Benedikts Interview-Buch Der Papst entdeckt die PR

Es ist die beste PR-Aktion des Vatikans seit der Erfindung der Wunderheilung: Dass Benedikt XVI. sich in einem Interviewbuch äußert, statt eine Enzyklika zu verfassen, zeugt von Verständnis der modernen Medienwelt. Von einem Kurswechsel kann allerdings keine Rede sein.

Benedikt XVI. Anfang November in Barcelona: "PR für Dummies" im Palazzo Apostolico?
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Benedikt XVI. Anfang November in Barcelona: "PR für Dummies" im Palazzo Apostolico?


Was für ein gelungener PR-Coup! Zum ersten Mal gibt ein amtierender Papst einem Journalisten ein XXXL-Interview in Buchlänge, rechtzeitig zur Adventszeit, wenn mehr Bücher gekauft werden als sonst im ganzen Jahr.

Zum ersten Mal ist hier zu lesen, wie ein Papst die Dinge so sieht. Eigentlich erstaunlich bei einem Papst wie Benedikt XVI., geb. Ratzinger, dessen Publikationsliste fast so lang ist wie das Sündenregister des irischen Klerus. Aber wann kann ein Papst sich schon mal richtig aussprechen, jenseits des Beichtstuhls? Jetzt rede ich, der Papst.

Der jetzt weltweit erscheinende Interview-Band "Licht der Welt: Der Papst, die Kirche und die Zeichen der Zeit" von Peter Seewald jedenfalls ist für die weltliche Welt wichtiger als hundert "Angelus"-Ansprachen und noch so kluge Enzykliken mit komischen Titeln. Das Buch hat nichts mit irgendeiner "Wende" oder einer "Öffnung" zu tun, wie jetzt vielerorts geschlagzeilt wird. Kein Satz darin ändert etwas am Magisterium, der gültigen Lehre der katholischen Kirche. Die wirklich neue Botschaft ist allein: Der Vatikan hat endlich verstanden, dass Marketing keine Hexerei ist und auch kein Teufelswerk. Dass ein nachdenklicher und zunehmend abgeklärter Mensch wie Joseph Ratzinger umso besser ankommt, je mehr er aus dem Panzer des Officiums gelassen wird. Irgendwie muss sich ein Exemplar von "PR für Dummies" in den Palazzo Apostolico verirrt haben.

Zum Beispiel die Kondom-Passage.

"Es mag begründete Einzelfälle geben, etwa wenn ein Prostituierter ein Kondom verwendet, wo dies ein erster Schritt zu einer Moralisierung sein kann, ein erstes Stück Verantwortung, um wieder ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass nicht alles gestattet ist und man nicht alles tun kann, was man will. Aber es ist nicht die eigentliche Art, dem Übel der HIV-Infektion beizukommen. Diese muss wirklich in der Vermenschlichung der Sexualität liegen."

Jesuitische Kasuistik

Schon auf seiner Reise nach Afrika 2009 hatte Benedikt im Papst-Flieger erklärt, das massenhafte Verteilen von Kondomen verschlimmere das Aidsproblem nur, weil es letztlich um die "Humanisierung von Sexualität" gehe. Man ahnte, was er sagen wollte. Der ungeschickte Halbsatz überdeckte die ganze Reise, und niemand hörte mehr zu, was über Waffenexporte, Menschenrechte und Gleichberechtigung gesagt wurde.

In Seewalds Buch kann der Papst vom Kondom reden, ohne dass die komplette Doktrinen-Raffinerie der Kurie angeworfen werden muss. Hätte er nur vorher schon die Souveränität gehabt, sich auf diese Form der Verständigung einzulassen.

Die Botschaft ist die alte, nur wird mit jesuitischer Kasuistik argumentiert: Kondome sind keine Lösung, aber möglicherweise in bestimmten Fällen ein Hinweis auf einen verantwortungsvolleren Umgang mit dem Unterleib. Als Beispiel fielen dem Papst männliche Prostituierte ein. Jetzt hat sein Sprecher Federico Lombardi die Bemerkung auch auf Transsexuelle und Huren ausgeweitet, Mitbürger also, die das Präservativ in der Regel aus Schutz vor Infektion benutzen, nicht zur Empfängnisverhütung. Denn letzteres wäre nach wie vor durch nichts gerechtfertigt.

