Bundesrepublik Autoland Naturfreunde auf Parkplatzsuche

Die Liebe zur Natur und zum Auto ist in Deutschland nicht gegensätzlich. Das macht die Debatte über die sozialen und ökologischen Kosten des Automobils so quälend - als müsste man sich zwischen Essen und Trinken entscheiden.

Manchmal begegnet mir im Wald ein Auto. Deutsche Waldwege sind breit und ordentlich. Wenn man Zufahrten ohne Schranke und die Schleichwege kennt, ist es nicht schwer, den Spaziergang sitzend und fahrend zu absolvieren. Einmal sah ich auch einen Hundehalter, der sein Tier an langer Leine aus dem Fahrerfenster und im Schritttempo ausführte.

So macht es freilich nur eine Minderheit, die anderen fahren aber doch so nah es geht mit dem Pkw in den Wald, dann gibt es Stau und Parkplatzsuchverkehr mitten in der Natur. Viele halten sich das Auto überhaupt nur, um ab und zu mal ins Grüne zu kommen. Oder um auf dem Lande wohnen zu können, um wenigstens nach Feierabend oder morgens früh den Zumutungen der Großstadt zu entkommen.

Die Liebe zur Natur, zum Wald und zum Auto ist in Deutschland nicht gegensätzlich, sondern komplementär. Der Wagen als Symbol der Freiheit, all dem - der Arbeit, dem Stress, der Stadt - zu entkommen, was diesen Kauf überhaupt erst möglich gemacht hat. Hätte man das Bedürfnis, rauszukommen, zu verreisen auch, wenn man nicht so viel und entfremdet arbeiten müsste, um sich dann so einen teuren, rapide an Wert verlierenden Wagen leisten zu können? Und würde man andererseits die Natur immer noch so lieben, wenn man nicht im Regenfall blitzschnell, warm und trocken mit den Spitzenprodukten der deutschen Automobilindustrie ins Café oder nach Hause käme? Beides ist verwoben.

Ewiges Fest im Reich des Autos

Darum ist die aktuelle Debatte über die sozialen und ökologischen Kosten des Automobils gerade in Deutschland so quälend. Es ist, als müssten sich die Leute zwischen Vater und Mutter, Essen und Trinken entscheiden. Rational geht es in dieser Debatte nicht zu. So wie die IAA und andere Automessen ein Festival des Wahnsinns sind. Frankfurter Taxifahrer schwärmen von den Gästen der großen Autoausstellungen, dagegen seien BuchmessenbesucherInnen ganz arme Wichte - wie weit sich die Automänner kutschieren lassen, welche Spesen gemacht werden, der Glamour, die Exzesse - das Leben im Reich des Autos ist, jedenfalls in diesen Schilderungen, ein ewiges Fest.

Autogegner gelten als Spaßbremsen, obwohl sich die vielen Autos doch längst selbst blockieren. Die freie Fahrt ist nur noch eine Projektion. Im alltäglichen Verkehr geht es mühsam und gefährlich zu. Der Pkw, Symbol des Wohlstands, ist mit Wertverlust, Reparaturen, Bußgeldern und Versicherungen ein unkalkulierbares Risiko für jedes private Budget.

Nun pfeift die Umwelt aus dem letzten Loch und Deutschland ist immer noch so autobegeistert, hat verliebt und verbohrt auch wirtschaftlich auf diese Branche gesetzt, als die Krise längst angekündigt war. Jetzt befinden wir uns in einer peinlichen Situation - die Liebe zum Auto ging viel zu weit, das dort verdiente Geld hat blind gemacht, die Kosten wurden einfach ignoriert. Rechnungen hinters Regal geschoben, weiter groß eingekauft und so getan, als wäre nichts - die größte Volkswirtschaft Europas verhält sich teilweise wie die ärgsten Fälle des Fernsehschuldenberaters Peter Zwegat.

