Bildern arbeiten will, landet man unweigerlich dort. Sich nicht damit zu befassen, geht nicht, denn sie sind Teil der Geschichte.

Sonderegger: Wir arbeiten mit politischen Bildern, insofern ist unser Werk politisch. Aber wir bewerten die Momente nicht neu.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer neuesten Arbeit zeigen Sie das als "Napalm-Mädchen" bekannte Kind, das im Vietnamkrieg nach einem Luftangriff nackt und verbrannt aus seinem Dorf flieht. Das ist extrem - und Sie sagen, hier gebe es keine Bewertung, an Krieg oder dem Umgang der Medien damit?

Sonderegger: Das "Napalm-Mädchen" von Nick Ut ist eine Bildikone des Vietnamkriegs, es war das World Press Photo des Jahres 1972, in unzähligen Büchern und Filmen wurde es gezeigt. Deshalb haben wir es ausgewählt. Uns stellte es vor allen Dingen vor eine technische Herausforderung: Um Figuren nachzubauen, fehlte uns zu Beginn die Expertise. Es sieht schnell lächerlich aus. Die ersten Figuren, die in unseren Bildern auftauchten, waren deshalb maskiert - etwa bei Abu Ghraib oder dem Attentat von München. Angefeindet worden für eine unserer Darstellungen sind wir jedenfalls noch nie.


Ausstellung: Cortis & Sonderegger: Double Take, C/O Berlin, bis 1. Juni 2019

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
hegoat 20.03.2019
1.
Ähm, vom Untergang der Titanic existiert kein Foto. Bitte recherchieren!
China 20.03.2019
2.
Sehr interessante Arbeiten. Allerdings finde ich, dass auf Fotos gebanntes menschliches Leid nicht künstlerisch verarbeitet werden sollte. Ich denke da an die Hinterbliebenen von 9/11.
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