Serie "Das Wort" Die Rückkehr der Selbstherrlichen

In Europa und an dessen Rand etabliert sich ein neuer, alter Politikertypus: der des Autokraten.
Von Jan Hedde
Wladimir Putin

Wladimir Putin

Foto: MAXIM SHEMETOV/ REUTERS

Gesellschaften werden von gemeinsamen Zielen zusammengehalten und durch eine verbindliche Hierarchie geführt. An der Spitze dieser Hierarchie steht eine Person. In den republikanisch verfassten Staaten Europas sind diese Personen Präsident, Ministerpräsident oder Kanzler. Die Amtsbezeichnung ist verschieden, aber ihre Funktion als mächtigste Person nicht.

Nach der Wende 1989 und der Demokratisierung Mittel- und Osteuropas schien es, als gehörte dem demokratischen Gesellschaftsmodell zwangsläufig die Zukunft. Die Freude war verfrüht. Irritiert nimmt man zur Kenntnis, dass der Typus des Autokraten fortbesteht.

Autokrat setzt sich zusammen aus dem griechischen autós, selbst, und krateín, herrschen. Der Diktator entstammt dem Lateinischen und geht zurück auf das Verb dicere, sagen oder ansagen.

Die Wörter Autokrat und Diktator werden gelegentlich sinngleich verwendet. Tatsächlich unterscheidet den Autokraten mehr vom Diktator als vom demokratisch gewählten Regierungschef.

Autokrat werden gegenwärtig Personen wie Wladimir Putin oder Recep Tayyip Erdogan, aber auch Viktor Orbán genannt. Weiterer Anwärter für die Bezeichnung ist auch Jaroslaw Kaczynski.

Autokraten nutzen die Demokratie für ihren Aufstieg. Diktatoren gelangen häufig durch Gewaltakte wie Bürgerkriege und Militärputsche, aber auch durch Erbfolge an die Spitze eines Staates. Der Autokrat muss den beschwerlichen, dafür weniger riskanten Weg über die demokratische Wahl nehmen.

Autokraten sind charismatisch

Autokraten sind charismatisch und sie sind geborene Populisten. Den Typ des introvertierten Autokraten gibt es nicht; Autokraten wissen das Volk anzusprechen und ihm das Gefühl zu geben, es sei besonders unter den Völkern. Daher richten sich die Versprechungen gerne auf Immaterielles: den Stolz, die Ehre, das Wiedererstarken, den Glauben.

Das Verhältnis von Diktatoren zum Volk ist dagegen eher von Verachtung geprägt. Millionen eigene Bürger zu opfern, wie es Hitler und Stalin, aber auch Mao und Pol Pot taten, wäre für Putin und Erdogan undenkbar. Autokraten sind der Gesellschaft gegenüber nie gleichgültig und sie streben nach messbarem Erfolg: Vergrößerung des Staatgebietes, neue Verbündete, religiöse Erneuerung, Wohlstand, Militärmacht.

Autokraten wie Diktatoren sind unterschiedlich bestrebt, dass sich das Volk mit ihnen identifiziert, denn der Autokrat will die nächste Wahl gewinnen, während der Diktator das Wahlergebnis anordnet.

Einmal im Amt, bauen Autokraten den Staat um. Sie konzentrieren die institutionalisierte Macht bei sich: Die Gewaltenteilung wird geschwächt, die Opposition wird behindert und der Apparat der Exekutive und Judikative wird mit Gefolgsleuten besetzt.

Der Autokrat schätzt loyale Mitstreiter, die ihn aus Vernunft unterstützen. Kritik ist möglich, Loyalität wird erwidert. Der Diktator braucht Menschen, die an ihn glauben, denn Glaube ist bedingungslos. Kritik führt zum Tod, die Loyalität ist einseitig und Diktatoren beseitigen kontinuierlich Teile ihrer Gefolgschaft. Diktatoren sind oft paranoid und fürchten immer Verschwörungen.

Der Autokrat hält Regeln ein - zumindest die eigenen

Bemerkenswert ist, dass der Staat des Autokraten als Funktionsgebilde erhalten bleibt, so dass einem Autokraten ein anderer Machthaber folgen kann, ohne dass der Staat insgesamt in eine Krise stürzt. Mexiko und Jordanien sind hierfür beispielhaft, aber auch der Vatikan. Die Gesetze des autokratischen Staates sind auf den Autokraten zugeschnitten, behalten aber ihre Gültigkeit unabhängig von der Person des Machthabers.

Autokraten sind nie regellos. In der Diktatur dagegen gibt es kein Recht ohne oder gegen den Diktator. Der Diktator stützt sich auf Gewalt, nicht auf das Recht. Ein Diktator befolgt auch keine Regeln, er herrscht durch Willkür. Die Gesamtheit aller rechtlichen Regeln, gleichsam das Betriebssystem des Staates, verkümmert in der Diktatur.

Autokratische wie auch diktatorische Gesellschaften können vorübergehend sehr erfolgreich sein, denn die Konzentration von Macht bedeutet ein Maß an Handlungsfähigkeit, das demokratische Gesellschaften selten haben. Wenn der Gestaltungsmacht keine Verhinderungsmacht gegenübersteht, lässt sich ungestört regieren. Die ökonomische Leistungsfähigkeit der Demokratie erreichen aber auf lange Sicht weder autokratisch noch diktatorisch geführte Systeme.

Die Autokratie steht zwischen Demokratie und Diktatur. Wohin sich eine Autokratie entwickelt, liegt in der Person des Autokraten begründet: sind seine Ziele realistisch, wird er den Staat erhalten. Sind sie es nicht, wird er ihn zerstören.


Jan Hedde, 52, ist Jurist und untersucht an dieser Stelle alle zwei Wochen ein Wort. Zuletzt analysierte er die Begriffe, "Gewalt", "Queer", "Opposition" und "Hooligan".

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.