"Beckmann" Jubiläums-Chichi für den "Tatort"

Auch wenn Moderator Reinhold Beckmann 16 "Tatort"-Kommissare zum Jubiläums-Talk geladen hatte: Eine dramaturgische Linie im Gespräch ließ sich nicht ermitteln. Zum Glück gab es Ulrike Folkerts: Die Fernsehfanderin brillierte mit kriminell souveräner Schnoddrigkeit.

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Moderator Beckmann mit "Tatort"-Kommissaren: Ruckeln mit dem Ellenbogen
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Moderator Beckmann mit "Tatort"-Kommissaren: Ruckeln mit dem Ellenbogen

Ulrike Folkerts verzog halb angeekelt, halb spöttisch das Gesicht. Am Anfang ihrer "Tatort"-Tätigkeit habe man sie als "französisches Jeans-Mädchen" in Szene setzen wollen. "Französisches Jeans-Mädchen" - aus dem Mund der Kommissarinnendarstellerin klingt das wie "Stützstumpfträgerin". Folkerts spielt seit über 15 Jahren für den "Tatort" aus Ludwigshafen die Lena Odenthal, sie hat der Rolle über die Zeit einen schönen herben Schliff gegeben.

Als sie sich da Montagnacht bei "Beckmann" in ihren gerechten Zorn redete, schienen reale Person und Rolle miteinander zu verschmelzen. Aber genau davor hat Folkerts Angst: "Ich muss schon darauf achten, dass die Kommissarin nicht zu sehr bei mir ist. Zum Beispiel sexuell." Sie habe überhaupt keinen Ehrgeiz, sagte die Schauspielerin, die sich schon vor vielen Jahren als homosexuell geoutet hat, die erste lesbische TV-Ermittlerin Deutschlands zu sein.

Leg den Lover um!

Reinhold Beckmann hatte sich 16 "Tatort"-Kommissare und Kommissarinnen sowie Gunther Witte, den Erfinder des Krimi-Formats, ins Studio eingeladen. Anlass war die 600. Folge, die am Abend zuvor ausgestrahlt worden war. Zu all den unverfänglichen Anekdötchen bildeten die heiter-grimmigen Worte Folkerts eine angenehme Abwechslung. Beckmann musste ihr nicht schmeicheln und auch nicht in gespielter Angriffslust mit den Ellenbogen über den Talktisch ruckeln, Folkerts legte los - eher trotz als wegen des nervös-beflissenen Gastgebers, der dann doch alle Mühe hatte, selbst in der auf 90 Minuten verlängerten Sendezeit Substanzielles aus dem gigantischen Jubiläums-Auflauf zu Tage zu fördern.

"Tatort"-Kommissarin Folkerts (M.): "Mir wird das manchmal zu seicht"
SWR

"Tatort"-Kommissarin Folkerts (M.): "Mir wird das manchmal zu seicht"

Doch zum Glück war ja Folkerts da. Sie beklagte nicht nur die sinkende Qualität der Drehbücher, die beim einst so risikofreudigen SWR tatsächlich immer banaler werden - "Mir wird das manchmal zu seicht" -, sie konterte auch launisch die Anfragen zum unerfüllten Liebesleben der von ihr verkörperten TV-Kommissarin: "Den Lover muss man halt immer erschießen!" Die trockenen Kommentare Folkerts verwiesen allerdings auf ein Problem, das ihre Figur schon länger mit sich rumschleppt: Was tun, wenn man in seiner Rolle als Kommissarin bereits zarte lesbische Andeutungen vorgenommen hat (siehe die "Tatort"-Folge "Fette Krieger"), dann aber zum eigenen Schutz zurückrudert? Ein Dilemma, dass bei der SWR-Ermittlerin leider zu einer arg gekünstelt wirkenden Enthaltsamkeit geführt hat.

Beim Auftritt Folkerts wurde ansatzweise deutlich, was für ein Kraftakt es sein muss, die eigenen Vorstellungen nicht nur mit der Redaktion abzustimmen, sondern eventuell auch gegen die Öffentlichkeit durchzusetzen, die ja in Meinungsumfragen zur Beliebtheit der TV-Ermittler einen erheblichen Druck ausübt.

