Bahndiskussion ohne Gewerkschaftler Schell darf nicht zu Will

Eine ganz normale redaktionelle Entscheidung? Bei der Talkrunde von Anne Will geht es heute um die Bahn. Mit dabei: Bahnchef Mehdorn. Nicht dabei: GDL-Chef Schell. Der Gewerkschaftler sei ausgeladen worden, sagt die GDL.


Frankfurt/Main - Manfred Schell sei zunächst als Gast der ARD-Sendung "Anne Will" zum Thema "Streitfall Bahn" vorgesehen gewesen, sagte GDL-Sprecherin Gerda Seibert der Nachrichtenagentur AP auf Anfrage. Bis Freitag sei man bei der Gewerkschaft noch davon ausgegangen, dass er an der Diskussion teilnehmen werde. Dann sei er aber ausgeladen worden.

Screenshot von der Seite von "Anne Will": Einer fehlt

Screenshot von der Seite von "Anne Will": Einer fehlt

Zur Begründung habe es geheißen, der Themenschwerpunkt der Sendung solle auf die Privatisierung der Bahn verlagert werden. Die Produktionsfirma Will Media war heute für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Als Gäste der Sendung "Chaos auf der Schiene: Streitfall Bahn" hat die Will Media folgende Personen angekündigt: Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee, Bahnchef Hartmut Mehdorn, den Juso-Vorsitzenden Björn Böhning, den Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, Schauspieler Rolf Becker ("In aller Freundschaft").

Was jedoch stutzen lässt: Wieso setzt eine aktuelle Diskussionssendung zwei Tage nach dem ersten dreistündigen Streik der Lokführer und zwei Tage vor seiner möglichen Fortsetzung bei dem Thema "Bahn" den Schwerpunkt Privatisierung? Etwas gedrechselt liest sich denn auch die Themenankündigung auf der Homepage von "Anne Will": Unter der Überschrift "Chaos auf der Schiene: Streitfall Bahn" beginnt die Ankündigung mit dem aktuellen Aufhänger: "Der Streik der Lokführer hat massive Behinderungen im Bahnverkehr verursacht; gleichwohl halten sich bei den Bahn-Kunden Ärger über die Verspätungen und Verständnis für die Forderungen der Gewerkschaft GDL die Waage." Doch dann wird es immer allgemeiner und mündet schließlich in der Frage, ob der Kunde am Ende auf der Strecke bleibt, "weil Rendite mehr zählt als eine funktionierende Infrastruktur".

Moderatorin Will: Sendung ohne Schell
AP

Moderatorin Will: Sendung ohne Schell

Neben den "Gästen im Studio" kündigt die Redaktion zudem "Gäste auf dem Sofa" an: zwei Lokführer. Was sie wohl in der momentanen Situation zum Thema Privatisierung zu sagen haben?

Ende vergangenen Jahres hatte es schon einmal Wirbel gegeben, als der Ex-Schachweltmeister und Kreml-Kritiker Garri Kasparow von Wills Vorgängerin Sabine Christiansen aus einer Sendung wieder ausgeladen worden war. Damals sah sich Christiansen dem Vorwurf ausgesetzt, sie hätte auf Druck Putins gehandelt. Der NDR und die "Sabine Christiansen"-Redaktion bestritten dies und machten technische Gründe für die Entscheidung geltend: Der Politiker hätte von Moskau aus in die Sendung zugeschaltet und übersetzt werden müssen, dies habe neben den technischen und finanziellen Fragen den Ausschlag gegeben.

dab/AP



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