Bauhaus in Israel Neubeginn in Weiß

Architekten aus Europa brachten den Bauhaus-Stil einst nach Tel Aviv. Das schnörkellose Design sollte den Neubeginn in "Erez Israel" fördern. Barbara Domschky und Hannes Alpen beschreiben in "Zenith", wie das architektonische Erbe der Weimarer Republik in der Stadt fortlebt.


"Das wird hier nichts!", soll Winston Churchill, damals englischer Kolonialminister, im Qualm seiner Zigarre gegrummelt haben, als sich Architekten Mitte der 1920er Jahre im neuen Mandatsgebiet Palästina daran machten, zwischen endlosem Treibsand und dem Meer eine Stadt zu planen – Tel Aviv, "Hügel des Frühlings", benannt nach dem hebräischen Titel von Theodor Herzls utopischem Roman "Alt-Neuland". Churchill sollte sich irren. Vorangetrieben wurde die Entwicklung Tel Avivs, das bereits 1857 mit der Gründung der Siedlung "Neve Zedeck" nördlich von Jaffa seinen Ursprung genommen hatte, durch die städtebaulichen Entwürfe des Schotten Sir Patrick Geddes.

Inspiriert von der englischen Gartenstadt-Bewegung schwebte ihm ein von Grünflächen eingefasstes, funktionales Stadtbild vor, mit freistehenden Villen und eleganten Boulevards in europäischem Stil. Seine Pläne wurden nie ganz in die Tat umgesetzt. Dennoch prägen sie das Stadtbild, wo in den 1930er und bis Ende der 1940er Jahre die "Weiße Stadt" entstand. Etwa 4000 Häuser wurden hier nach den Grundideen des Bauhaus-Stils errichtet, der in den 1920er Jahren in der Kunstgewerbeschule in Dessau entstanden war.

Hinter dem Bauhaus-Design steht der Gedanke der Wiedervereinigung von Kunst und Handwerk, wobei sich die Form der Funktionalität unterzuordnen hat. Durch ein schnörkelloses Design wollte man den Raum für eine neue, bessere Gesellschaft erschaffen, in der der Wohlstand gerechter verteilt wäre, die Wohnhäuser in den neuesten Materialien erbaut würden, viel Licht und Luft hineinließen und ein gesünderes, moderneres Leben ermöglichten.

Stimmung des Neubeginns

Diese Ideen wurden durch zahlreiche, vor dem Nationalsozialismus aus Europa flüchtende Architekten nach Palästina gebracht. Die Lehren der einflussreichen Erneuerer der Architektur des 20. Jahrhunderts wie Walter Gropius, Mies van der Rohe, Le Corbusier und Erich Mendelsohn setzten sich nun durch das Schaffen einiger ihrer Schüler wie Arieh Sharon, Zeev Rechter, Richard Kauffmann, Dov Karmi oder Genia Averbuch in Palästina fort.

Damit traf die Architektur den Nerv der Zeit. Unter der jüdischen Bevölkerung von "Eretz Israel" herrschte eine Stimmung des Neubeginns. Auch hier wollte man eine neue Gesellschaft gründen und Tel Aviv sollte die erste moderne jüdische Stadt werden. Schnell merkte man jedoch, dass die klimatischen und wirtschaftlichen Bedingungen im Nahen Osten ein anderes Bauen als in Mitteldeutschland erforderten. Die vom Bauhaus ins Leben gerufene neue Sachlichkeit mit ihren streng geometrischen Grundformen und den Glas- und Terrassendächern wurde den klimatischen Bedingungen in Palästina angepasst und entwickelte hier eine ganz neue Formsprache.

Man baute die Häuser auf Säulen, so genannten Pilotis, um auf diese Weise für eine regelmäßige Belüftung zu sorgen. Außerdem wurden die sonst üblichen großzügigen Fensterfronten wegen der intensiven Sonneneinstrahlung durch kleinere Fenster oder Bullaugen ersetzt. Zusätzlichen Schutz bot ein ausgefeiltes Schattierungssystem mit vorgesetzten Lamellen an den Balkonen, so genannte Schürzen, und Ventilationsschlitzen in den geschwungenen Balkonbändern und Loggien, welche die Luftzirkulation verbessern sollten. Aus den einstigen Sanddünen wuchsen nun Häuser in schlichtem Weiß mit klaren, runden Formen, geraden Linien und verkanteten Kuben. Keine Dekoration ohne Zweck. Das waren keine traditionellen Häuser mit Spitzdach und Schornstein. Hier sollte die moderne Zeit beginnen, ohne die Verzierungen des Jugendstils und der Schwere des europäischen Historismus.

