Bayerisches Staatsschauspiel Fremde in der Fremde

Mit einem Doppelschlag eröffnete das Bayerische Staatsschauspiel die neue Theatersaison: Dieter Dorn inszenierte Shakespeares "Der Kaufmann von Venedig", Elmar Goerden setzte Peter Handkes "Das Spiel vom Frage" in Szene.

Von Sven Siedenberg


Alle Abonnenten freuen sich: Dieter Dorn ist wieder da. Ohne mimosenhaftes Grummeln, dafür voller Energie und Selbstbewusstsein. Vergessen all die öffentlichen Beschimpfungen, die in München monatelang für Theater sorgten, weil der damalige Kulturreferent Julian Nida-Rümelin den Vertrag von Kammerspiel-Intendant Dorn nicht verlängerte - nach fast zwanzigjähriger, höchst erfolgreicher Dienstzeit. Woraufhin Dorn dem Werben von Kultusminister Hans Zehetmair nachgab und sich zum Intentanten des Bayerischen Staatsschauspiels ausrufen ließ. Um dort, wie er sagt, sein Lebenswerk zu vollenden.

Und es stimmt: Zum Saisonstart am Residenztheater ist Dorn da angekommen, wo er aufgebrochen ist - bei sich selbst. Was auch daran liegt, das er beim Wechsel von der einen Seite der Maximilianstraße auf die andere Seite seine alte Mannschaft mitgenommen hat: Bühnenbildner Jürgen Rose, Chefdramaturg Hans-Joachim Ruckhäberle und fast zwei Drittel des Ensembles, das viele für das beste in Deutschland halten. Zu den treuesten Weggefährten zählen Rolf Boysen und Thomas Holtzmann, und es ist mehr als eine Geste der Dankbarkeit, dass gerade diese beiden Schauspieler, die den Regisseur Dieter Dorn seit bald vierzig Jahren begleiten, im Zentrum von Shakespeares Drama "Der Kaufmann von Venedig", der Eröffnungspremiere, stehen.

Sirenengesang und andere Frauenkniffe

Mit zischenden Worten und bösen Blicken messen sie sich, der jüdische Geldverleiher Shylock (Boysen) und Antonio (Holtzmann), der Christ. Zwei religiöse Fanatiker und frühe Turbo-Kapitalisten voller Hass und Zorn. Der eskaliert, als der Christ sich beim Juden verschuldet: Shylock, ewig gedemütigt, will nicht das Geld zurück, sondern ein Pfund Fleisch aus Antonios Körper.

Dass es doch anders kommt, liegt an der Glücksbringerin Portia (Sibylle Canonica), die sich mit Sirenengesang und anderen Frauenkniffen den von ihr begehrten Bassanio (Michael von Au) schnappt. Dann gewährt sie Jessica, Shylocks entlaufener Tochter (Tanja Schleiff), ein behagliches Asyl und verkuppelt ihre Zofe (Anna Schudt) mit dem Dampfplauderer Gratiano (Stefan Wilkening). Schließlich rettet sie, als Anwalt verkleidet, Antonio vor dem Tod. Sie tut das pikanterweise, indem sie Shylock per Gesetzeskraft ins Unrecht setzt.

Dorn erzählt also wieder einmal von der Liebe, die erst so richtig erblüht durch Lug und Trug. Und davon, dass Politik und Religion sich nicht vertragen. Souverän demonstriert er das, was er am besten kann: virtuoses Sprechtheater auf einer fast leeren Bühne. Kein anderer Regisseur geht so musikalisch mit Texten um, und keiner verweigert sich derart konsequent der zur Mode verkommenen Dekonstruktion respektive dem lärmenden Event. Und natürlich läuft Dorn als Regisseur vor allem deshalb zur Höchstform auf, weil ihm große Mimen zur Verfügung stehen. Sie wurden am Ende der vierstündigen Aufführung mit Jubel überschüttet.

Tapfer im Absurden verheddert

Einen Tag später inszenierte Elmar Goerden, neuer Hausregisseur und Vertreter der jüngeren Generation, Peter Handkes "Das Spiel vom Fragen". Intendant Dieter Dorn hatte dieses Stück ausgewählt, um zu unterstreichen, dass er an seinem Haus nicht nur Klassiker zu pflegen gedenke, sondern auch die Zeitgenossen. Löblich, keine Frage, aber muss man zum programmatischen Auftakt einen poetisch-vernebelten Text wählen, der ebenso ambitioniert wie engstirnig um Worte und Befindlichkeiten kreist und gar kein Drama sein will? Man muss wohl, wenn man zeigen will, dass man gegen den Strom schwimmt, gerne tief grübelt und der Welt mitteilen will: Wir sind Fremde in der Fremde.

Schon das Personal, von Handke siebenfältig ersonnen, kündet von theatralischer Nabelschau: Ein Mauerschauer (Helmut Stange), ein Spielverderber (Rudolf Wessely), ein junger Schauspieler (Marcus Calvin), eine junge Schauspielerin (Christine Schönfeld), ein altes Paar (Heide von Strombeck, Richard Beek), Parzival (Thomas Loibl) und ein Einheimischer (Gisela Stein) versammeln sich voller Melancholie, um im Dasein das Sosein zu suchen. Oder im Schweigen das Sinnlose?

Elmar Goerden hat jedenfalls seinen Instinkten vertraut und den Text fast um die Hälfte gekürzt. Er verortet die abstrakten Ergüsse in heutige, welthaltige Räume (Bühne: Silvia Merlo und Ulf Stengl). Und so landen die Protagonisten auf ihrer "Reise zum sonoren Land", so der Untertitel des Stückes, mal unter einem blinkenden Fernsehturm, dann wieder unter einer lärmenden Autobahnbrücke oder einem Basketballkorb. Dort streiten sie dann philosophisch korrekt, ob es sich bei einem verrosteten Nagel nicht vielleicht doch um einen vertrockneten Wurm handeln könnte.

Manchmal blitzt auch Poesie auf in dieser Aufführung. Am Ende aber haben sich alle tapfer verheddert im Absurden. Um im Jargon zu bleiben: Total verfragt.



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