Bauhaus-Architektur in Chile Eine halbe Villa, bitte!

Das Bauhaus hat eine lange Tradition in Chile. Die Diktatur unter Augusto Pinochet verleugnete dann das architektonische Erbe aus Deutschland, und heute bedroht die Immobilienwirtschaft dessen letzte Reste. Doch es gibt Hoffnung.

Tadeuz Jalocha

Von Carolina Machhaus


Noch steht sie, die Markthalle in Concepción, doch das halbrunde Dach ist durchzogen von Brandlöchern. Der Ort, an dem bis zum April vergangenen Jahres von Avocados bis Blumen so ziemlich alles verkauft wurde, erinnert heute eher an ein Skelett.

Das Bauhaus-Gebäude hat jahrzehntelang die chilenische Stadt überragt, im April 2013 hätte die Stadtverwaltung es beinahe unter Denkmalschutz gestellt. Doch ein Feuer kam ihr zuvor. Schnell kursierten Gerüchte um Brandstiftung; manche Investoren und Politiker wollen Platz schaffen. Altes bleibt in Chile nicht unbedingt erhalten, wenn Neues kurzfristig zu mehr Geld verhelfen kann - zum Beispiel eine Mall, ein Einkaufszentrum nach amerikanischem Vorbild.

Verkauft der Bürgermeister von Concepción tatsächlich die Markthalle und den Boden, auf dem sie steht, wird einer der eindrucksvollsten Bauhaus-Bauten Chiles verschwinden, da ist sich der chilenische Bauhaus-Kenner und Künstler David Maulén sicher: "In den letzten 20 Jahren ist so etwas immer wieder passiert."

Kein Bauhaus unter Pinochet

Dabei hat das Bauhaus in Chile eine lange Geschichte. Schon in den zwanziger Jahren erreichten die ersten Bauhaus-Magazine das Land. Zu dieser Zeit dominierte hier die Kolonialarchitektur der Spanier. Die modernen, reduzierten Architekturideen aus Deutschland weckten die Neugier einiger chilenischer Architekten. Sie reisten nach Deutschland, um in Weimar zu lernen, europäische Bauhaus-Missionare kamen im Gegenzug nach Südamerika. Ab 1939 lebte beispielsweise der Ungar Tibor Weiner in Chile, der am Bauhaus in Weimar zum Architekten ausgebildet worden war. Er arbeitete insgesamt neun Jahre als Professor im Land - und erbaute 1940 auch die Markthalle in Concepción.

"Noch heute werden Weiners Lehren an den Universitäten unterrichtet", verweist Maulén auf den bleibenden Einfluss der Weimarer Schule in Chile. Warum die Ideen damals Anklang fanden, ist für ihn klar. "Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg war eine der Veränderungen." Wie in Europa auch schritt in Chile die Industrialisierung voran, Arbeiter zogen in die Städte, Wohnraum wurde knapp. Die Bauhaus-Idee des modularen Bauens bot dafür Lösungen: Teile von Gebäuden werden vorgefertigt und anschließend zusammengesetzt, günstiger und schneller geschaffener, aber qualitativ ansprechender Wohnraum entsteht.

"Doch ab 1973, dem Beginn der Militärdiktatur, passten die Bauhaus-Ideen nicht mehr zu Chiles Politik", sagt Maulén. Das Regime unter Augusto Pinochet will wirtschaftlich nach vorne, und das möglichst schnell. Zügiges Bauen ist noch immer willkommen, ein Mehr an Lebensqualität jedoch nicht vorgesehen. "Ob die Menschen in den Hochhäusern nur nebeneinanderher wohnten oder auch eine Gemeinschaft bildeten, war egal. Gemeinschaftsräume oder Brücken, die die Menschen in den Wohnhäusern verbanden, waren nicht mehr wichtig". Der bisherige Einfluss des Bauhauses in Chile wird verleugnet.

Halbe Häuser

Auch heute sei Chile immer noch ein Land des Hier und Jetzt, mit wenig Sinn für die Vergangenheit, so der Architekturhistoriker Miguel Laborde: "Vor den sechziger Jahren war Chile ein Land nach europäischem Muster, danach wurden die USA zum Vorbild. Kulturell hat das zu einer Desorientierung geführt." Das Wissen um die architektonischen Wurzeln Chiles verlasse bis heute die Universitäten kaum. Entsprechend seien "viele der Bauhaus-Bauten einfach abgerissen worden, um hohen Büro- oder Apartmenthäusern Platz zu machen", sagt Maitén Arns, eine Mitarbeiterin des Goethe-Instituts in Santiago de Chile.

