Baden-Baden Als Neptun ins Wasser fiel

Eine außergewöhnliche Premiere der Mozartoper "Idomeneo" sollte es werden: Erstmals wollten sich Salzburg und Baden-Baden am Pfingstsamstag Hand in Hand präsentieren. Doch dann machten die Fluten nicht nur den Kretern, sondern auch den Baden-Badenern zu schaffen.

Von Marion Ammicht


Baden-Baden - Die Geschichte des Kreterfürsten Idomeneo ist verzwickt. Schuld ist ein Schwur, den ihm der Meeresgott Neptun mitten im Sturm abringt. Den Nächstbesten, der ihm an Land begegnet, soll Idomeneo dem Gott zum Opfer bringen. Dafür wolle er ihm das Leben schenken. Den stürmischen Fluten um Haaresbreite entronnen, will Idomeneo jedoch von der verhängnisvollen Verabredung nichts mehr wissen. Zumal es der Sohn ist, der ihm tragischerweise als erster in die Arme läuft. Neptun, um das Opfer betrogen, tobt. Und schickt den Kretern zur Strafe ein Seeungeheuer und die Pest an Land.

"Idomeneo": die erste Koproduktion zwischen den Salzburger und den Baden-Badener Festspielen
DPA

"Idomeneo": die erste Koproduktion zwischen den Salzburger und den Baden-Badener Festspielen

Mozart hat aus dem Stoff eine ganze Oper gemacht. Seine letzte im alten, barocken Opera-Seria-Stil. Und diese Oper wollten sie jüngst in Baden-Baden im Rahmen der Herbert-von-Karajan-Pfingstfestspiele schon einmal vorab als Koproduktion der Salzburger Festspiele präsentieren. Doch ganz offensichtlich hat man auch dort mit den Göttern schlecht gedealt. Kurz vor der Premiere nämlich setzte sich in "Deutschlands größtem Opernhaus" wie von Geisterhand die Sprinkleranlage in Gang. 40.000 Liter Wasser stürzten da innerhalb von drei Minuten auf das Bühnenbild. Womit die Premiere am Samstag denn auch zunächst einmal ins Wasser gefallen war.

Viele waren noch am gleichen Tag erbost und enttäuscht abgereist. Über Nacht haben Baden-Badener und Salzburger das Szenario jedoch wieder trocken gelegt. "Ein Wunder", verkündete Festspielhaus-Intendant Andreas Mölich-Zebhauser anderntags. Und der Salzburger Intendant Gérard Mortier, der dem Vernehmen nach höchstpersönlich zum Fön gegriffen haben soll, zeigte sich solidarisch, plädierte allen Widrigkeiten zum Trotz demonstrativ für eine Fortsetzung der Festspielkooperation.

Und so kam es, dass am darauffolgenden Nachmittag doch noch die Sonne im nunmehr halb besetzten Baden-Badener Festspielhaus aufging. Ein subtiles Licht- und Schattenspiel nämlich hat das Regie- und Bühnenbildnerpaar Karl-Ernst und Ursel Hermann in dem Mozartschen Umbruchswerk entdeckt, das formal noch ganz den Prinzipien konventioneller Seria-Ästehtik folgt, musikalisch aber mit unverhohlenem Sturm- und Drang-Gestus bereits deutliche Spuren des Spätwerks in sich trägt.

Die jungen Musiker der Camerata Academica Salzburg unter der Leitung von Michael Gielen sitzen bei dieser Aufführung nicht im Graben, sondern auf der nach oben offenen Unterbühne mitten im Geschehen. Um das Ensemble herum führt ein gleißend hell angestrahlter Laufsteg, nach oben und an den Seiten von weißen Prospekten zentralperspektivisch begrenzt. Ein gespenstisch hell erleuchteter Innenraum aus Papier in der Form eines Guckkastens, der beim Absingen der zentralen Ensembles und Arien der Innenschau der Figuren dient. Ein geniales Konstrukt, das so bereits bühnenästhetisch barocke Rampentradition mit den Ideen des modernen Musikdramas verknüpft.

Am Ende der Ouvertüre dann öffnete sich die hintere Wand des Innenraums und gab den Blick frei auf eine weitere Dimension: eine stilisierte Landzunge, zunächst noch im strahlend gelben kretischen Sonnenlicht. Die vom Widerstreit der Gefühle gebeutelte Ilia ist es die hier mit ihrer rezitativischen Klage die Vorgeschichte entrollt und das dramatische Geschehen in Gang setzt. Idomeneo hat die trojanische Königstochter, eine Kriegswaise, als Gefangene nach Kreta vorausgeschickt. Prompt hat sie sich dort in den Feind, Idomeneos Sohn Idamante, verliebt.

Die zärtlich eigensinnige Ilia der hochschwangeren Christine Schäfer und der anrührend zappelige, todessüchtige Idamante Hana Minutillos sind die strahlenden Lichtgestalten dieser Aufführung. Sobald sie zusammen singen, ahnt man: Die beiden gehören zusammen, die finden sich.

Und das ist denn auch der Clou der Geschichte. Als der Meeresgott den Kretern immer übler mitspielt, muss Idomeneo Farbe bekennen, trotz allgemeinen Entsetzens Idamante zum Opferblock führen. Ilia ist es, die sich im letzten Moment dazwischen wirft, für den Geliebten sterben will. Da hilft dann in bester alter Seria-Tradition nur noch die göttliche Stimme aus dem Off, die den Sieg der Liebe verkündet und das Paar als neues Herrscherpaar inthronisiert.

Bester Opernstoff. Doch in der Herrmannschen Interpretation, die im August auch bei den Salzburger Festspielen zu sehen sein wird, lässt einen das alles ziemlich kalt. Zu perfekt, zu stilisiert ist die scherenschnittartige Bildersprache dieser Inszenierung. Am Ende steht der abgedankte König dann als Pensionist mit Sonnenhut ganz hinten am äussersten Rand der kretischen Landzunge und blickt versonnen auf den fernen Rundhorizont. Ein schönes Bild. Aber irgendwie hat das auch ein bisschen so ausgesehen, als ob er gerade die Sprinkleranlage des Festspielhauses kontrolliert.



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