Cumberbatch als Hamlet in London Träumer unter Toten

Spotlight auf den Star! Mögen die britischen Theaterkritiker noch so ungnädig über die neue "Hamlet"-Inszenierung mit Benedict Cumberbatch urteilen: Die Aufführung ist ein purer, intelligenter, sinnlicher Spaß.

REUTERS/ Johan Persson

Aus London berichtet


Es gibt zwei Hauptdarsteller in der von vielen Menschen neugierig erwarteten "Hamlet"-Aufführung im Londoner Barbican Theatre. Der eine heißt Benedict Cumberbatch, hat sehr lange Beine, stets ulkig verquollene Augen und einen heiter-verschrobenen Charme, mit dem er Freund und Feind verzaubert. Der andere ist das Spukschloss, das die Bühnenbildnerin Esmeralda "Es" Devlin ins Londoner Barbican Theatre hineingebaut hat.

Es soll den dänischen Königspalast darstellen, ist in der ersten Hälfte des Theaterabends ein mit vielen Blumen und Ölbildern ausstaffierter Protzraum und nach der Pause eine mit Schlamm und Geröll geflutete Ruine. Es sind, so scheint es, schreckliche Naturgewalten am Werk im Staate Dänemark.

Benedict Cumberbatch spielt den Dänenprinz Hamlet vom ersten Moment an mit der allerfeinsten Untertreibungskunst. Vor dem noch verschlossenen Bühnenvorhang sitzt er vor einem aufgeklappten roten Plattenspielerwürfel und hört zu, wie Nat King Cole von "Fools and Kings", von Narren und Königen, singt. Wir sehen einen schlaksigen jungen Mann in Pulli und Jeans, der den leicht nach vorn geneigten Kopf wiegt, einen Träumer.

Als sein Freund Horatio sich in Holzfällerhemd und mit Rucksack auf dem Buckel zu ihm gesellt, fragt Hamlet ganz sanft: "Who is there?" Und schon ist klar: Von diesem jungen Dänen mit guten Manieren und exquisitem Musikgeschmack müssen wir keine brüllende, geifernde Wahnsinnsnummer wie in vielen schlechten "Hamlet"-Aufführungen befürchten.

Der berühmteste Autist der Literatur

Der deutsche Dichterfürst Johann Wolfgang Goethe hat Shakespeares "Hamlet" mit den Worten zusammengefasst, in diesem Stück werde "eine große Tat auf eine Seele gelegt, die der Tat nicht gewachsen ist". Von der neuesten Londoner Produktion des Stücks über den Dänenprinzen, der vom Geist des toten Vaters heimgesucht wird, auf dass er sich an dessen Mörder räche, lässt sich sagen: Hier ist die Rolle des Hamlet einem Heldendarsteller ans Herz gelegt, der diesem Amt nicht bloß gewachsen, sondern für es geschaffen ist.

Benedict Cumberbatch ist mit 39 Jahren auf der Höhe seines Ruhms. Er hat als Film- und Fernsehdarsteller diverse schroffe Soziopathen wie Sherlock Holmes und Alan Turing derart begnadet verkörpert, dass ihm der berühmteste Autist der Theaterliteratur geradezu selbstverständlich zufallen musste.

In der Inszenierung der Regisseurin Lyndsey Turner im Londoner Barbican Theatre sieht man nun einen Hamlet, der ungeheuer umtriebig, höflich und seinen Mitmenschen zugewandt ist. Nur leider bleibt er trotzdem stets steinallein. Cumberbatch spielt den Hamlet als Charmeur, der Männerfreunde wie Horatio oder Rosencranz und Güldenstern mit Umarmungen begrüßt; als Kindskopf, der sich in einer mannshohen Plastikburg verkriecht und zum Jubel des Publikums mit einem Holzschießgewehr über die Zinnen ballert.

Kein Interesse an Mitmenschen

Seinen Racheauftrag absolviert dieser Mann, der oft athletisch über die Bühne turnt, ohne jedes Geschrei, mit maximaler Diskretion. Den Mörder seines Vaters, den nuschelnden König Claudius (Ciarán Hinds) bekämpft er mit aristokratischer Noblesse. Mit der verräterischen Mutter (Anastasia Hille) balgt er sich halb zärtlich und halb angeekelt auf dem Palastteppich.

Und seine angebliche Geliebte, die seine Pläne bloß störende Ophelia (Sian Brooke), fertigt er wie eine lästige Bittstellerin ab. Dieser Mann ist nicht wirklich an speziellen Mitmenschen interessiert, sondern an grundsätzlichen Fragen: "What a piece of a work is a man", das ist sein wichtigster Satz, nicht die eher beiläufig dahergeredete Phrase vom "To be or not to be".

Es gab in der britischen Presse eine Menge Vorabrummel in den vergangenen Wochen, wie er auch im Londoner Theaterbetrieb eher unüblich ist. Einige Zeitungen schickten ihre Kritiker schon in die öffentlichen Voraufführungen. Manche Shakespeare-Experten empörten sich darüber, dass die Regisseurin Hamlets "To be or not to be"-Monolog während der Voraufführungen offenbar eine Weile lang am Anfang des Stücks platzierte, was sie nun nicht mehr tut.

Auch bat der Darsteller Cumberbatch die Zuschauer inständig, doch bitte das Fotografieren während der bis in den Oktober hinein ausverkauften Vorstellungen zu unterlassen. Tatsächlich achten nun die Barbican-Platzanweiser auch während der Show darauf, dass bloß niemand sein Handy zückt - mit Erfolg. Zumindest in der Vorstellung am Mittwochabend hielten sich die Zuschauer brav zurück.

