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"Axolotl Roadkill" im Theater: Die vierfache Mifti

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"Axolotl Roadkill" auf der Bühne Die Schweinegrippe des Literaturbetriebs

"Das ist von so 'nem Blogger": Einen Witz mit Hinweis auf den jüngsten Literaturskandal erlaubt sich die Bühnenfassung von Helene Hegemanns Roman "Axolotl Roadkill". Doch leider behinderten sich Text und Regie am Hamburger Thalia Theater gegenseitig - die Premiere verkam zur Nummernrevue.

Wenn zwei sich über Werktreue, über Regietheater streiten, dann deshalb, weil der eine der Ansicht ist, dass das, was der Autor - sagen wir mal im Jahr 1602 - geschrieben hat, in aller klassischen Schönheit auf die Bühne gebracht werden sollte; der andere aber glaubt, dass der ganze Stoff erst mal ordentlich durch die Interpretations- und Verfremdungsmaschinerie gekurbelt gehört: Es muss doch, verdammt noch mal, erlaubt sein, dass Autor und Regisseur unterschiedlicher Meinung sind.

Was aber, wenn Autor und Regisseur dieselbe Person sind - und doch nicht derselben Meinung? Dann hat man es wohl mit einem Fall fortgeschrittenen theatralischen Jekyll-und-Hyde-Syndroms zu tun. Alle Freunde der Persönlichkeitsspaltung, hier entlang! Bitte begeben Sie sich in Richtung Thalia Gaußstraße.

Griechenland-Krise des Junge-Leute-Romans

An dieser Nebenspielstätte des Hamburger Thalia Theaters wurde am Sonntag die Bühnenfassung von Helene Hegemanns Buch "Axolotl Roadkill" uraufgeführt. Wer an das ganze Skandal-Brimborium denkt, das sich im Februar 2010 um den Roman entfaltet hatte, mag sich wundern, wie schnell die Geschichte wieder in der Versenkung verschwunden ist. Was Gesundheitsparanoiker, was Euro-Skeptiker können, kann der Literaturbetrieb mittlerweile auch: Ein Thema bis zur Hysterie aufpumpen und dann wie einen Luftballon ohne Knoten unter Geknatter losschwirren lassen, bis nur eine leere Hülle bleibt. "Axolotl Roadkill" war die Schweinegrippe, die Griechenland-Krise des Junge-Leute-Romans.

Nicht Helene Hegemann selbst hat daraus eine Bühnenfassung erstellt, sondern Bastian Kraft, Jahrgang 1980, und Tarun Kade, Jahrgang 1984, beide Nachwuchskräfte am Thalia Theater. Kraft hatte in der vergangenen Spielzeit an der Gaußstraße bereits Kafkas "Amerika"-Roman inszeniert.

Und sie sind es auch, die "Axolotl Roadkill" auf die Bühne bringen. Kraft als Regisseur, Kade als Dramaturg. Man hätte davon ausgehen können, dass der Text und die Inszenierung der gleichen Idee folgen. Zumal die Bühnenfassung recht stringent geraten ist. Das Stück gleicht dem Aufbau des Romans, beginnt mit dem Monolog der ersten Seite und endet wie das Buch. Werktreue galore. Doch das Buch ist entschlackt und dabei genau an seiner Schwachstelle gepackt worden: Die Drogen- und Nightlife-Geschichten, die einen Gutteil der Aufregung um "Axolotl Roadkill" und seine bei Erscheinen des Buchs erst 17-jährige Autorin ausgemacht hatten, kommen in dem Theaterstück eher am Rande vor.

"Nein, das ist von so 'nem Blogger!"

Es waren vor allem die auf der Bühne fehlenden Passagen, die zu dem Plagiatswirbel geführt hatten. In dessen Verlauf räumte Helene Hegemann ein, sich in einigen Szenen ihres Buchs aus "Strobo", einem autobiografischen Exzessprotokoll des Berliner Bloggers Airen, bedient zu haben. Die Inszenierung spielt darauf ironisch an: "Das ist also nicht von dir?" - "Nein, das ist von so 'nem Blogger!" lautet der entsprechende Running Gag, der sich durch das Stück zieht.

Kade und Kraft haben sich auf die Hauptfigur Mifti konzentriert: Selbsthass, Selbstzweifel. Mifti weigert sich, zur Schule zu gehen. Ihre Mutter: "schon lange tot". Ihr Vater: "eines von diesen linken, durchsetzungsfähigen Arschlöchern überdurchschnittlichen Einkommens".

Auf der Bühne spielen gleich vier Schauspielerinnen und ein Schauspieler die Mifti. Manche, wie Victoria Trauttmansdorff, mit 50 Jahren die Älteste auf der Bühne, haben Doppelrollen. Trauttmansdorff ist Mutter und Mifti, der Zuschauer denkt an Freud: Zu einem Ich gehört ein Über-Ich.

Aus dieser Konstellation hätte sich eine schlüssige Inszenierung entwickeln lassen, doch offenbar haben Kade und Kraft ihrem eigenen Text nicht getraut. Statt ihr Kondensat des Romans auf der Bühne umzusetzen, bringen sie - und das auch noch mit Hilfe eines Fließbands - eine Revuemaschinerie in Gang. Als würde man einen Brühwürfel in einen Becher Himbeerbrause werfen, hindern sich Text und Inszenierung fortlaufend gegenseitig an der Entfaltung. Die Schauspielerinnen tragen Revuekleidung, glitzernde Tops und Strumpfhosen. Birte Schnöink, die zentralste der fünf Mifti-Figuren, sieht gar aus, als klebten ihr mit Buttons beheftete VW-Käfer-Kotflügel an den Hüften. Deklamierend rollen alle fünf, mal neben, mal nacheinander auf dem Band über die Bühne. Dazu läuft Showmusik aus den sechziger und siebziger Jahren - als ob gleich Rudi Carrell hereinkäme, um das Publikum zu einer neuen Folge von "Am laufenden Band" zu begrüßen. Doch Carrell ist tot und die Generation von Helene Hegemann, Jahrgang 1992, mit einem anderen Programm aufgewachsen als mit diesem Fossil aus dem Präkambrium der Fernsehunterhaltung.

Man hätte sich eine Inszenierung gewünscht, die den eigenen Text ernst nimmt, nach dieser Uraufführung aber bleibt nicht viel mehr als die Erkenntnis: Ja, das Leben junger Großstädter gleicht einer langen Fließbandfahrt - eine Berg- und Talbahn ist gar nichts dagegen. "Es war schrecklich, aber ich bedaure es nicht!", ruft Mifti einmal aus. Nicht einmal das kann man über die Inszenierung sagen.

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