Ende des "Bayernkurier" Ein intellektuelles Narkotikum

Zum letzten Mal "Bayernkurier": Das einst kampfeslustige CSU-Zentralorgan ist in der langen Regierungszeit der Partei zum Magazin der guten Nachrichten geworden. Das hatte allenfalls therapeutischen Wert.

Zum Magazin konvertierte Zeitung "Bayernkurier" (Archivbild)
Sven Hoppe/ DPA

Zum Magazin konvertierte Zeitung "Bayernkurier" (Archivbild)

Eine Glosse von


Als der Bayernkurier 1950 erstmalig erschien, war die Welt der CSU noch in Ordnung: Gegner überall. Franz Josef Strauß hatte das Parteiblatt gegründet und profilierte sich in der Abgrenzung, in der Verurteilung und in der Polarisierung. Die Spannung der Kampagnen mobilisierte das eigene Milieu und die Gegner, elektrisierte die Luft und entwickelte jene politische Dialektik, die der frühen Bundesrepublik ihr demokratisches Leben einhauchte.

Die anderen waren überall: Die Bayernpartei, die Sozialisten und Kommunisten und auch die Christdemokraten von Helmut Kohl galt es abzuwehren, die politische Welt war ein Kampf. Strauß und sein publizistischer Wegbegleiter Winfried Scharnagl, der den "Bayernkurier" leitete und prägte, veranstalteten Frontalunterricht für eine, so sahen sie es, von frechen Sozialisten verwirrte Öffentlichkeit. Die bayerische Version eines fortschrittsfreundlichen Konservativismus wurde von Strauß und Scharnagl nicht nur als politisches, sondern immer auch als pädagogisches Projekt betrieben. CSU war nichts für Ewiggestrige, sondern für Einserschüler und solche, die es werden wollten.

Der "Bayernkurier" war dabei ihr zuverlässigstes Lehrmittel. In der Welt der alten Lager wurde das Blatt gleichzeitig zur ewigen, stets erneuerten Ressource des politischen Kabaretts. Wann immer ein Auftritt nahte, bei dem der Saal politisch aufgeladen und komisch eingestimmt werden musste, ging man in Kleinkunstbühnen diesseits der Union nie fehl, wenn man parodistisch aus dem Bayernkurier zitierte. Da fand man immer etwas. Es war eine Quelle ideologischer Publizistik, nicht weniger zuverlässig als der Osservatore Romano und die Prawda.

Die Homepage überwältigt durch gute Nachrichten

Heute erscheint die letzte Ausgabe der zum Magazin konvertierten Zeitung, auf dem Cover liest man leise "Servus". Die Kosten seien zu hoch gewesen, heißt es, und das Internet sei die Zukunft, und überhaupt hätten es Printmedien ja schwer. Auch die linksalternative "tageszeitung" wird in nicht allzu ferner Zukunft nur noch am Wochenende auf Papier erscheinen, wochentags digital only. Die politischen Milieus dieser Blätter sind erwachsen und bilden längst die Mitte der Gesellschaft. Ohne Polarisierung wird es für solche publizistischen Objekte allerdings schwierig. Heute sitzt Dorothee Bär von der CSU in der Talkshow neben Cem Özdemir, sie duzen sich und ihre Gemeinsamkeiten sind größer als ihre Differenzen.

Liest man heute die Homepage des "Bayernkuriers", erkennt man die journalistische Herausforderung, vor der die Redaktion steht: Die Partei regiert in Bayern und im Bund schon so lange mit, dass gar nichts gefunden werden kann oder darf, woran sich der gerechte christsoziale Zorn entladen könnte. Die ganze Seite überwältigt durch gute Nachrichten. Und wo noch nicht alles perfekt ist, arbeiten Söder und Co. an den letzten Details: "Schwarz-Orange: Koalition mit Zukunft" heißt es da optimistisch, außerdem sei der Mautstreit mit Österreich erfreulicherweise fast gelöst - und dank der guten bayerischen Verkehrspolitik reiche München inzwischen "bis in die Berge".