Man kann das ganze Bohei rührend und lustig finden, weil im Rest der Theaterwelt, auch in Deutschland, längst rücksichtslos in fast jeder Aufführung herumfotografiert wird und weil selbstbewusste Regisseure in ihren Inszenierungen Shakespeare-Textblöcke nach Belieben hin- und herschieben, umtexten oder aufeinanderstapeln. Der "Hamlet" im Londoner Barbican ist ganz sicher eine höchst konventionelle Aufführung, die sich völlig auf die Hauptfigur des Stücks konzentriert.

Aber das tut sie drei Stunden lang auf intelligente und sehr unterhaltsame Weise. Lange sieht man Benedict Cumberbatch in dieser One-Man-Show unter einer Art Hoodie-Kutte über die Bühne geistern, eine Zeitlang trägt er einen knallroten Soldatenrock und zuletzt ein weiße Fechterweste mit Stehkragen.

Seine großen Monologe aber hält der Prinz stets im Spotlight eines Scheinwerfers, während die Menschen um ihn herum im Dunkeln versinken und zu Statuen erstarren - und jedes Mal wieder sieht es so aus, als sei der arme Hamlet der einzige lebendige Mensch in einem dänischen Spukschloss, in dem ihm lauter Geister und Untote Gesellschaft leisten.



insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
frauschlau30 27.08.2015
1. ...ich bin gespannt..
und freu mich drauf. Am 15.10. im Kino meiner Wahl :)
az26 27.08.2015
2. Sinnliches Theater in London
Auf deutschen Bühnen zwei Stühle, ein Besenstiel als Baum, und der Hauptdarsteller in SS-Uniform - und ein "Skandal", wenn es eine sinnliche und konventionelle Aufführung gibt.
suse_dey 25.10.2015
3. Einmaliges Erlebnis; enttäuschte Fans
Ein Erlebnis? Auf jeden Fall! Schauspielerisch eine (weitere) Meisterleistung von B.C. – keine Frage. Die 3 Stunden vergingen wie im Fluge und auch die teilweise von Theaterkritikern verrissene Aufführung an sich (keiner konnte die schauspielerische Leistung kritisieren) hat mich persönlich begeistert. Enttäuschend war etwas anderes: Wir sind aus Deutschland angereist; bloß nicht zu spät erscheinen! ("Latecomers will not be admitted.") Man kann davon ausgehen, dass Zuschauer aus sämtlichen Enden der Welt nach London geströmt sind, um den Sherlock-Darsteller live erleben zu dürfen. Bereits an dieser Stelle könnte man nun sagen, dass auf- und zugehende Türen einen Profi mit derartiger Reputation eigentlich nicht aus dem Konzept bringen sollten – von Blitzlichtern oder roten Kamera-Lämpchen ganz zu schweigen. Aber da lasse ich mit mir reden – Hamlet ist sicher nicht die leichteste Rolle, die man als Darsteller performen kann. Und auch für den Zuschauer, der aufgeregt ob des Folgenden oder auch ob des Hauptdarstellers in die Vorführung eintaucht, kann Ablenkung störend oder sogar ärgerlich sein. Also gut. Dann kam das Ende der Vorstellung mit dem zu erwartenden frenetischen Applaus. Neben der Titelrolle gibt es noch einige andere Rollen in 'Hamlet', die in dieser Aufführung mit ebenfalls hervorragenden Schauspielern besetzt waren. Also war zumindest ein kleiner Teil des Applauses auch den restlichen Ensemblemitgliedern gewidmet. Dieser Applaus jedoch wurde durch den Hauptdarsteller mit einer teils ungeduldigen, teils genervten Geste abgewürgt, die von Benedict Cumberbatch's "devoted-followers" unverzüglich aufgenommen und umgesetzt wurde – und augenblicklich herrschte Stille im Theatersaal, um dem Künstler, der sich lobenswerterweise für die Organisation "save the children" engagiert, Gelegenheit für seine Ansprache zu geben. Diese wirkte leider etwas heruntergeleiert, unkonzentriert und hektisch. Ein weiteres Mal: also gut – der gute Wille zählt. Nun kam für uns der unvermeidliche Weg zum Bühneneingang in der Hoffnung auf ein Autogramm. Nach einer endlosen halben Stunde kam dann tatsächlich Benedict Cumberbatch und verteilte in der allerersten Reihe Autogramme. Natürlich gingen wir, die in aller Ruhe Jacken angezogen und die Toiletten nach der langen Vorstellung aufgesucht hatten, leer aus. Das ist nicht das Schlimme – damit hatte ich ehrlicherweise gerechnet. Dass jedoch ein lustloser Benedict Cumberbatch seine Autogramme gesenkten Blickes verteilt, jemand, der diese lästige Sache nur schnell hinter sich bringen möchte, ist für mich mehr als enttäuschend. Kein Blick, kein Lächeln, kein Winken. Wo ist der Profi??? Der charismatische, augenzwinkernde Darsteller, der seine Zuschauer mit seiner Ausstrahlung verzaubert? Gelten im Theater andere Regeln? Sind die Fans hier zu nahe, zu sehr auf Tuchfühlung? Zu fordernd? Ist die Möglichkeit, der ganzen Aufregung um seine Person aus dem Weg zu gehen, zu gering? Wie gesagt: DAS war für mich persönlich sehr enttäuschend. Was ist ein Künstler ohne seine Fans? Seien wir mal ehrlich: ein erfolgloser Künstler.
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