Bauhaus-Jubiläum Häutung einer Ikone

Das Bauhaus in Dessau wird achtzig Jahre alt und zeigt sich nach einer zehnjährigen Schönheitskur frisch wie am ersten Tag. Die Sanierung förderte einige Überraschungen zutage: Das Gebäude war deutlich farbenfroher als angenommen.

Von Anne Meyer-Gatermann


Das Dessauer Bauhaus gilt als "Ikone der Moderne" – das Gebäude, das nach Plänen von Walter Gropius realisiert und am 4. Dezember 1926 eingeweiht wurde, ist ein Meilenstein der Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Deshalb wurde er auch 1996 zum Unesco-Weltkulturerbe – und weil Weltkulturerbe und bröckelnder Putz nicht zusammen passen, wurde im selben Jahr die 17 Millionen Euro teure Sanierung des weltberühmten Baus beschlossen.

Dabei gingen die Verantwortlichen sehr behutsam vor: Der ursprüngliche Zustand der Konstruktion aus Glas, Stahl und Beton sollte wiederhergestellt werden. Dabei betrieben sie eine "Archäologie der Moderne" und kamen zu überraschenden Erkenntnissen: Das Gebäude war gar nicht so puristisch gestaltet, wie es die Schwarz-Weiß-Fotografien aus der Zeit vermitteln – es war überraschend farbig.

Schon das vorwiegend in Blautönen gehaltene Gemälde "Bauhaustreppe" des Bauhauslehrers Oskar Schlemmer von 1932 deutet sich an, dass die Architektur des Bauhauses doch nicht so karg war, wie gedacht. Allerdings kann das Kunstwerk nicht als Zeugnis gelten, da es kein Abbild der Realität ist und somit die blaue Farbe allein Ausdrucksmittel des Malers sein könnte.

Immerhin gab es an der Design- und Architekturschule aber eine "Werkstatt für Wandmalerei", die Spuren hinterlassen hat. Die farbenfrohe Gestaltung, die Hinnerk Scheper 1926 als Teil der Gesamtkomposition des Gebäudes entwickelte, kann jetzt wieder bewundert werden. Sie gliedert die Architektur und dient der Orientierung im Haus. Da es allerdings keine Zeugnisse zur Farbgestaltung gab, mussten sie "orakeln", sagte der Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau, Omar Akbar.

Pikante Schlamperei

Zubetonierte Fenster wurden aufgebrochen und die berühmte Glasfassade zeigt sich im neuen, lichten Glanz. Die Materialbeschaffenheiten treten besonders hervor, weil der Architekt Walter Gropius eine reduzierte Formensprache einsetzt: Glatte und raue Oberflächen sowie ein Spiel von Licht und Schatten rhythmisieren die Architektur.

Akbar verriet der ddp außerdem, dass die Bauarbeiter auf eine pikante Schlamperei gestoßen seien: Der Architekt Walter Gropius habe vergessen, Trennfugen zwischen den Kuben einzuplanen - deshalb seien immer wieder Risse im Gebäude entstanden. Der Fehler sei aber so weit korrigiert worden, dass die nächste Reparatur "erst wieder in fünfzig Jahren anstehen" erklärt Akbar.

Die Sanierung der Aula habe eine "absolute Überraschung" zutage gefördert: "Im Gedächtnis aller war die Bühne des Saals immer schwarz" erinnert sich Akbar. Bei den Bauarbeiten habe sich jedoch herausgestellt, dass sie ursprünglich weiß war.

Die Bauhäusler betrieben detektivische Arbeit, um das Gebäude wieder zu rekonstruieren: In einem Dessauer Schrebergarten entdeckten sie eine originale Umrahmung von der Glasfassade, berichtet ddp. Sie hätten mit dem Gärtner "einen Deal" ausgemacht, damit das historische Teil wieder seinen Platz am Bauhausgebäude einnehmen konnte, berichtet Akbar. Er zeigte sich zufrieden mit der Sanierung: "Wir sind ganz nah am Original dran".

Durchgestylt vom Kaffeelöffel bis zum Fensterrahmen

Das Bauhaus feiert das Jubiläum und die abgeschlossenen Sanierung mit einer Ausstellung und einer Konferenz zum Modernen Internationalismus. Die Ausstellungsmacher haben unter dem Motto "Ikone der Moderne" Dokumente zur Geschichte des Hauses zusammengetragen: Fotos, Pläne, Zeichnungen und Archivmaterial zeigen die Besonderheiten der Architektur und machen auf Probleme bei der Sanierung aufmerksam.

Walter Gropius hat das Bauhaus 1919 zunächst in Weimar gegründet – als die nationalkonservative Regierung Thüringens der Designschule die finanzielle Unterstützung verweigerte, eröffnete Gropius seine Lehrstätte im sachsen-anhaltischen Dessau. Hinter dem Lehransatz des Bauhauses steckt die Idee, künstlerische Gestaltung mit der Produktion der Entwürfe zu vereinen. Damit wollten sie wieder zu den Prinzipien des Handwerks zurück finden, die im Zuge der Industrialisierung in den Hintergrund geraten waren. Schwergewichte der Kunst- und Designgeschichte wie Wassily Kandinsky, Laszlo Moholy-Nagy, Lyonel Feininger, Oskar Schlemmer oder Paul Klee lehrten an der renommierten Schule.

Unter dem Leitspruch der Funktionalität verstanden die avantgardistischen Bauhäusler ein Gebäude als Gesamtkunstwerk – von den Fensterrahmen bis zum Kaffeelöffel auf dem Wohnzimmertisch wurde alles durchgestylt.

Das radikale Konzept des Bauhaus und seine moderne Ästhetik stießen aber auch auf Widerstand: 1932 wurde es von den Nationalsozialisten geschlossen – es sei "Ausdruck eines undeutschen Stils". Auch die DDR-Funktionäre hatten Schwierigkeiten, sich mit dem Bauhaus-Programm anzufreunden – als "Affront gegen den internationalen Stil der Architektur" bezeichneten sie es zunächst. 1961 änderten sie ihre Meinung und setzten das Bauhaus auf die Denkmalliste. Allerdings dauerte es fünfzehn weitere Jahre, bis der Bau, der 1945 bei Luftangriffen stark beschädigt wurde, restauriert wurde.



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