Papst und Medien liegen in der Regel über Kreuz. Das liegt auch an den verschiedenen Betriebssystemen, auf denen Vatikan und Öffentlichkeit laufen. Medien erwarten von jedem, dass er ihnen den Guido macht und auf jede hingehaltene Enthüllung mit sendefertigen Statements kontern kann.

Ein Papst aber twittert nicht. Ein Papst braucht für ein Argument die Seitenzahl einer Enzyklika. Er muss sich vor einer Äußerung nicht bei einem Spin Doctor rückversichern, sondern bei Theophil von Antiochien und den anderen Kirchenvätern.

Das ist eigentlich ziemlich originell und verdiente, ernst genommen zu werden. Aber es braucht Zeit, Lesezeit und Nachdenkzeit. Wer hat die schon?

Das Buch von Peter Seewald ist insofern das Beste, was dem Papst zustoßen konnte. Es zeigt keinen neuen Benedikt, aber es zeigt einen Benedikt ohne die doppelte Verzerrung durch Amt und Apriori.

Im Wortlaut: Der Papst über...
...die Verwendung von Kondomen
"Die bloße Fixierung auf das Kondom bedeutet eine Banalisierung der Sexualität, und die ist ja gerade die gefährliche Quelle dafür, dass so viele Menschen in der Sexualität nicht mehr den Ausdruck ihrer Liebe finden, sondern nur noch eine Art von Droge, die sie sich selbst verabreichen. Deshalb ist auch der Kampf gegen die Banalisierung der Sexualität ein Teil des Ringens darum, dass Sexualität positiv gewertet wird und ihre positive Wirkung im Ganzen des Menschseins entfalten kann. Es mag begründete Einzelfälle geben, etwa wenn ein Prostituierter ein Kondom verwendet, wo dies ein erster Schritt zu einer Moralisierung sein kann, ein erstes Stück Verantwortung, um wieder ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass nicht alles gestattet ist und man nicht alles tun kann, was man will. Aber es ist nicht die eigentliche Art, dem Übel der HIV-Infektion beizukommen. Diese muss wirklich in der Vermenschlichung der Sexualität liegen."
...die Burka und den Bau von Moscheen
"Christen sind tolerant und insofern erlauben sie auch den anderen ihr eigenes Selbstverständnis. Wir sind erfreut darüber, dass es in den arabischen Golfstaaten (Katar, Abu Dhabi, Dubai und Kuwait) Kirchen gibt, in denen Christen die Messe zelebrieren können, und wir hoffen, dass dies überall geschehen möge. Daher ist es nur natürlich, dass Muslime sich auch bei uns zum Gebet in einer Moschee versammeln können. Was die Burka angeht, sehe ich keinen Grund für ein generelles Verbot. Es heißt, einige Frauen würden sie nicht freiwillig tragen, sondern es handele sich vielmehr um eine Art von ihnen aufgezwungener Gewalt. Es ist klar, dass man damit nicht einverstanden sein kann. Wenn sie sie (die Burka) jedoch freiwillig tragen wollten, sehe ich keinen Grund dafür, dies zu verbieten."
...Drogen
"Ich glaube, diese Schlange des Drogenhandels und -konsums, die die Erde umspannt, ist eine Macht, von der wir uns nicht immer die gebührende Vorstellung machen. Sie zerstört die Jugend, sie zerstört Familien, sie führt zur Gewalt und gefährdet die Zukunft ganzer Länder. Auch dies gehört zu den schrecklichen Verantwortungen des Westens, dass er Drogen braucht und dass er damit Länder schafft, die ihm das zuführen müssen, was sie am Ende verbraucht und zerstört. Da ist eine Gier nach Glück entstanden, die sich mit dem Bestehenden nicht begnügen kann."
...Sextourismus
"Die Zerstörung, die der Sextourismus über unsere Jugend bringt, (...) können wir uns gar nicht vorstellen. Da sind Prozesse der Zerstörung im Gang, die außerordentlich sind und die aus dem Übermut und dem Überdruss und der falschen Freiheit der westlichen Welt geboren sind."
...seinen Vorgänger Karol Wojtyla und seinen eigenen Auftrag
"Wir weben an einem gemeinsamen Tuch. Karol Wojtyla war sozusagen von Gott der Kirche geschenkt in einer ganz bestimmten, kritischen Situation, in der nun einerseits die marxistische Generation, die 68er-Generation, den ganzen Westen in Frage stellte und in der, im Gegenteil, der reale Sozialismus zerfallen ist. In diesem Gegeneinander den Durchbruch zum Glauben zu öffnen und ihn als die Mitte und den Weg zu zeigen, das war ein historischer Augenblick besonderer Art. Nicht jedes Pontifikat muss einen ganz neuen Auftrag haben. Jetzt geht es darum, dies weiterzuführen und die Dramatik der Zeit zu erfassen, in ihr das Wort Gottes als das Entscheidungswort festzuhalten - und zugleich dem Christentum jene Einfachheit und Tiefe zu geben, ohne die es nicht wirken kann."
Wenn er gewusst hätte, dass der umstrittene Bischof Richard Williamson die Existenz der Gaskammern leugnete, hätte er ihn nicht teilrehabilitiert.

