Babyalarm bei Harald Schmidt Schwanger fürs WM-Finale

Im Gleichschritt ins Kinderparadies: Harald Schmidt bestritt den gestrigen Fernsehabend im wahrsten Sinne des Wortes mit Mutterwitz. Nun wird wirklich alles gut.

Von Reinhard Mohr


Na also, es geht doch. Die Frauen werden wieder normal. "Schöpfungsauftrag ausgeführt!" konnten gestern Abend an die achtzig deutsche Mütter melden, als sie nacheinander zu Harald Schmidt auf die Studiobühne in Köln-Mülheim gerufen wurden.

Entertainer Schmidt: Nebenbei Weltmeister
ARD/Klaus Görgen

Entertainer Schmidt: Nebenbei Weltmeister

Die meisten brachten Fotos ihrer Neugeborenen mit oder dokumentierten ihren erfreulichen Zustand durch einen deutlich sichtbaren Babybauch. Zwischen Wiege, Wickeltisch und Windeleimer nahmen sie dann, nach allen notariellen Regeln der Kunst ausgelost, je einen Gutschein für zwei WM-Eintrittskarten entgegen, darunter auch fürs Finale - ein Harald Schmidt Spezial (ARD), das die "Euphorie in Deutschland" (Olli Kahn) mächtig anheizen wird.

So werden wir nebenbei noch Geburtenweltmeister.

Wieder einmal zeigte sich, wie wichtig die private Initiative ist. Aber es gilt auch die alte Weisheit der Fußballgötter: "Entscheidend is' auf'm Platz." Oder im Bett. Egal. Auf den Willen kommt es an. Auf die letzte Entschlossenheit. Kämpfen, kämpfen, kämpfen. Das Runde muss ins Eckige. Oder andersherum. Hauptsache rein.

Vor gut einem Jahr hatte Harald Schmidt, selbst Vater von vier Kindern, einen ebenso patriotischen wie fußballbegeisterten und soziologisch präzisen Aufruf zu einem nationalen "Zeugungsförderungswettbewerb" formuliert: Alle Akademikerinnen - notorische Problemgruppe beim galoppierenden Geburtenschwund - die bis Ende 2005 schwanger werden würden, sollten ein Ticket für die Fußballweltmeisterschaft erhalten. Arbeitstitel: "Wir schenken dem Kaiser ein Kind!" Nur ganz Alte und ganz Böse erinnern sich da an einen Appell aus dunkler Zeit: "Wir schenken dem Führer ein Kind". Geschenkt.

Im gnadenreichen Überschwang der "schöpfungsgewollten Aufteilung" (Eva Herman) - Frauen kriegen Kinder, Männer haben WM-Tickets hatte der einst als Oberzyniker der Nation missverstandene Harald Schmidt allerdings vergessen, dass er gar keine Karten zu verschenken hat, weil er keine Karten besitzt, die er verschenken könnte.

Aber so ist das in Deutschland gute Tradition: Die Idee stürmt der Wirklichkeit voran: Erst einmal das Terrain erobern und dann fragen, wo der Nachschub bleibt.

Doch Gott sei Dank: Die "anständige" deutsche Telekom, "T-Com" gerufen, ließ sich nicht lumpen, reihte sich ein in die Zeugungseinheitsfront und stellte genau 216 WM-Tickets für die 108 Elternpaare zur Verfügung, die nun mit Hilfe von drei TV-Assistentinnen - ihrerseits durch den ultraharten Wettbewerb "Germany's next Spielerfrau" herausgefiltert - an die Frau, pardon: Akademikerin gebracht wurden.

So verknüpfte man zwanglos zwei Megathemen: Die nahende Fußballweltmeisterschaft in Deutschland und die heiß laufende Debatte übers Kinderkriegen, die Familie und die Rolle der Frau.

Dabei wurde eines klar: Es geht nicht vorrangig um Kinderkrippen, Teilzeitarbeit, die Verlängerung der so genannten weiblichen "Rush-hour", Elterngeld, "Männermonate" und ähnliches "Gedöns" (Altkanzler Gerhard Schröder) - es geht vor allem um das richtige "Incentive". Lohn und Anreiz fürs Kinderkriegen müssen heutzutage maßgeschneidert und passgenau sein. Es reicht nicht mehr, sich auf biologische Ur-Reflexe zu verlassen oder auf jahrtausendealte kulturelle Traditionen von Riesterrente, Erbfolge und Stammhalterschaft.

Die hübsche und sympathisch wirkende Frau Lehmann-Stein sprach es aus: "Ich habe meinen Mann nur mit den WM-Tickets rumgekriegt!" So ernüchternd und profan das im ersten Augenblick klingt, so konsequent sollte man danach handeln. Schon lange gilt in der modernen Konsumwerbung: "Nimm 2 für 1". Es müssen ja nicht immer zwei WM-Karten sein oder drei Jeans für zwei.

Es können auch zwei Wochen Survival-Training in Australien sein, eine Nacht mit Olli Kahn im "P 1", dreimal Backstage mit Yvonne Catterfeld oder so viele Kästen "Krombacher", dass man damit ein fußballfeldgroßes Stück tropischen Urwalds retten kann.

Hauptsache, es regt den Nachwuchs an und jene in den Hintergrund gedrängte "starke Männlichkeit" (noch mal Eva Herman), ohne die es letztlich weder Schwangerschaftsgymnastik noch Geburtsvorbereitungskurse geben kann.

Womöglich regt dieses Harald Schmidt Spezial auch jene abgründige Gattung von Fernsehsendungen an, in denen junge blonde Frauen pausenlos auf die Zuschauer einreden und ständig irgendetwas zu gewinnen ist - vorrangig Geld. Warum nicht "Geld für neues Leben" auf "Neun Live"? Vorlage eines positiven Schwangerschaftstests genügt.

Oder "Wetten, dass...?" im ZDF. Auch hier bieten sich mannigfaltige Möglichkeiten, mit denen die Lust auf Kinder im sportiven Wettbewerb unmittelbar angeregt werden könnte. Es muss ja nicht gleich die Stadtwette sein.

Wie sehr sich die Stimmung im Lande schon verändert hat, bewies Harald Schmidt selbst. Von einem kurzen, hypochondrischen Dialog mit einer HNO-Ärztin über "Ohrenspülungen" und den "Nervus vagus" abgesehen beriet er die jungen Mütter knapp und kenntnisreich in Sachen Babypflege: "Nicht pudern, das scheuert nur!", gab er zu Protokoll und demonstrierte an Hand einer Puppe, wie man die Würmchen schon vom ersten Tage an zum regelmäßigen Schlaf erzieht: "Hinlegen, Licht aus und einmal um den Block fahren. Bloß nicht wieder reingehen!"

Einen wertvollen Tipp hatte er auch in Sachen Windeleimer parat. Weil das "Scheißding" beim Öffnen sowieso immer umfällt, solle man lieber eine große Aldi-Tüte an den Fenstergriff von Küche oder Bad hängen: Praktisch, billig, sparsam.

Es scheint, dass die Große Koalition unter Kanzlerin Merkel allmählich überall abfärbt: Praktisch, billig und sparsam. Schritt für Schritt ins Kinderparadies.

Oder könnte man sich das ganze Gedöns mit Gerhard Schröder und Joschka Fischer vorstellen?

Eben.



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