Bundesrepublik Autoland Naturfreunde auf Parkplatzsuche

Die Liebe zur Natur und zum Auto ist in Deutschland nicht gegensätzlich. Das macht die Debatte über die sozialen und ökologischen Kosten des Automobils so quälend - als müsste man sich zwischen Essen und Trinken entscheiden.

Mit dem Auto in die Natur - in der Bundesrepublik Autoland kein Widerspruch
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Mit dem Auto in die Natur - in der Bundesrepublik Autoland kein Widerspruch

Ein Essay von


Manchmal begegnet mir im Wald ein Auto. Deutsche Waldwege sind breit und ordentlich. Wenn man Zufahrten ohne Schranke und die Schleichwege kennt, ist es nicht schwer, den Spaziergang sitzend und fahrend zu absolvieren. Einmal sah ich auch einen Hundehalter, der sein Tier an langer Leine aus dem Fahrerfenster und im Schritttempo ausführte.

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Heft 38/2019
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So macht es freilich nur eine Minderheit, die anderen fahren aber doch so nah es geht mit dem Pkw in den Wald, dann gibt es Stau und Parkplatzsuchverkehr mitten in der Natur. Viele halten sich das Auto überhaupt nur, um ab und zu mal ins Grüne zu kommen. Oder um auf dem Lande wohnen zu können, um wenigstens nach Feierabend oder morgens früh den Zumutungen der Großstadt zu entkommen.

Die Liebe zur Natur, zum Wald und zum Auto ist in Deutschland nicht gegensätzlich, sondern komplementär. Der Wagen als Symbol der Freiheit, all dem - der Arbeit, dem Stress, der Stadt - zu entkommen, was diesen Kauf überhaupt erst möglich gemacht hat. Hätte man das Bedürfnis, rauszukommen, zu verreisen auch, wenn man nicht so viel und entfremdet arbeiten müsste, um sich dann so einen teuren, rapide an Wert verlierenden Wagen leisten zu können? Und würde man andererseits die Natur immer noch so lieben, wenn man nicht im Regenfall blitzschnell, warm und trocken mit den Spitzenprodukten der deutschen Automobilindustrie ins Café oder nach Hause käme? Beides ist verwoben.

Ewiges Fest im Reich des Autos

Darum ist die aktuelle Debatte über die sozialen und ökologischen Kosten des Automobils gerade in Deutschland so quälend. Es ist, als müssten sich die Leute zwischen Vater und Mutter, Essen und Trinken entscheiden. Rational geht es in dieser Debatte nicht zu. So wie die IAA und andere Automessen ein Festival des Wahnsinns sind. Frankfurter Taxifahrer schwärmen von den Gästen der großen Autoausstellungen, dagegen seien BuchmessenbesucherInnen ganz arme Wichte - wie weit sich die Automänner kutschieren lassen, welche Spesen gemacht werden, der Glamour, die Exzesse - das Leben im Reich des Autos ist, jedenfalls in diesen Schilderungen, ein ewiges Fest.

Autogegner gelten als Spaßbremsen, obwohl sich die vielen Autos doch längst selbst blockieren. Die freie Fahrt ist nur noch eine Projektion. Im alltäglichen Verkehr geht es mühsam und gefährlich zu. Der Pkw, Symbol des Wohlstands, ist mit Wertverlust, Reparaturen, Bußgeldern und Versicherungen ein unkalkulierbares Risiko für jedes private Budget.

Nun pfeift die Umwelt aus dem letzten Loch und Deutschland ist immer noch so autobegeistert, hat verliebt und verbohrt auch wirtschaftlich auf diese Branche gesetzt, als die Krise längst angekündigt war. Jetzt befinden wir uns in einer peinlichen Situation - die Liebe zum Auto ging viel zu weit, das dort verdiente Geld hat blind gemacht, die Kosten wurden einfach ignoriert. Rechnungen hinters Regal geschoben, weiter groß eingekauft und so getan, als wäre nichts - die größte Volkswirtschaft Europas verhält sich teilweise wie die ärgsten Fälle des Fernsehschuldenberaters Peter Zwegat.

