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06. April 2012, 15:40 Uhr

Israel-Gedicht von Grass

Nazijägerin Klarsfeld zieht Vergleich zu Hitler

Es ist die schärfste Waffe im öffentlichen Streit: der Verweis auf Hitler. Nazijägerin Beate Klarsfeld setzt sie jetzt ein und greift Günter Grass an. Mit seinem Israel-Gedicht spiele er die gleiche "antisemitische Musik" wie einst der Diktator.

Berlin - Sie ohrfeigte Kurt Georg Kiesinger, den Bundeskanzler mit NS-Vergangenheit. Sie störte Wahlkampfveranstaltungen von Kurt Waldheim, der es vom Wehrmachtsoldaten zum österreichischen Bundespräsidenten schaffte. Sie wurde mit Auszeichnungen überschüttet für ihr Engagement beim Aufspüren von Altnazis. Sie trat für die Linke gegen Joachim Gauck an, bei der Wahl zum Amt des Bundespräsidenten.

Jetzt hat Beate Klarsfeld verbal gegen Günter Grass ausgeholt - und zwar mit der schärfsten Waffe, die in der öffentlichen Debatte möglich ist: einem Hitler-Verweis. In einer Mitteilung zitierte Klarsfeld aus einer Drohrede, die Hitler 1939 gegen "das internationale Finanzjudentum" gehalten habe. Sie fuhr fort, wenn man den Ausdruck "das internationale Finanzjudentum" durch "Israel" ersetze, "dann werden wir von dem Blechtrommelspieler die gleiche antisemitische Musik hören".

Grass hatte in dem Gedicht "Was gesagt werden muss" Israel vorgeworfen, als Atommacht den Weltfrieden zu gefährden und damit weltweit für Empörung gesorgt. Klarsfeld kritisierte den Literaturnobelpreisträger: "Wenn Grass sich mit seiner magischen Brille im Spiegel anblickt, sieht er heute den Literaturnobelpreisträger oder einen alten Waffen-SSler?", schrieb Klarsfeld. Grass hatte erst 2006 in seinen Memoiren öffentlich gemacht, dass er als Jugendlicher Mitglied der Waffen-SS gewesen war.

Grass verteidigt sich in mehreren Interviews

Klarsfeld betonte, der Iran drohe ständig damit, den Staat Israel auslöschen zu wollen, und arbeite an der Entwicklung einer Atombombe. "Der jüdische Staat ist verpflichtet, diese Drohungen Ernst zu nehmen. Nachdem gleiche Drohungen gegen neun Millionen europäische Juden ausgesprochen wurden, hat Nazi-Deutschland es nicht geschafft, Zweidrittel von ihnen zu vernichten?"

Günter Grass verteidigte unterdessen sein Israel-Gedicht und warf seinen Kritikern Hass und eine Kampagne gegen ihn vor. Er habe dazu aufrufen wollen, dass sowohl Israel als auch Iran ihre Atomanlagen internationaler Kontrolle unterwerfen sollten, sagte der 84-jährige Grass. Sollte Israel Irans Atomanlagen angreifen, könnte das zum Dritten Weltkrieg führen, warnte Grass.

"Der Tenor durchgehend ist, sich bloß nicht auf den Inhalt des Gedichtes einlassen, sondern eine Kampagne gegen mich zu führen und zu behaupten, mein Ruf sei für alle Zeit geschädigt", sagte Grass in einem NDR-Interview. "Widerrufen werde ich auf keinen Fall", ergänzte er im Interview des TV-Magazins "Kulturzeit" auf 3sat. Er fügte hinzu: "Eine derart massive Verurteilung bis hin zum Vorwurf des Antisemitismus ist von einer verletzenden Gehässigkeit ohnegleichen." Es handle sich um eine Fortsetzung jener persönlichen Anfeindungen, die er bereits 2006 nach dem Erscheinen seines autobiografischen Buches "Beim Häuten der Zwiebel" erfahren habe, sagte er der Nachrichtenagentur dpa.

Scharfe Kritik aus Israel

Er verwies auf die explosive Lage im Nahen Osten, die sich bei einem Präventivschlag Israels zu einem Flächenbrand ausweiten könne. Präventivschläge seien nicht vertretbar. Bei Iran sei bisher keine Atombombe oder ein weitreichendes Raketenträgersystem nachgewiesen worden. Als Fehler bezeichnete es der Autor, dass in seinem Gedicht von Israel und nicht konkret von Israels Regierung die Rede sei. Er hege große Sympathien für das Land und wünsche, dass es auch in Zukunft Bestand habe.

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu reagierte mit scharfen Worten. "Die schändliche Gleichstellung Israels mit dem Iran, einem Regime, das den Holocaust leugnet und damit droht, Israel zu vernichten, sagt wenig über Israel, aber viel über Herrn Grass aus", hieß es in einer Mitteilung seines Büros. Im Iran gab es keine offiziellen Äußerungen. Die staatliche Nachrichtenagentur IRNA lobte Grass wegen "eines Tabubruchs in einem Land, wo die Politik und Taten des zionistischen Regimes ohne Wenn und Aber unterstützt werden".

Beistand erhielt Grass vom Präsidenten der Berliner Akademie der Künste, Klaus Staeck. In einem freien Land müsse auch scharfe Kritik "unter Freunden" möglich sein, "ohne reflexhaft jetzt als Antisemit verdächtigt zu werden", sagte Staeck im Deutschlandradio Kultur.

Der israelische Historiker Tom Segev sagte, Grass sei in der Frage, mit der er sich in dem Gedicht beschäftige, ganz offenbar inkompetent. Er wisse absolut nichts über den Konflikt mit dem Iran.

Der Vorstandsvorsitzende des Medienhauses Axel Springer, Mathias Döpfner, schrieb in der "Bild"-Zeitung, Grass verbreite im raunenden Ton des Moralisten politisch korrekten Antisemitismus. Er versuche die Schuld der Deutschen am Holocaust zu relativieren, indem er die Juden zu Tätern mache. Der Mitherausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", Frank Schirrmacher, nannte das Gedicht ein "Machwerk des Ressentiments" und ein "Dokument der Rache". Im Gegenzug warf Grass einem Teil der deutschen Presse, insbesondere dem Springer-Konzern, Hass und ein gleichgeschaltetes Verhalten vor.

otr/dpa

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