Ausstellungen Heimat ist nur eine Haltestelle

Mit der Ausstellung "Heimat Kunst" nähert sich das Haus der Kulturen der Welt in Berlin einem häufig geschmähten Begriff - und verleiht ihm eine überraschende Bedeutung. Mehr als 40 Künstler aus 25 Nationen laden zum heiteren kulturenübergreifenden Identitätsraten.
Von Henrike Thomsen

Wenn es einen Gegenentwurf zum guten alten Heimatmuseum gibt, dann ist es das Haus der Kulturen der Welt in Berlin. Seit rund zehn Jahren bietet die Institution im Tiergarten Einblicke in zeitgenössische Strömungen aus Asien, Afrika und Lateinamerika. Mit Begriffen wie "Nation" und "Volk" ist man traditionell vorsichtig: Bei einer Konferenz zum Kosovo-Krieg im letzten Jahr setzte man sie sicherheitshalber in Anführungsstriche. Wenn nun dieses von Gegnern als "multikulti" geschmähte Haus eine Ausstellung mit dem Titel "Heimat Kunst" eröffnet, kann es sich eigentlich nur um Subversion handeln.

Der Leitfaden stammt ausgerechnet von Vilém Flusser, einem der großen Medienphilosophen, der - obwohl er alle seine Texte auf einer alten Schreibmaschine verfasst hat - die Globalisierung der Informationsgesellschaft begrüßte. Flusser feiert den Migranten als "Mensch der heranrückenden heimatlosen Zukunft". Statt des Verlustes alter Bindungen rückt er die schöpferische Tätigkeit des Kulturtransfers in den Blick, für den Gastarbeiter, Flüchtlinge und Reisende sorgen. Die über 40 Künstler aus 25 Nationen in und vor dem Haus der Kulturen unterstützen diesen Gestus. Es ist erstaunlich, wie frei von Melancholie die meisten Arbeiten sind, obwohl sie an Kindheit, Vertreibung, Verfolgung und Identitätsängste erinnern.

Auf dem Teich vor der "Schwangeren Auster", in der das Haus untergebracht ist, treiben die "Fingerblumen" von Qiu Ping. Die in Berlin arbeitende Künstlerin hat gelbe Gummihandschuhe zu fröhlich hybriden Anemonen zusammengebunden. Überhaupt gehört die Reinheit im übertragenen Sinne zu den starken unterschwelligen Motiven der Ausstellung - ganz als wäre es eine Bedingung für den hier skizzierten utopischen kulturenübergreifenden Gemeinschaftsraum, dass man allzu erdige Bindungen abstreift.

Die Koreanerin Jinran Kim etwa hat einen Schrein mit benutzten Seifestücken aufgebaut, die sich verschiedenen Stimmungen und Menschen zuordnen. Ihre Landsmännin Juyon Kim füllte Kräutertees, mit denen sich traditionell eine spirtuelle Reinigung verbindet, in hohe Waschschüsseln. Unter den Schüsseln hat sie Roterde, die für Korea typisch ist, aufgeschüttet wie ein fernes Zitat. "Ich habe nicht mehr so ein Gefühl von Heimat. Ich begreife mein Leben als eine Reise", sagt Juyon Kim. "Wo ich jetzt bin, ist eine nur eine Haltestelle."

Losgelöst von zwingenden kulturellen Codierungen sind es oft persönliche Zitate, mit denen die Künstler dem drohenden Identitätsverlust in der Fremde begegnen. Videoszenen aus dem Familienleben, Alltagsgegenstände mit versteckten privaten Konnotationen, traditionelle Materialien wie Erde, Holz und Reis schützen gegen die Anonymität. So zitiert Barthélémy Toguo aus Kamerun seine Biografie zwischen Abidjan, Grenoble und Düsseldorf, indem er die Stempel, die er bisher in seinen Pass bekommen hat, in großen handgeschnitzten Skulpturen nachbildet. Manche Griffe weisen anthropomorphe Formen auf, als wollten sie den Menschen evozieren, der sie - und einen Teil von Toguos Zukunft - einmal in der Hand hielt.

Durchgangsstationen wie Grenzkontrollen, Flughäfen und Bahnhöfe erscheinen auf diese Weise in einem neuen, humaneren Licht. "Heimat Kunst" sieht die Chance in der Zäsur. Die Angst vor Abschied und Verlassenheit erscheint gewendet durch eine gewisse Gelassenheit und die Neugier auf Begegnungen.

Es gibt einen Rückzugsort, der den alten, intimen Ideen von Heimat und zu Hause vielleicht noch nahe kommt: das Bett. Meistens handelt es sich jedoch bloß um eine Matratze, oder es wird, wie in Tanya Urys "Hotel Chelsea - Köln", von anonymen Liebenden bevölkert. Doch aller Nachdenklichkeit zum Trotz taucht immer wieder ein Hoffnungsschimmer auf: Selbst die melancholischste Arbeit, ein Film von Hatice Ayten über die Migration türkischer Gastarbeiter, führt am Ende ein Flusser-Zitat auf den Lippen.

Die Ausstellung "Heimat Kunst" im Berliner Haus der Kulturen der Welt (7. April bis 2. Juli) ist von Dienstag bis Sonntag sowie feiertags jeweils von 11 bis 19 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 6 Mark, der Katalog 25 Mark.