Bayreuth 2006 Das Kreuz mit dem Ring

Jede Neuinszenierung von Richard Wagners Tetralogie "Der Ring des Nibelungen" wird von Opernfans in aller Welt mit Hochspannung erwartet. Vor der diesjährigen Bayreuth-Premiere des Monsterwerkes geht die Skandaltendenz allerdings gegen Null.


In Bayreuth wird jede neue "Ring"-Produktion automatisch zum historischen Ereignis: Dem Regisseur, der sich hier an Richard Wagners 16-Stunden-Werk "Der Ring des Nibelungen" versucht, ist internationale Höchst-Aufmerksamkeit gewiss, wurde doch das Festspielhaus speziell für die Opern-Tetralogie konstruiert. Nach zwei eher braven und beiläufig aufgenommenen Inszenierungen (Jürgen Flimm, 2000 und zuvor Alfred Kirchner, 1993) wäre bei den 95. Festspielen 2006 eigentlich wieder einmal ein regietechnischer Paukenschlag fällig.

Zuletzt hatte 1988 Harry Kupfer kräftig zugelangt, sein innovativer "Laser-Ring" mit ambitionierter Lichttechnik und verspielten Details überzeugte. Den handfesten Eklat hätte es fraglos in diesem Jahr gegeben, wenn der dänische Filmregisseur Lars von Trier nicht vorzeitig das Handtuch geworden hätte: Zu teuer und zu schwierig zu realisieren, so bezeichnete er seine Ideen und zog sich resigniert, aber doch wohlweislich vom "grünen Hügel" zurück. Teils sicherlich, weil er hier eben keine totale zeitliche und inszenatorische Freiheit hatte - der unerbittliche Chef Wolfgang Wagner mischt nicht nur im Hintergrund mit, auch die minutiösen, zeitlich knapp bemessenen Probenpläne engen manchen kreativen Höhenflug ein. Teils aber auch, weil ihn, der zuvor nie ein Opernhaus von innen gesehen hatte, die einschüchternden "Ring"-Dimensionen dann doch in Selbstzweifel trieben.

Stattdessen stieg Tankred Dorst in den "Ring": Zwar ein gestandener und gefeierter Theatermann, vielfach ausgezeichneter Autor und erfolgreicher Regisseur, aber ebenso ein Opern-Neuling wie von Trier. Der 1925 in Oberlind/Thüringen geborene Dorst entspricht zudem altersmäßig eher der Generation von Wolfgang Wagner, 86 - also wieder keine Verjüngung in Bayreuth. Skandalregisseur Christoph Schlingensief, der 2004 einen ebenso überladenen wie publikumswirksamen "Parsifal" auf die Bühne gebracht hatte, bleibt zunächst ein "Ausrutscher".

Tankred Dorst ging behutsam und unspektakulär zu Werke, wenig gab es im Vorfeld zu hören, weder Jubel noch Querelen. Erst in den letzten Wochen flossen die Interviews und sprossen die Gerüchte seitens der Medien. Fazit: Ein rechtschaffen runder "Ring" wird kommen, aber er wird nicht gesprengt. Viel ehrliche Ehrfurcht seitens Dorsts und solide, termingerechte Arbeit, wie sie der Spielleiter vom Theater her gewohnt ist. Die Krönung des Lebenswerkes als Regisseur: eine Premiere in Bayreuth - und so was setzt man nicht mutwillig in den Sand.

Heimspiel für das Arbeitstier

Wie schön für Pult-Star Christian Thielemann, 47, der den "Ring" 2006 dirigiert und als sichere künstlerische Bank gilt. Er machte außerdem kein Hehl aus seiner Abneigung gegenüber verschwurbeltem, abgedrehtem Regietheater, und Dorsts Arbeit nötigte ihm kein böses Wort ab, immerhin. Entspannte Gefühle also allerorten, und hohe Erwartung an das Orchester und dessen Chef. Thielemann setzt sein Credo - höchste musikalische Qualität - entschieden durch. Bühnenexperimente könnten da eher stören. Nach dem Eklat mit dem in Bayreuth gescheiterten Dirigenten Eiji Oué im letzten Jahr, der nach seinem "Tristan"-Flop flugs wieder ausgewechselt wurde, soll nun wieder totaler Premieren-Jubel ertönen, zumindest was den Sound angeht.

Thielemann selbst schwebt ohnehin im siebten Himmel, denn nach seiner Berufung als Chef der Münchner Philharmoniker 2004 ist jetzt Bayreuth für ihn die zweite künstlerische Zielwelt. Und er kann bestens mit der heiklen Akustik des Festspielhauses umgehen. Seit seinem umjubelten Debüt 2000 mit den "Meistersingern", und dem nicht weniger frenetisch gefeierten "Tannhäuser"-Dirigat dürfte die "Ring"-Premiere für ihn zu einem Heimspiel werden - in gut gelaunt tönenden Interviews entfaltete der Maestro eloquent seine überbordende Begeisterung für Wagner, das mit europäischen Spitzenmusikern besetzte Allstar-Orchester in Bayreuth und die ganze schweißtreibende Schwerarbeit in Vorbereitung der Festspiele.

Vielleicht erweist sich ja das Team Dorst/Thielemann als überraschend stimmig, wenn spektakuläre Action nicht stattfindet, der Skandal ausbleibt und dafür nur Harmonie zwischen Dramaturgie und Musik den übermenschlich großen "Ring"-Zyklus zusammenhält. Der alte, erfahrene Dramatiker Tankred Dorst und der arbeitsbesessene Christian Thielemann: Das könnte gar nicht so übel ausgehen.

Gut ausgehen wird wohl auch die Eröffnung heute Abend: Um 18.00 Uhr hebt sich der Vorhang für den "Fliegenden Holländer", den Claus Guth 2003 in Bayreuth neu inszenierte. Eine saubere, spannende Deutung mit smarten Ideen und gutem Ensemble. So etwas wünscht sich Hügel-Chef Wolfgang Wagner nach zwei Problemjahren auch für 2006.



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