Video: Klima-Proteste auf der Automesse IAA

Wolfgang Rattay/ Reuters

Wir stecken auch praktisch in der Klemme: Enorme Staus machen das Autofahren unmöglich, die Wege sind zu eng, die Brücken sollten saniert werden. Aber auch mit der Bahn oder gar mit dem Flugzeug ist jede Reise eine Studie in Improvisationskunst. Warum kann man durch China, durch Japan in schnellen, leisen Zügen sausen, während hier solche Anlagen Zeugnisse verkehrspolitischer Leistungsverweigerung sind?

Das Automobil ist deutsche Identität

Heute würde kaum jemand durch Deutschland reisen und befinden, dass das Primat der mit fossilen Brennstoffen betriebenen, teuren Privatfahrzeugen der schlaueste Weg ist, Leute zu bewegen und für ein gutes Zusammenleben zu sorgen. Innenstädte sind ohne Autos schöner. Aber fällt uns noch etwas Neues ein? Wie entsteht die Zuversicht, die Begeisterung, ein Land zu denken, in dem Autos ein Hobby sind, aber nicht die zentrale Stütze der Wirtschaft und sicher nicht die normale Art, Menschen zu bewegen.

Es wäre nichts weniger als eine Neugründung des Landes, denn diese Themen reichen in die Tiefe deutscher Geschichte und Kultur. Die Bundesrepublik erfand sich als Autoland, damit verbinden sich wesentliche Elemente unserer Identität.

Kindheitserinnerungen der heutigen Erwachsenen sind immer auch Erinnerungen an das Auto. An das samstägliche Reinigungsritual, an ewig lange Urlaubsfahrten, leider auch Pannen, Unfälle, Katastrophen. Gestandene Männer sah man früher selten in Bus und Bahn oder wenn, dann mit Nummernschildern in der Hand, zwischen zwei Autos sozusagen. Wer etwas war, wer Chef war, der hatte einen Fahrer oder wenigstens einen Parkplatz. Soziale Mobilität wurde an diesen Zeichen gemessen.

Das Auto war das Symbol der Wachstumsideologie und ist es immer noch. Es verbraucht unwiederbringliche Ressourcen, ist anfällig, einer dynamischen Mode und Technik unterworfen, bald schon möchte man ein neues Modell und das alte wird fast wertlos. Diese Industrie setzt ganz auf Verbrauch und Vergänglichkeit, also geht immer mehr, der ganze glorreiche Wahnsinn des Wachstums ist hier zu Hause. Ist es möglich, diese Begeisterung, diese Lebenseinstellung und Weltanschauung umzulenken auf andere Muster? In der hessischen Provinz hat sich ein Betrieb darauf spezialisiert, geliebte Automodelle und Sammlerstücke umzurüsten, dann sind sie elektrisch unterwegs. Lautlos beschleunigt dann ein altes Saab-Coupé. Im Einzelfall wird das gehen, obwohl die Sache nicht billig ist. Aber womit verdient Deutschland sein Geld, wenn es keine Autos mehr verkauft?

In der engen Straße hinter unserem Wohnhaus wurden die absurd knappen Parkplätze noch weniger, Markierungen in pinker Farbe trennten einen Streifen neben dem Bordstein ab. Ich vermutete einen Radweg, erwartete ein weiteres Kapitel in der langen, tödlichen Schlacht zwischen Fahrrad und Pkw. Nichts dergleichen: Die Straße wird aufgerissen, weil der Boden nach Weltkriegsmunition durchsucht werden muss. Die ganzen Autos parkten auf alten Bomben.

