Beating about the Bush Millionengewinn für Geografie-Genies!

Die amerikanische Nabelschau ist fürs erste beendet. Das lange ignorierte Ausland rückt wieder näher heran, doch die Geografie-Kenntnisse der US-Bürger lassen zu wünschen übrig. George W.'s Chance, endlich zum "Bildungspräsidenten" zu werden?

Von Martin Kilian


Geografie für alle: Der Präsident büffelt und alle machen mit...?
REUTERS

Geografie für alle: Der Präsident büffelt und alle machen mit...?

Meine Güte! Das Ausland! Unablässig beschäftigt sich Amerika in diesen bewegten Zeiten mit dem Ausland, jenem mysteriösen Teil der Erde, der nicht Amerika heißt. Seltsame Worte kollern von amerikanischen Lippen: Amur Darja, Falafel, Jemen. Meine Bekannte Lorna hielt mich neulich regelrecht am Arm fest. Auf der Stelle wollte sie ein Kurzseminar zur Geschichte Afghanistans (Alexander, Briten, Russen, pausenlos Ka-bumm!) von mir.

Die amerikanische Nabelschau ist zu Ende, die Clinton-Ära abgewickelt. Damals interessierte es keinen Deut, was sich außerhalb des Vierecks Boston-Miami-San Diego-Seattle abspielte - es war zweite Wahl, verglichen mit der rasanten amerikanischen Show. Je mehr sich Amerika als hippes Empire begriff, desto zügiger wurde der Rest der Welt ausgeblendet. Vor allem in den TV-Nachrichten.

Unglaublich, welch ein Schwachsinn ("Fünf Wege zur Stimulierung Ihrer Grosshirnhinde") uns abendlich serviert wurde. Da der Tod in Amerika keine Option ist, wollten alternde Babyboomer keinesfalls mit irgendeinem Gemetzel im Kongo belästigt werden. Gefragt waren Lifestyle-Vignetten. Etwa über geile Greise mit Turbo-Libido. Oder über das neueste Medikament gegen Unvollkommenheit.

Auslandsnachrichten? Ach was! Völlig unverständlicher Quatsch über Leute, die sich mit unpasteurisiertem Käse vollstopfen und obendrein wie die Vandalen miteinander umgehen. Journalismus "light" war angesagt. Die Medienkonzerne schlossen ihre Korrespondentenbüros und hängten ein Schild ins Fenster: "Ausland findet ab morgen nicht mehr statt". Im Präsidentschaftswahlkampf 2000 rangierte die Außenpolitik in der Rangliste der wichtigsten Themen auf Platz 20. Gleich hinter Ufos.

George W. segelte durch den Wahlkampf, ohne einen blassen Dunst von Außenpolitik zu haben. Musharraf? Präsident von Pakistan? Noch nie gehört. Jetzt telefoniert Bush fast täglich mit ihm ("Yo, Parvez, my man"). Nebenbei hat W. mitsamt der Nation einen Crashkurs über Zentralasien absolviert. Wahrscheinlich weiß er inzwischen den Namen des stellvertretenden Bürgermeisters von Almaty (Alma Ata). Ist womöglich mit dem Chef der Wasserversorgung in Duschanbe per du. Und büffelt des Nachts komplizierte balutschische und paschtunische Dialekte.

Er muss sich filigrane Kenntnisse aneignen. Denn "Condi" Rice, seine Sicherheitsberaterin, scheint in der Region nicht sonderlich bewandert zu sein. Neulich meinte sie, der Iran predige den Taliban islamischen Fundamentalismus "und macht allerlei Sachen mit Pakistan". Huch!?

Schnelle Eingreiftruppe rühriger Geografen

Wie beruhigend, dass es politische und geografische Schnellkurse gibt. Verschieben meine amerikanischen Freunde bisweilen doch Paraguay nach Jütland und die Malediven in den weißrussischen Raum. Geografie zählt weiß Gott nicht zu den amerikanischen Stärken. Die Leute verlassen die Schulen und sind total ahnungslos, woran Amerika grenzt ("Pluto? Tibet?"). "Amerika ist immer stärker in die Welt verwickelt und weiß immer weniger über sie", warnt Orville Schell, Dekan des Fachbereichs Journalismus in Berkeley. Kann man wohl sagen.

Karte der Mongolei: Wer die Hauptstadt kennt, wird Millionär...
GMS

Karte der Mongolei: Wer die Hauptstadt kennt, wird Millionär...

Daher sollte im Zuge der nationalen Mobilmachung eine schnelle Eingreiftruppe rühriger Geografen ambulante Seminare in amerikanischen Einkaufszentren, in Parks und Schulen veranstalten. In knallgelben Chevys, auf dem Dach einen Neon-Globus, müsste die "Nationale Kartografische Brigade" ("gegen weiße Flecken hilft kein Waschmittel!") durchs Land düsen und Quizze abhalten. Wer die Hauptstadt der Mongolei (Achtung: zwei Worte!) benennen kann, erhält aus W's. Privatvermögen eine Million Dollar Preisgeld.

Auch erschiene W., umgeben von knallbunten Landkarten, allabendlich auf dem Bildschirm als Gastgeber einer zehnminütigen Sendung. Mit einem Stock deutete er auf irgendein Gebiet, der erste Anrufer mit der richtigen Antwort bekäme ebenfalls eine Million. Und so weiter, bis der letzte Mohikaner weiß, wo sich Livingstone und Stanley trafen. Endlich wäre Bush der "Bildungspräsident", der er immer sein wollte.

Im Übrigen ist W. dieser Tage der reinste Genuss. Er zeigt Geduld. Lässt sich nicht von vollkommen ausgeflippten Scharfmachern und Lehnstuhl-Generälen zu einem Giga-Schlag gegen Irak, Syrien, Iran, Algerien, Sudan, Libyen, das Bekaa-Tal und den Asteroidengürtel verleiten - und hat seine Geografiekenntnisse entschieden verbessert, so dass er Frankfort, Kentucky, von Frankfurt am Main zu unterscheiden weiss.

Deshalb gilt: Bloß nicht in Panik verfallen! Immerhin hat Amerika trotz seiner insgesamt anämischen Geografiekenntnisse noch nie im falschen Land interveniert.



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