Neue Bauhaus-Villen in Dessau Das Meisterhaus als Geisterhaus

Die schönste Künstlerkolonie der Moderne ging im Zweiten Weltkrieg unter. Was tun mit den Ruinen? Als historisches Zeugnis erhalten? Restaurieren? Jetzt stehen die berühmten Bauhaus-Meisterhäuser wieder - und wirken fast ein wenig unheimlich.

Christoph Rokitta, 2014/ Stiftung Bauhaus Dessau

Da stehen sie wieder: die Mauer, die kleine Trinkhalle, das Direktorenhaus, das Haus Moholoy-Nagy. Schnörkellose Bauten mit Flachdach in einem lichten Kieferwald. Da stehen sie wieder: die Musterhäuser der weißen Moderne, in denen einmal die wichtigsten Bauhaus-Vertreter lebten. Nach fast 70 Jahren. 1926 wurde sie von Walter Gropius geschaffen. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie zerstört. Und am Freitag wurden die Neuen Meisterhäuser von Bundespräsident Joachim Gauck eröffnet, der in einer Rede sagte, die Botschaft des Bauhauses habe bis heute nichts von ihrer Relevanz verloren - das Schöne mitten in den Alltag, zu den ganz normalen Menschen bringen.

Seltsames scheint mit den Häusern passiert: Von außen wirken sie versiegelt, ein wenig unheimlich, als seien ihre legendären kubisch-verschachtelten Bauformen mit flüssigem Blei ausgegossen. Das Meisterhaus als Geisterhaus? Eine künstlerische Neuinterpretation im geschützten Reich des Unesco-Weltkulturerbes, zu dem die Bauhaussiedlung heute gehört?

Nazis in weißen Villen

Um das zu verstehen, muss man zurückblicken. Denn der Neueröffnung geht eine lange Debatte und eine noch längere Geschichte voraus, die nur zum kleinsten Teil in der Zeit des Bauhaus spielt. Schon 1932 wurden die Nationalsozialisten bei einer Gemeinderatswahl in Dessau stärkste Partei. Länger schon hatten sie die innovative Kraft des Bauhauses als bolschewistische Provokation verunglimpft.

Nun hatten sie die Macht, die Schule zu schließen. In den weißen Villen unter den Kiefern wohnten bald leitende Angestellte eines der führenden Rüstungsbetriebe Nazi-Deutschlands. Von 1940 an bombardierten die Alliierten Dessau, das Produktionsort des Giftgases Zyklon B und ein Zentrum für Zwangsarbeit war. Bis Kriegsende wurden 80 Prozent Dessaus zerstört, auch das Haus Moholy-Nagy und die Direktorenvilla.

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Die Meisterhäuser, die intakt geblieben waren, wurden in den ersten Jahrzehnten der DDR weiter verbaut. Auf das noch erhaltene Sockelgeschoss der Direktorenvilla wurde ein Einfamilienhaus gebaut, dessen spitzer Giebel wie eine Zipfelmütze auf den Ruinen der kühlen Flachdachikone wirkte. Ab 1993 wurden die anderen Doppelhaushälften denkmalgerecht saniert. Was aber sollte mit der Lücke des ehemaligen Hauses Moholy-Nagy passieren, mit dem biederen DDR-Bau, der absurderweise jetzt die Flotte der weißen Moderne-Ikonen anführte?

Gebaute Unschärfe

Die Frage lautete: Sollte man sie als historisches Zeugnis erhalten? Galt es, den baulichen Originalzustand wieder zu rekonstruieren? Oder war eine architektonische Neu-Interpretation vorstellbar? Lange wurde debattiert, 2010 endlich die Realisierung des Entwurfs der Architekten Bruno Fioretti Marquez beschlossen. Das Berliner Büro entschied sich für die dritte Möglichkeit - in einem Verfahren, das es "gebaute Unschärfe" nennt.