Video: Klima-Proteste auf der Automesse IAA

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Wir stecken auch praktisch in der Klemme: Enorme Staus machen das Autofahren unmöglich, die Wege sind zu eng, die Brücken sollten saniert werden. Aber auch mit der Bahn oder gar mit dem Flugzeug ist jede Reise eine Studie in Improvisationskunst. Warum kann man durch China, durch Japan in schnellen, leisen Zügen sausen, während hier solche Anlagen Zeugnisse verkehrspolitischer Leistungsverweigerung sind?

Das Automobil ist deutsche Identität

Heute würde kaum jemand durch Deutschland reisen und befinden, dass das Primat der mit fossilen Brennstoffen betriebenen, teuren Privatfahrzeugen der schlaueste Weg ist, Leute zu bewegen und für ein gutes Zusammenleben zu sorgen. Innenstädte sind ohne Autos schöner. Aber fällt uns noch etwas Neues ein? Wie entsteht die Zuversicht, die Begeisterung, ein Land zu denken, in dem Autos ein Hobby sind, aber nicht die zentrale Stütze der Wirtschaft und sicher nicht die normale Art, Menschen zu bewegen.

Es wäre nichts weniger als eine Neugründung des Landes, denn diese Themen reichen in die Tiefe deutscher Geschichte und Kultur. Die Bundesrepublik erfand sich als Autoland, damit verbinden sich wesentliche Elemente unserer Identität.

Kindheitserinnerungen der heutigen Erwachsenen sind immer auch Erinnerungen an das Auto. An das samstägliche Reinigungsritual, an ewig lange Urlaubsfahrten, leider auch Pannen, Unfälle, Katastrophen. Gestandene Männer sah man früher selten in Bus und Bahn oder wenn, dann mit Nummernschildern in der Hand, zwischen zwei Autos sozusagen. Wer etwas war, wer Chef war, der hatte einen Fahrer oder wenigstens einen Parkplatz. Soziale Mobilität wurde an diesen Zeichen gemessen.

Das Auto war das Symbol der Wachstumsideologie und ist es immer noch. Es verbraucht unwiederbringliche Ressourcen, ist anfällig, einer dynamischen Mode und Technik unterworfen, bald schon möchte man ein neues Modell und das alte wird fast wertlos. Diese Industrie setzt ganz auf Verbrauch und Vergänglichkeit, also geht immer mehr, der ganze glorreiche Wahnsinn des Wachstums ist hier zu Hause. Ist es möglich, diese Begeisterung, diese Lebenseinstellung und Weltanschauung umzulenken auf andere Muster? In der hessischen Provinz hat sich ein Betrieb darauf spezialisiert, geliebte Automodelle und Sammlerstücke umzurüsten, dann sind sie elektrisch unterwegs. Lautlos beschleunigt dann ein altes Saab-Coupé. Im Einzelfall wird das gehen, obwohl die Sache nicht billig ist. Aber womit verdient Deutschland sein Geld, wenn es keine Autos mehr verkauft?

In der engen Straße hinter unserem Wohnhaus wurden die absurd knappen Parkplätze noch weniger, Markierungen in pinker Farbe trennten einen Streifen neben dem Bordstein ab. Ich vermutete einen Radweg, erwartete ein weiteres Kapitel in der langen, tödlichen Schlacht zwischen Fahrrad und Pkw. Nichts dergleichen: Die Straße wird aufgerissen, weil der Boden nach Weltkriegsmunition durchsucht werden muss. Die ganzen Autos parkten auf alten Bomben.

Die Autodebatte ist nationale Therapie. Zwei totalitäre Systeme gab es im vorigen Jahrhundert hierzulande, die Familien laborieren heute noch an den Folgen. Ist der tröstende Gedanke an den vollgetankten Wagen vor der Tür ein Echo solcher Ängste? Irgendwas in der Art muss es sein. Das rührend lange Festhalten am Auto war Zeichen der Sehnsucht nach der permanenten Gegenwart, sie ist das wesentliche Merkmal des gegenwärtigen Deutschlands, gleichermaßen eine Furcht vor der Zukunft wie eine Angst aus der Vergangenheit.

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