Zwei Männer, eine Ehe

Von solchem Druck konnte man bei den meisten der männlichen Kollegen wenig spüren. Die leben für ihre TV-Ermittlerjobs ja auch meist in erfüllten eheähnlichen Gemeinschaften - mit dem jeweiligen männlichen Filmpartner. So berichteten Dietmar Bär und Klaus J. Behrendt, die beiden Knuffigen aus Köln, dass sie es sich bei jedem Dreh gemeinsam in einem Wohnwagen gemütlich machten. Und Dominic Raacke erzählte, dass man seinerzeit für den Berliner "Tatort" zwar einen weiblichen Gegenpart für ihn gesucht hätte, dann aber einfach nicht an dem niedlichen Boris Aljinovic vorbei gekommen sei: "Er ist einfach die beste Frau, die wir bekommen haben."

Nur bei Peter Sodann und Bernd Michael Lade, dem Herrengedeck aus Leipzig, schien der Haussegen schief zu hängen. Desolat, als hätte es gerade hinter den Kulissen einen Ehekrach gegeben, knarzten sie an den artigen Fragen Beckmanns vorbei. Als der Moderator kurz den Literaturwissenschaftler und Bibelexegeten geben wollte und nach der Bedeutung von Lades Film-Nachnamen Kain fragte, kam der ins Schleudern: "Keine Ahnung, ich weiß nicht. Vielleicht lesen die Leute ja mal die Geschichte in der Bibel nach, wenn sie den Namen hören."

"Tatort"-Star Postel: Launige Eingaben
RB / Jörg Landsberg

"Tatort"-Star Postel: Launige Eingaben

Letztlich war dieses Stottern ganz sympathisch inmitten der zuweilen recht aufgeblasenen Selbstinszenierungen. Man nehme nur den Kurzauftritt von Götz George, der als Schimanski fraglos "Tatort"-Geschichte geschrieben hat: Der Schauspieler, der immer noch gute Filme dreht, in seiner ewig empörten und unendlich eitlen Selbstdarstellung aber fast kaum noch tragbar ist für Talkshows, attestiert sich selbst in einem Videogrußwort gewohnt bescheiden einen "Riesenmut".

Der im Studio anwesende dröge Stuttgarter "Tatort"-Ermittler Dietz Werner Steck indes nannte sich selbst den schwäbischen Columbo. Er bestätigte aber auch noch mal ein recht erfreuliches Gerücht: Sein TV-Alter-Ego Bienzle wird bald aus dem Dienst ausscheiden. Doch Obacht: Er kommt wieder - in Form eines Theaterstücks, mit dem Steck droht, auf eine Art Endlos-Tournee zu gehen.

Launisch, mürrisch, amüsant

Die lange Nacht bei Beckmann hielt also nicht nur warme Worte, sondern auch einige Drohungen parat. Eine weitere stieß Robert Atzorn aus, als er verkündete, dass bald Ursula Karven als Staatsanwältin in seinen Hamburger "Tatort" einsteigen werde, da man mehr weibliche Energie in die Sendung holen wolle. Oje: Die Schmonzettenkönigin Karven als Staatsanwältin? Wer denkt sich so was aus?

"Tatort"-Veteran George: "Riesenmut" bescheinigt
DDP

"Tatort"-Veteran George: "Riesenmut" bescheinigt

Wobei gerade diese "Tatort"-Runde zeigte, dass die Frauen mit sehr viel mehr Härte und Lust am Disput ans Werk gehen: Neben Ulrike Folkerts sorgte die gewohnt mürrische Sabine Postel vom Bremer "Tatort" für ein paar launige Eingaben, und Andrea Sawatzki, die im Frankfurter TV-Revier mit einer für das Genre außergewöhnlichen Tiefenschärfe die gesellschaftlichen Schräglagen in der Finanzmetropole analysiert, sagte in der Talkrunde traurig-getrieben: "Ich komme nach Frankfurt und habe sofort Depressionen."

Genauso schnoddrig formulierte Nicole Heesters, die als erste Frau 1978 im "Tatort" ermittelte, ihre eher schlechten Erinnerungen an die Reihe und deren wechselnde Regisseure: "Man bestimmte immer wieder neu, wie ich zu sein hätte. Das gefiel mir gar nicht."

Andererseits leistete Heesters mit ihren nur vier SWR-Folgen ungeheuer wichtige Vorarbeit für all die anderen weiblichen Einsatzkräfte, die nach ihr kommen sollten. Nach ihrem eher barschen Rückblick guckte die Fernsehpionierin dann zu ihrer jungen Kollegin Folkerts - mit dem Stolz, den eine Mutter für ihr Kind empfindet. Da leuchtete in Beckmanns Jubiläums-Chichi dann doch kurz die Feierlichkeit einer echten Familienzusammenführung auf.



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