So bestehen die Außenwände der Villen jetzt aus dämmendem Leichtbeton, und an Stelle der Fenster sind beschichtete Glasscheiben in die Fassade eingelassen, die nur gedämpftes Licht herein lassen. Im Inneren ist die einst kleinteilige Raumstruktur aufgebrochen: Teile der ursprünglichen Decken und Wände wurden weggelassen. Entstanden sind große, teilweise über mehrere Geschosse gehende Räume mit Emporen, Galerien und einem balkonartigen Austritt - skulpturale Bauformen, die immer wieder Ausblicke auf sich selbst eröffnen.

Zwar kann man sich in dieser reflexiven Architektur nur schwer vorstellen, wie in den Originalbauten das von der Bauhaus-Bewegung propagierte Neue Wohnen praktiziert wurde. Sie schafft aber ästhetisch interessante Räume, deren Gebrauchswert bald erprobt wird: Das Direktorenhaus soll als Entree zum Areal dienen und der Moholy-Nagy-Bau das Kurt-Weill-Zentrum erweitern, das bereits die angrenzende Haushälfte nutzt.

Konkret an das Schicksal der Häuser zu erinnern, bleibt Dokumentationen überlassen. Hervorragend macht das zur Zeit die Ausstellung "Dessau 1945 - Moderne zerstört" im Bauhaus-Gebäude. Bedenkt man die sechs, sieben Jahre des ästhetischen Aufbruchs in Dessau im Verhältnis zu den langen Jahrzehnten von Totalitarismus, Krieg und Zerstörung, dann kommt einem die auch ein wenig verstörende Neuinterpretation der beiden Meisterhäuser gar nicht mehr so seltsam vor.


Bis zum 18.5. Eröffnungswochenende der Neuen Meisterhäuser mit vielfältigem Programm. Die Ausstellung "Dessau 1945 - Moderne zerstört" ist bis zum 7. September im Bauhausgebäude zu sehen.



insgesamt 28 Beiträge
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reinerotto 16.05.2014
1. Realität gewordene Zukunft - in der Vergangenheit
Heutzutage mmer noch Sci-Fi, aber schon in der 30'er Jahren Realität geworden. Einfach GENIAL.
Zapallar 16.05.2014
2. optional
Den geneigten Lesern sei das Projekt "UmBauhaus – Aktualisierung der Moderne" ans Herz gelegt. Ein Buch und medien-Projekt vor 10 Jahren, in dem es genau um den wiederaufbau eines der Meisterhäuser ging. Der universitäre Prolog zu diesen Neubauten also.
Lankoron 16.05.2014
3. Doch, es ist furchtbar.
Es ist weder eine Restaurierung oder Wiederherstellung des alten noch irgendeine Neuorientierung. Jetzt wirkt es (und sieht auf den Fotos noch schlimmer aus) wie ein verkappter Bunker, wie eine der zahllosen Bauruinen, weil dem Investor das Geld ausging. Heute wirkt es eben nicht mehr schön oder wagemutig, heute wirkt es wie gewollt und nicht gekonnt.
hruprecht 16.05.2014
4. Schande
Die neuen Gebäude sind eine Schande. Entweder man hätte die bestehenden Gebäude stehen lassen oder originalgetreu restauriert. Diese neumodischen häßlichen Klötze sind wahrlich eine Schande. Modern oder bauhausgerecht sind diese kotzhäßlichen Betonklötze jedenfalls nicht. Ich werde es mir wohl nicht ansehen auch wenn ich ursprünglich aus Dessau komme und meine Eltern dort regelmäßig besuche.
ex_Kamikaze 16.05.2014
5. Die Klötzer
hätten niemals wieder aufgebaut werden sollen, in Dessau gibt es viel wichtigere Problerme. Sie stehen weit weg vom Zentrum und waren für echte Dessauer ästhetisch in der Nähe von Mausoleum, Georgium und Sieben Säulen immer Fremdkörper. Eher haben sie die Kulturlandschaft zerschnitten - zwischen Georgium und Park Kühnau. Der Verlust der uralten Innenstadt und unermesslicher Kulturgüter hat das Stadtgefüge und die Stadtfunktion zerstört, nicht der Verlust von ein paar ehemals experimentellen Betonklötzchen. Ach ja, ich habe 40 Jahre in Dessau gelebt...
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