Die Einwanderungswelle nach Hitlers Machtübernahme verdreifachte die Zahl der Einwohner Tel Avivs in wenigen Jahren auf 150000, für die Platz sparender und vor allem bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden musste. Der auf Funktion ausgerichtete Bauhausstil, der wegen der vielfältigen Herkunft seiner Vertreter auch der "internationale Stil" genannt wurde, trug dieser Entwicklung Rechnung. Beispielhaft war die Arbeitersiedlung "Meonot Ovdim" des politisch und sozial engagierten Bauhausschülers Arieh Sharon in der Frishman-Straße, deren Grundgedanke von der Idee moderner Wohnblockeinheiten des französischen Avantgarde-Architekten Le Corbusier beeinflusst wurde.

Bauen für eine neue Gesellschaft

Die meisten Bauprojekte waren Mehrfamilienhäuser, hinter deren nüchternen Fassaden mit tief heruntergezogenen Balkons, flachen Sonnendächern und abgerundeten Ecken sich meist kleine und einfache Wohnungen verbargen, die selten über mehr als zwei Zimmer verfügten. Aber auch aufsehenerregende Großprojekte, wie die Gestaltung des Dizengoff-Platzes, wurden in Angriff genommen. Die Fassaden der imposanten Gebäude um den runden Platz wurden auf Weisung der Planerin Genia Averbuch einheitlich gestaltet, unter den Gebäuden befand sich auch einer der ersten Kinosäle Tel Avivs – das Esther-Kinocenter.

Heute ist vom einstigen Glanz des internationalen Stils meist nicht mehr viel zu erkennen. Die ehemals weißen Fassaden haben stark unter Hitze und Feuchtigkeit sowie Abgasverschmutzung gelitten. Mit der Proklamation des Staates Israel und einer erneuten Einwanderungswelle in den 1950er Jahren verpasste es die Stadt, den wachsenden sozialen und Wohnraumbedürfnissen nachzukommen. Eigentümer vernachlässigten aus Mangel an Interesse oder Geld die Gebäude. Die typischen Balkone wurden zum Teil für Wohnraumerweiterungen zugebaut, die Häuser aufgestockt, Fassaden mit Antennen verschandelt. Erst in den 1980er Jahren entdeckte man das Bewusstsein für den architektonischen Wert der Gebäude wieder. Die Verantwortlichen der Stadt reagierten jedoch lange nicht auf Warnrufe von Fachleuten vor dem drohenden Verlust des architektonischen Erbes. Anfang der 1990er Jahre wurden dann erstmals Maßnahmen ergriffen und Häuser unter Denkmalschutz gestellt.

Erst als die Unesco 2003 ein Viertel der ursprünglich 4000 Gebäude zum Weltkulturerbe erklärte, setzte sich der bis zu diesem Zeitpunkt nur selten benutzte Begriff "Bauhaus-Architektur" an Stelle der allgemeinen Bezeichnung "internationaler Stil" durch. Damit bekannte sich Israel offiziell zu einer Architekturform, die ihre Wurzeln in Deutschland hatte, und verpflichtete sich mit der Unterzeichnung der Welterbekonvention von 1972 zum Schutz des größten Bauhaus-Freiluftmuseums der Welt.

Mythos "Weiße Stadt"

So positiv sich diese jüngere Entwicklung liest, so negativ wurde sie von ihren Kritikern gesehen. Zum einen fürchteten Investoren und Makler um wertvolles Baugelände im kommerziellen Zentrum der Stadt, das ihnen durch Abriss und Umwandlung in einen Parkplatz den einen oder anderen schnellen Schekel hätte bescheren können. Zum anderen protestieren die Bewohner der betroffenen Häuser, von denen sich wegen der steigenden Mietpreise viele zum Umzug in die Vororte gezwungen sahen. So manch einer spricht heute vom Mythos der "Weißen Stadt", der nur erfunden worden sei, um von der schwarzen Stadt, die sich in den nicht nur architektonischen Armutsvierteln im Süden Tel Avivs oder in Jaffa zeige, abzulenken.

Tatsächlich ist die "Weiße Stadt" eher eine nostalgische, werbewirksame Parole als eine Beschreibung des Ist-Zustandes. Die Mehrheit der von der Unesco ausgewiesenen Gebäude befindet sich in einem desolaten Zustand. Auf der Suche nach der "Weißen Stadt" muss sich der Besucher zum Teil an die Hausnummern halten, um auf gewisse Gebäude aufmerksam zu werden. Die Stadt trägt schwer am Erhalt ihres Erbes. Daran hat auch die Ernennung zum Weltkulturerbe wenig geändert, da dies keine finanzielle Unterstützung beinhaltet. Und trotzdem gibt es sie, jene Gebäude, die durch Renovierungsarbeiten zu ihrem alten Glanz gefunden haben. Hier und da erstreckt sich ein Kubus, eine große, abstrakte Straßenskulptur, deren weiße, makellose Patina sich gegen den tiefblauen Himmel absetzt. Der Geist der Moderne der 1920er Jahre, der durch seine Einfachheit besticht, wurde nirgendwo so konsequent baulich umgesetzt wie in Tel Aviv. Das öffentliche Bewusstsein und Interesse muss jedoch noch stärker wachsen für diesen architektonischen Schatz, den es zu bewahren gilt.



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