BBC in der Krise "Viele Hundert Jobs sind in Gefahr"

Die BBC, fraglos weltweit einflussreichster öffentlich-rechtlicher Sender, muss sich gesundschrumpfen. Eine Kürzung des Budgets verlangt nach Abstrichen auch beim Personal. Jetzt sehen Verteidiger der "alten Tante" die Qualität der Berichterstattung in Gefahr.


Dass bei der BBC Jobs gestrichen werden, ist nichts Neues, seit dort Mark Thompson im Frühsommer 2004 das Ruder übernahm. Der Chef des wohl einflussreichsten öffentlich-rechtlichen Senders der Welt war angetreten, die beamtisch-verkrusteten Strukturen der Anstalt auf Vordermann zu bringen - und kehrte trotz erheblichen Widerstandes mit eisernem Besen.

BBC-Chef Mark Thompson: Kam, um Aufzuräumen, Umzustrukturieren und zu Sanieren
REUTERS

BBC-Chef Mark Thompson: Kam, um Aufzuräumen, Umzustrukturieren und zu Sanieren

Outsourcing und Strukturveränderungen erschweren die Inventur, doch angeblich schrumpfte der Personalstand in seinen ersten drei Dienstjahren um satte neun Prozent. Zugleich kam es zu einem regelrechten Generationenwechsel: Rund 14.000 alte "Beeper" gingen oder wurden gegangen, rund 12.000 frische Kräfte kamen. Damit sind über 50 Prozent der derzeit noch 21.360 Angestellten weniger als drei Jahre dabei.

Weil es Thompson gelang, die BBC gleichzeitig durch einige ihrer schlimmsten Image- und Finanzkrisen zu lavieren, ist der Mann zwar umstritten, aber nicht geradeheraus verhasst. Die immer stärker ausgeprägte internationale Ausrichtung der BBC, die sich auch in Aktionen wie dem Startschuss für einen BBC-Worldnews-Kanal bei YouTube am heutigen Sonntag äußert, gilt als zukunftsträchtig. Wenn da nicht die Bremser wären, die Thompsons durchaus ambitionierten Plänen gerade die finanzielle Grundlage entzogen.

Denn für den Ausbau braucht er Geld, das er in Form einer satten Erhöhung der britischen Rundfunkgebühren einforderte. Im Januar fiel die Entscheidung darüber, und das Resultat sah anders aus als gewünscht: Statt der Erhöhung um 2,3 Prozent über den Inflationsausgleich hinaus wurde der BBC effektiv eine Schrumpfung verordnet. Die Erhöhung des Budgets blieb unter der Inflationsrate.

Thompson reagierte darauf mit der ihm eigenen Rigorosität.

Rund 4,5 Millionen Pfund will er in diesem Jahr einsparen, doch das ist erst der Anfang. Für fünf Jahre sollen nun jeweils fünf Prozent des Etats gestrichen werden - und das geht nicht ohne Jobverluste auch im redaktionellen Bereich.

Personal- statt Aufwand-Kürzung

Betroffen, berichteten am Wochenende "Observer" und "Guardian", könnten selbst die journalistischen Flaggschiffe sein, die Nachrichtensendungen der BBC, die in Großbritannien noch immer einen Stellenwert haben, wie hierzulande einst Tagesschau" und "Tagesthemen".

Daneben könnte es zur Schließung von Auslandsbüros kommen, in einigen seien außerdem Stellenkürzungen um bis zu 30 Prozent angedacht. Das wäre allerdings kontraproduktiv, denn gerade die Qualität ihrer internationalen Berichterstattung begründet den Ruf der BBC. Thompson hatte hier in der Vergangenheit durchaus geschickt agiert: Statt die Strukturen zur Generierung von Nachrichten zu schwächen, stellte er von aufwendigen und teuren auf preiswertere Vertriebsstrukturen um - beispielsweise vom teuren internationalen Radionetzwerk auf das billigere Internet.

Jetzt aber, so die Drohung, gehe es ans Eingemachte. Der "Observer" zitiert eine anonyme, hochrangige Quelle aus der BBC, die auf halboffizielle Schätzungen, rund 100 Jobs könnten wegfallen, folgendes zu sagen hat: "Das ist eine krasse Fehleinschätzung. Viele Hundert Jobs sind in Gefahr."

Auch die Rundfunk-Gewerkschaft Bectu spricht hier von "Salami-Taktiken", die schon in den letzten Jahren rund 3800 Jobs gekostet hätten. Seit Freitag unterstützt Bectu die Mitarbeiter der Kinderfernseh-Produktionen der BBC, die ob drohender Stellenstreichungen für einen Streik votiert hatten.

Auch altgediente BBC-Schlachtrosse geben dabei freimütig zu, dass es der Personalstreichungen noch nicht einmal bedürfe, um die Sparziele zu erreichen. Der ehemalige Auslandkorrespondent Martin Bell bemängelt etwa die aufwendigen Inszenierungen von Nachrichten in der BBC: Da würden mehrere Reporter in Konkurrenz zueinander gesetzt und auf identische Aufträge gesetzt und Nachrichten-Sprecher "nach Übersee geflogen, um dort auf Hausdächern herumzustehen". Wenn die Anstalt da weniger verschwenderisch mit ihren Ressourcen umginge, würde sie herausfinden, dass "mancher Einschnitt gar nicht nötig wäre".

pat

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