Muslimische Mode "Sie tragen Identitäten in Lagen übereinander"

Warum löst eine Frankfurter Ausstellung zu muslimischer Mode eine heftige Debatte aus? Die Anthropologin Fatma Sagir erforscht islamischen Lifestyle und erklärt, warum Kosmetikblogs hochpolitisch sind.

Wesaam Al-Badry

    Fatma Sagir, ist Kulturanthropologin am Lehrstuhl für Populäre Kultur und Musik der Uni Freiburg. Sie forscht unter anderem zur Popkultur junger Muslime.

SPIEGEL ONLINE: Frau Sagir, warum löst eine Ausstellung zur muslimischen Mode in Frankfurt so viel Aufregung in Deutschland aus - noch bevor sie begonnen hat?

Sagir: Im Vergleich zu Großbritannien oder Nordamerika fällt es Deutschland schwerer, sich mit Fragen der Vielfalt und Zugehörigkeit auch nur auseinanderzusetzen. Man kann das sehr gut an der Populärkultur sehen, in Filmen etwa, in Fernsehdebatten und so weiter. Wie sichtbar sind denn jene, die nicht zur Mehrheit gehören? In Deutschland sind sie es nicht besonders.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Sagir: Alle komplexeren Debatten kommen gar nicht in der Mitte dieser Gesellschaft an, obwohl es notwendig wäre. Debatten über Rassismus, auch darüber, wie selbstbestimmt Frauen im Umgang mit ihrem Körper sein dürfen. Über die Kopftücher hingegen wird seit Langem Gesellschaftspolitisches abgearbeitet.

SPIEGEL ONLINE: Über die Ausstellung wird ja gesprochen, und sie wird von solchen muslimischen Frauen kritisiert, die eine Verharmlosung von Zwängen befürchten.

Sagir: Die besondere Irritation besteht für alle Seiten darin, dass sich die auffallend vielen muslimischen Modebloggerinnen der Politisierung zu entziehen versuchen - aber gerade das ist kulturwissenschaftlich gesehen hochpolitisch. Muslimische Bloggerinnen verweigern sich dadurch, dass sie vor allem über Kosmetik, Mode, Luxusartikel reden. Doch genau diese Themen haben immer auch politische Momente - zumal diejenigen, die diese Blogs rezipieren, das Schminken zum Beispiel äußerst kontrovers diskutieren. Etwa mit der Frage, ob es den Regeln des Islam entspricht. Deshalb ist diese Debatte, so wäre mein Argument, letztlich eine politische, in der es nicht nur um Religion oder Identität geht. Mich als Wissenschaftlerin fasziniert gerade ein offensichtlicher Widerspruch.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Gegensatz meinen Sie?

Sagir: Je nachdem, welcher religiösen islamischen Denkschule man folgt, wird von den Frauen Zurückhaltung oder sogar fast eine Unsichtbarkeit erwartet. Die westliche Mode aber propagiert das Gegenteil: Sichtbarkeit und Auffallen. Die neue, digitale und bislang ignorierte Kulturleistung besteht darin, beides miteinander zu verbinden. Die Bloggerinnen, die sich mit muslimischer Mode beschäftigen, verknüpfen oft beides.

SPIEGEL ONLINE: In der Ausstellung wird auch betont, wie wichtig das Internet für junge Musliminnen ist. Was beobachten Sie da?

Sagir: Nur wenige muslimische Bloggerinnen stammen aus Deutschland, die meisten kommen aus den USA, vor allem aber aus Großbritannien. Sie treten im digitalen Raum auf eine Art und Weise auf, die so eigentlich für junge Frauen nicht vorgesehen war, schon gar nicht für junge Musliminnen. Sie stehen sozusagen für einen Lagen-Look der Identitäten: Sie tragen Identitäten in Lagen übereinander, kombinieren diese, wenn sie Schminke und Kopftuch gleichzeitig tragen.

SPIEGEL ONLINE: Heißt das aber nicht, dass diese so selbstbewusst wirkenden Modebloggerinnen versuchen, verschiedene Idealbilder in Einklang zu bringen und sie sich so eigentlich doppelt unterordnen?

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Fotostrecke: Hijab und Haute Couture

Sagir: Ich glaube eher, dass die Bloggerinnen auf alte, festgefahrene Bilder und Klischees von muslimischen Frauen reagieren. Muslimische Frauen werden oft als schwarz gekleidete, irgendwie körperlose, aber Kopftuch tragende Wesen dargestellt. Gleichzeitig wollen alle am Körper der muslimischen Frau festmachen, ob der Islam einen Platz in dieser Welt hat. Die meisten Bloggerinnen haben ein anderes Bild von sich, sie haben überhaupt erst angefangen zu bloggen, weil sie ein angemesseneres Bild von sich selbst sehen wollten. Sie wollten sichtbar werden, ein gutes Körpergefühl entwickeln und stärken. Das Schminken, das Posen, die ganze Selbstdarstellung hilft dabei. Natürlich kann sich jemand von außen fragen, warum diese Person, die sich so zeigt, überhaupt noch das Kopftuch trägt. Aber auch das begründen die Frauen selbst.

SPIEGEL ONLINE: Und zwar wie?

Sagir: Die Tradition legt ihnen nahe, ein Kopftuch zu tragen. Die nicht muslimische Gesellschaft zeigt ihnen aber gleichzeitig, dass sie wegen des Kopftuches nicht dazugehören. Die politische Aufladung findet eben nicht nur durch die muslimische Gemeinschaft, sondern auch durch Nichtmuslime statt. Das ist ein Kulturkampf auf der Körpergeografie der Frauen. Man darf zudem auch nicht den Rassismus unterschätzen, der in den einzelnen Gesellschaften herrscht; sicher bekommen Muslime mit dunklerer Hautfarbe den noch mehr zu spüren. Diese Frauen aber wollen sich von aller Fremdbestimmung abgrenzen und etwas Eigenes schaffen. Und das Internet bietet ihnen die Räume. Die meisten Lifestyleblogger, ob muslimisch oder nicht, sind Frauen, und ihre Follower sind es auch. Die Themen sind ähnliche.

SPIEGEL ONLINE: Nämlich?

Sagir: Aussehen, Dekoration des eigenen Heims, so etwas. Diese Bloggerinnen zeigen, wo sie einkaufen, wie sie essen gehen, sich um ihre Kinder kümmern. Und auch die muslimischen Bloggerinnen sind als Influencerinnen in einen ökonomischen Kreislauf eingebunden, denn sie regen den Konsum an. Vor allem aber wird da eine Bühne geschaffen und eine Imagepflege betrieben, wobei die jungen Musliminnen vor allem neue Images, also neue Bilder, von sich schaffen.

SPIEGEL ONLINE: Es werden neue Bilder geschaffen, aber doch alte Klischees von Weiblichkeit verstärkt.

Sagir: Aber das macht das Thema für mich nicht weniger interessant, ich will auch die Zwischentöne und Zwischenräume erkennen und erforschen. Ja, einerseits werden traditionelle Bilder des Weiblichen bedient. Andererseits eröffnen sich diese Frauen einen Aktionsrahmen, den sie vorher nicht hatten. Die muslimischen Fashion-Bloggerinnen füllen einen Raum, auch einen Raum des Konsums, machtvoll aus. Da gibt es eine unverhohlene Anbetung von Luxus und gleichzeitig eben auch eine äußerst kritische Auseinandersetzung mit der Religion und mit Geschlechterrollen. Sie setzen ein anderes Bild von der muslimischen Frau in die Welt als das, das man gemeinhin hat.



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