Sibylle Berg

Automatisierung der Arbeit Wie sollen wir das nur überleben?

Die Menschheit spürt, dass eine große Veränderung ansteht. Aber worum es wirklich geht, merkt keiner. Die Wahrheit ist: Menschliches Leben ist unwichtig für den Kapitalismus geworden.
Schlecht besuchtes Einkaufszentrum

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Foto: Jens Kalaene/ picture-alliance/ ZB

Die Leitkulturdebatte ist schon wieder so out, dass sie eine Retrobetrachtung verdient. Was war das für ein Abend! Minister Thomas de Maizière sprang jubelnd vom Rindergulascheintopf auf, die Serviette fiel zu Boden, die Platte mit den Schubert-Liedern eierte. "Alter," schrie der Minister, "morgen geht die Bombe hoch." Er verschwand ins Badezimmer, um schnell ein paar Thesen in seinen Rechner zu hauen - und wusch, ab damit zur "Bild"-Zeitung.

Es ging irgendwie um die Frage, ob es zumutbar sei, Leute, die über das Meer gepaddelt waren, zum Abhören von Wagner zu verpflichten. Ein paar gute Gedanken waren sicher in Thomas' Thesenpapier versteckt, aber man muss ja nicht alles ausformulieren. Ist auch zu kompliziert. Hat keinen Wumms, niederzuschreiben, wie Staaten funktionieren, Sozialsysteme, Steuern, Gesetze, und wie man Menschen, die in anderen Staaten aufgewachsen sind, die Regeln erklärt, ob man das muss, und wie sich Staaten heute überhaupt noch definieren lassen.

Und verdammt noch mal, wie man sie in die Zukunft führt, die Staaten, die alle auf einer Erde befindlich sind, in der die Menschen die gleiche Luft atmen, die gleichen Rohstoffe benötigen, die gleichen Probleme haben: Wie überleben wir. Ähm ja, keine Ahnung, scheint im Moment die einzig klare Antwort zu sein. Das größenwahnsinnig eingebildete Verständnis von dem, was die Welt im Innersten zusammenhält, scheint uns gerade zu entgleiten.

Und nun? Die Künstliche Intelligenz ist noch nicht so weit, das für uns zu lösen. Was machen wir jetzt? Wir reden über Burka und Wagner und starren dabei gelähmt auf einen Haufen Männer, die von einer Umstrukturierung aller Bereiche des gesellschaftlichen Lebens reden und das auch machen. Industrie 4.0. Hurra, wir ersetzen fürs Erste die Hälfte aller arbeitenden Menschen auf der Welt durch Roboter. Maschinen, Algorithmen, Sie wissen schon. Das ist toll, das spart irrsinnig Lohnkosten. Das ist die Zukunft.

Menschliches Leben ist unwichtig für den Kapitalismus

Mehr Menschen auf der Welt, weniger Arbeitsplätze, klingt clever. Ist es auch. Es sind kluge Menschen, die gerade den Neustart der Welt vorantreiben. Sie sind begeistert von der Technik und ihren Möglichkeiten. Aber - es sind eben auch Menschen, die Geld verdienen wollen. Was erwarten wir von denen? Dass sie ein ausgeklügeltes Programm für unser aller Überleben in Ruhe und Behaglichkeit mitliefern? Peter Thiel for World Präsi? Mercer for Chief of all other stuff ?

Laut Caspar Dohmen  (Profitgier ohne Grenzen) kommen jedes Jahr 40 Millionen Menschen auf den Arbeitsmarkt. Kleine Pause, um die Zahl wirken zu lassen. Thomas, was machen wir mit denen? Selbst wenn wir zehn Kilometer hohe Grenzen bauen, was machen wir mit den eignen Leuten, sollen die alle YouTuber und Influencer werden? Wovon leben die Leute, wie erhält man ihre Kaufkraft, wie hält man sie vom Durchdrehen ab?

Die Menschen spüren weltweit, dass eine gigantische Veränderung ansteht. Die wenigsten haben eine Ahnung davon, was da auf sie zukommt. Die meisten ahnen Verluste, die Angst vor der Wahrheit: Dass menschliches Leben unwichtig für die Endlösung des Kapitalismus ist, macht sie alle ein klein wenig nervös. Also, was ist der Plan, außer sich auf die Seite der Maschinenstürmer zu schlagen, die mit einfachen Parolen ein globales, unlösbares Problem angehen: Grenzen zu, zurück in die Vergangenheit? Klingt schön einfach. Wird nicht helfen. Aber vermutlich ist die Benennung wirklicher Probleme unmöglich, wenn man keine Lösungen dafür hat. Oder die Lösungen so unendlich kompliziert sind, dass man die Menschen mit Details verschonen will. Dafür meinen Dank.

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, dass 40 Millionen Menschen pro Tag auf den Arbeitsmarkt drängten. Es handelt sich allerdings um 40 Millionen pro Jahr. Wir haben dies korrigiert und bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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