Die Autodebatte ist nationale Therapie. Zwei totalitäre Systeme gab es im vorigen Jahrhundert hierzulande, die Familien laborieren heute noch an den Folgen. Ist der tröstende Gedanke an den vollgetankten Wagen vor der Tür ein Echo solcher Ängste? Irgendwas in der Art muss es sein. Das rührend lange Festhalten am Auto war Zeichen der Sehnsucht nach der permanenten Gegenwart, sie ist das wesentliche Merkmal des gegenwärtigen Deutschlands, gleichermaßen eine Furcht vor der Zukunft wie eine Angst aus der Vergangenheit.



insgesamt 195 Beiträge
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Seite 1
coprozessor 15.09.2019
1. So ist es!
Genau getroffen. Was fehlt ist wenigstens ein Link zu den Alternativen...
flaffi 15.09.2019
2. Wunschdenken
Die meisten Pendler steht doch garkeine Alternative zur Verfügung. Wohnung in Sichtweite des Arbeitsplatzes gibt es nur für Wenige. Wirklich flächendeckender ÖV ein unfinanzierbarer Wunschtraum. Ich selbst habe schon seit Jahren kein Auto mehr, bin Rentner und wohne in einer Großstadt. Somit weiß ich um die Schwierigkeiten die das Leben ohne Auto so mit sich bringt. Machbar nur weil ich Zeit habe und der Enkel ein Auto hat, dass er als Pendler auch braucht.
carlitom 15.09.2019
3.
Ein witziges Bild. Die junge Frau steht demonstrierend auf dem Auto. Keinen interessierts. Niemand regt sich auf. Keiner schaut hin. Nur ein einziger Fotograf sucht das Bild zum "Skandal". Nix los. Sie muss sich schön blöd vorgekommen sein.
Ehrlicher1 15.09.2019
4.
Jetzt kommt wieder das Bashing der Autofahrer. Es bleibt aber, dass das Auto nun einfach mal alternativlos ist. Ist einfach so. Nur ein Beispiel: Ich bin eine zeitlang von Münster ins Ruhrgebiet mit der Deutschen Bahn gependelt. 4 bis 5 mal die Woche. Es war wirklich katastrophal. Schlimme Qualität der Züge. Nur alte ICs, vollkommen überfüllt, defekte Türen, WCs, etc. Dann wurde auch nicht überall gehalten. Die ca. 400.000 Einwohnerstadt Bochum, mitten im Ruhrgebiet, großer Universitätsstandort, wird vom Fernverkehr aus und in Richtung Norddeutschland nicht mehr angefahren. Purer Hass der Leute dort auf die Deutsche Bahn. Was geht schief in diesem Land? Wer möchte so Bahn fahren? Wenige Hochglanzstrecken in Süddeutschland und nach Berlin, auf denen Miliarden verballert werden. Metropolen wie das Ruhrgebiet oder das Münsterland werden hemmungslos ignoriert. Ich werde den Schienenverkehr unter diesen Randbedingungen niemals unterstützen. Muss ich mich da schämen, dass ich überall und immer mit dem Auto fahre? Nein, mach ich nicht. Das Auto ist alternativlos. Morgens zum Brötchenholen kann man das Fahrrad nutzen. Auf längeren Strecken aber bitte nur das Auto. Alles andere ist Augenwischerei.
Andreas J. 15.09.2019
5. Ein interessanter Ansatz
Dieser Artikel verfolgt einen interessanten Weg. Aber er zeigt keinen Ausweg aus dem Dilemma. Auch in Japan existieren sehr viele PKW und es wird viel Geld für Parkplätze ausgegeben, da es notwendig ist in einigen Gemeinden, einen Parkplatz nachzuweisen, wenn man ein Auto zulassen will. Aber das Auto wird seltener genutzt als bei uns. Wird hier bei uns versucht, eine neue U-Bahn zu bauen oder eine Schnellbahn, dann gibt es regelmäßig Proteste von Umweltschützern, die versuchen, solches zu verhindern. Da ist man in anderen Ländern einsichtiger oder kann besser enteignen. Wenn die Taxis in Deutschland günstiger wären, würden vielleicht auch weniger Autos zugelassen. Aber auf dem Land muss man sich vorher anmelden, wenn man ein Taxi benötigt.
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