Minimale Kritik wird am Koalitionspartner in Berlin geübt und in der schönen Zeile "Olaf Scholz gegen Männervereine" blitzt ein Abglanz früherer Kampfeslust auf. Die Debatte um die Gemeinnützigkeit von Vereinen, die Frauen ausschließen, wird in dem Artikel dann in bewährter Manier zugespitzt. CSU-Generalsekretär Markus Blume wird mit dem schönen Satz zitiert: "Es ist absurd, unsere Vereine nach Genderaspekten in Gut und Schlecht einzuteilen." Nach solchen Restspuren des einstigen Kulturkampfs muss man aber schon lange suchen. Das Kernargument des Artikels lautet, Frauenselbsthilfegruppen dürften nicht gezwungen werden, sich aus finanziellen Gründen für männliche Mitglieder öffnen zu müssen, wenn sie das nicht wollen.

Publizistisch ein intellektuelles Narkotikum

Was der "Bayernkurier" heute beschreibt, ist eine schöne Welt, in der ein CSU-Landrat Helmut Weiß noch einmal nominiert wird. Das Wahlergebnis im Parteigremium kann sich sehen lassen, denn er holte 100 Prozent. So ist er auch ein Symbol für den Erfolg der CSU in Bayern insgesamt. Sein Motto lautet: "Viel erreicht und noch viel vor", und der Bayernkurier urteilt in seiner heute typischen Tonlage: "Dem Landkreis geht es prächtig." Das ist natürlich eine feine Sache, aber für Lesespannung, politische Orientierung oder Meinungsbildung sorgt das nicht. Ein Magazin, das den Tag lobt, die schöne Welt abbildet und die lieben Leute überall preist, hat vielleicht therapeutischen Wert, publizistisch aber ist es ein intellektuelles Narkotikum.

Leider sind objektiv gute Zustände, sogar das individuelle Glücksgefühl der Leute keine Garanten für eine lebhafte oder gar wehrhafte Demokratie. Die ist nun mal nicht ewig wie die Berge. Der Aufstieg Chinas, die politischen Strategien der extremen Rechten, die Schwäche der USA und die Bedrohung durch islamistische Parteien und Terrorgruppen fordern die Reste dessen heraus, was einmal "der Westen" genannt wurde.

Für den Erfolg einer bürgerlichen Demokratie ist entscheidend, wie stabil und werteorientiert die gemäßigte, rechte Mitte bleibt, und dass sie sich selbstbewusst von der extremen Rechten abgrenzt. Darum ist die CSU so wichtig, ihre innerparteiliche Debatte sollte sich nicht im Nirwana von zig Wahlerfolgen und der völligen Abwesenheit einer bayerischen Opposition auflösen.

Digital zeigt sich der "Bayernkurier" übrigens nicht wesentlich nervöser als im Magazin: Auf Twitter hat er müde 2203 Follower, der aktuellste Tweet lobt die Zusammenarbeit zwischen Sachsen und Bayern bei der Bekämpfung der grenzüberschreitenden Kriminalität. Er wurde am 1. August 2019 veröffentlicht.