Letztes Jahr hat das Institut daher einen Fotowettbewerb ausgeschrieben, Interessierte sollten Bilder von Bauhaus-Gebäuden in Santiago einschicken. Außerdem läuft noch bis Ende März die Ausstellung "Bauhaus-Film" im Museum der Schönen Künste in Santiago. Und die von beiden Institutionen gemeinsam entwickelte App BauhausStgo lädt zu einem Bauhaus-Spaziergang durch Santiago ein.

In Chile erinnern aber auch moderne Formen ans Bauhaus. Beispielhaft sind die Arbeiten des chilenischen Architekturbüros elemental: halbe Häuser, bei denen Schlafzimmer, Badezimmer, Küche und Wohnzimmer vorhanden sind, die andere Hälfte aber Luft und Raum für Eigenes lässt. Was von den Eigentümern hinzukommt, bleibt ihnen überlassen: modern bis traditionell, eine Garage, ein Swimmingpool.

So ist 2013 zum Beispiel die Siedlung Villa Verde in Constitución entstanden. Die Stadt war 2010 durch ein Erdbeben und den anschließenden Tsunami fast vollständig zerstört worden. Hier, aber auch in anderen Siedlungen Chiles, wo schnell und günstig Wohnraum benötigt wird, bilden die Ideen des Bauhaus oft ein Fundament für Neues.

Selbst wenn das alte Bauhaus langsam aus dem Straßenbild verschwindet.

insgesamt 4 Beiträge
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kuchengespenst 24.03.2014
1. Das sind doch einfach nur ...
... potthässliche Betonklötze, die man sich jetzt, historisch verbrämt, schön zu reden versucht.
jowal 24.03.2014
2. Gut gemeint ist nicht gut gemacht
Bauhaus ist ursprünglich aus ehrenwerten Motiven heraus entstanden. Was daraus leider in vielen Fällen entstand ist oft unästhetisch bis hin zu menschenverachtend (siehe "Gropiusstadt"). In diesem Sinne ein gescheiterter Ansatz, der keine Schönrednerei verdient, sondern ein Überdenken und neue Ansätze zu einer menschenwürdigen Architektur.
raber 24.03.2014
3. Architekturvielfalt mit hässlichem Bauhaus
Schön, angenehm oder harmonisch können diese Bauhaus-Bilder nicht genannt werden. Da kann ich gut verstehen wenn eine andere Architektur sie ersetzt. Allerdings sollten die bestehenden Bauten schon erhalten bleiben und so die Architekturvielfalt und das Strassenbild mitbilden.
W. Robert 24.03.2014
4. Industrie-Architektur
"Bauhaus" ist in erster Linie Industrie-Architektur, und hat mehrere Varianten. Da ist die Bauhaus-Villa im Grünen für die Privilegierten, die Reihenhaussiedlung für die Angestellten, und natürlich die Plattenbauweise für den Pöbel. Die Gemeinsamkeit sind geometrisch-dekorative Elemente, die den reinen "Funktionalismus" kaschieren sollen. Die Art der Architektur prägt jedenfalls die Mentalität der Bewohner. Die großen Glasflächen der Bauhaus-Villen erzeugen zumindest bei mir ein Gefühl der Unsicherheit, man fühlt sich irgendwie beobachtet, und das Gefühl der Geborgenheit will sich einfach nicht einstellen. Picasso wusste schon weshalb er in "klassischen" Villen lebte und nicht in diesen Beton-Schaukästen. Die "Beamten-und Angestellten-Siedlungen" für die untere Mittelschicht sind in der Regel ein reglementierter Albtraum zwecks Gleichschaltung und Bevormundung durch rigorosen"Nachbarschaftsregeln", eine Selbstentfaltung ist da praktisch unmöglich. Am untersten Ende der Skala sind dann die Plattenbauten mit ihren destruktiven sozialen Folgen, und wer immer kann, der vermeidet es, dort zu wohnen und versucht, irgendwo im Altbau unterzukommen. Insgesamt muss dieser "Moderne" ein verheerendes Zeugnis ausgestellt werden, und immer mehr Menschen wissen wieder die Individualität der Bauten aus der Epoche der Handwerker-und Bauerngesellschaft zu schätzen, wie sie sich in den historischen Stadtkernen und auf dem Land erhalten hat. Das Bauhaus war also eine gigantische Attacke auf die Individualität zugunsten der industriellen Normierung, und es wird Zeit, sich von dieser dystopischen Vision einer gleichgeschalteten Gesellschaft zu verabschieden.
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