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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
Europa! 16.11.2019
1. Ein kluger Kommentar
Der schleichende Niedergang der Meinungsfreiheit ist eine größten Gefahren für die Republik. Daran ist nicht (oder nicht nur) "das Internet" schuld. Ein ganz wesentliches Problem ist das zwangsbezahlte Staatsfernsehen, das die freie Presse erstickt. Aber auch das Fehlen eines überzeugenden ostdeutschen Presseorgans ist ein fatale Lücke. Bei allen Verdiensten des SPIEGEL: Ihr werdet es nicht allein schaffen. Dem BAYERNKURIER einen so klugen Nachruf zu widmen, ist daher nicht nur ein Zeichen von menschlicher Größe, sondern zeigt auch einen sehr guten Durchblick. Muss gleich noch mal nachsehen, wer das geschrieben hat.
max-mustermann 16.11.2019
2.
Zitat von Europa!Der schleichende Niedergang der Meinungsfreiheit ist eine größten Gefahren für die Republik. Daran ist nicht (oder nicht nur) "das Internet" schuld. Ein ganz wesentliches Problem ist das zwangsbezahlte Staatsfernsehen, das die freie Presse erstickt. Aber auch das Fehlen eines überzeugenden ostdeutschen Presseorgans ist ein fatale Lücke. Bei allen Verdiensten des SPIEGEL: Ihr werdet es nicht allein schaffen. Dem BAYERNKURIER einen so klugen Nachruf zu widmen, ist daher nicht nur ein Zeichen von menschlicher Größe, sondern zeigt auch einen sehr guten Durchblick. Muss gleich noch mal nachsehen, wer das geschrieben hat.
Mit Verlaub aber der Bayernkurier, der eine ganz billige Propagandagazette war, mag zwar von der Meinungsfreheit gedeckt gewesen sein aber mit seiner einseitigen Hetze die in seinen "Glanzzeiten" ehr an den Stürmer erinnerte als an eine seriöse Zeitung hat er ganz sicher keinen wertvollen Beitrag zur Meinungsfreiheit geleistet.
kumi-ori 16.11.2019
3. Ist das nicht etwas übertrieben?
Der "Bayernkurier" ist das interne Verlautbarungsorgan der CSU. Selbstverständlich werden darin die Partei-eigenen Botschaften für die Mitglieder wiederholt. Aber niemand (schon gar nicht außerhalb der Partei-Organisation) liest dieses Blatt. Jede Firma und jeder Verein hat so eine Mitgliederzeitschrift. Als Beipiel fällt mir auf Anhieb ein Auto, Motor, Sport oder der Wachturm. Auch meine Firma hat eine Zeitschrift, meine Bausparkasse, meine Krankenkasse, mein Autohersteller (dieser sogar eingeschweißt). Ich halte das für Ressourcenverschwendung und wäre froh, wenn das Unwesen der Mitgliederzeitschriften endlich eingestelllt würde. Deshalb: Danke Bayernkurier, alles richtig gemacht! :)
Europa! 16.11.2019
4. Äh, ja, aber ...
Zitat von max-mustermannMit Verlaub aber der Bayernkurier, der eine ganz billige Propagandagazette war, mag zwar von der Meinungsfreheit gedeckt gewesen sein aber mit seiner einseitigen Hetze die in seinen "Glanzzeiten" ehr an den Stürmer erinnerte als an eine seriöse Zeitung hat er ganz sicher keinen wertvollen Beitrag zur Meinungsfreiheit geleistet.
Der Wunsch, irgendwelche Presseorgane auszurotten, den ich hinter Ihren Zeilen verspüre, ist mit Sicherheit das Gegenteil von Pressefreiheit. Niemand hat Sie ja gezwungen, den Bayernkurier zu lesen (ich hab ihn nie angefasst). Die Klugheit des Kommentars von Herrn Minkmar besteht ja nicht darin, den Bayernkurier zu loben, sondern darin, die absolute NOTWENDIGKEIT unterschiedlicher, nicht gleichgeschalteter (und oder zwangsbezahlter) Meinungen anzuerkennen. Die Unfähigkeit zu dieser Erkenntnis ist das Problem der gegenwärtigen Lage in Deutschland.
herbert 16.11.2019
5. Der Bayernkurier war gut zum Holzfeuer anmachen
kräftiges Papier und er brannte gut. Wer meint die AfD ist eine extrem rechte Partei, der hat nie den CSU Bayernkurier gelesen. Die Verantwortlichen dieses einseitig getriebenen Blattes hatten immer Probleme mit der Auflage, da dieses Käseblatt nur weinige richtig durch gelesen haben. Einseitig, ja fast kirchlich gesteuert und dann noch rechts! Grausam !
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