Der Fall Williamson sei ein "Super-Gau" gewesen, sagt Benedikt jetzt, als hätte er den SPIEGEL von damals vor sich liegen. "Aber leider hat niemand bei uns im Internet nachgeschaut und wahrgenommen, um wen es sich hier handelt." Das hatte man damals nicht für möglich gehalten. Dass eine Bürokratie des 21. Jahrhunderts die Suchmaschinen nicht anwirft, als hieße es: Gott googelt nicht.

Der Papst räumt jetzt ein, dass die Medien ihren Job gut gemacht haben. Das ist ein großer Schritt. Zu Zeiten der Affäre hatte der Hofstaat in Rom nur von einer "verabscheuungswürdigen Verleumdungskampagne" gesprochen.

Aber, sagt Benedikt jetzt, ohne Gründe für einen Skandal gäbe es auch keine Skandalberichte.

Das Internet wirkt da wie ein Teilchenbeschleuniger, wo Halbsätze in rasender Geschwindigkeit auf eine Umlaufbahn gejagt werden. Das war seine Erfahrung in Regensburg, damals vor vier Jahren, als es anfing mit den Skandalen. Die Vorlesung war ein echter Ratzinger, eine wohldurchdachte Reflexion über Vernunft, Glauben und griechische Philosophie. Doch durch hastige Übersetzung und verkürzte Wiedergabe im Netz wurde sie zum Schlachtruf gegen den Islam. Seine Schuld, unsere Schuld?

Nostra culpa.

Denn natürlich war manchen Medienberichten, gerade in Deutschland, ein antiklerikaler Furor anzumerken. Man suchte in Ratzingers Lebenslauf nach dunklen Flecken, so wie einst Dick Cheney und Donald Rumsfeld nach Massenvernichtungswaffen im Irak suchten: "Nichts" ist nur der Beweis, dass nicht gründlich genug gesucht wurde.

Erfrischend unbürgerlich

Seit der Williamson-Affäre gehört es in Deutschland wieder zum guten Ton, gegen Kirche zu sein. "Priester" ist unter dem Pontifikat Benedikts zu einem verächtlichen Wort geworden, ähnlich wie "Banker". Aus der Enttäuschung und Empörung über die Missbrauchs-Affäre ist bisweilen ein diffuses Pfaffenschlagen geworden, ein Antiklerikalismus der Mitte, der jedes katholische Engagement unter Generalverdacht stellte.

Medien sind eben auf ihre Weise eben auch Traditionalisten. Sie sehen nur das Bekannte. Es ist einfacher, den Kirchenstaat als vom Opus Dei gelenkte Machtzentrale darzustellen, als Intrigenstadel verklemmter Greise oder aber global agierende Firma Vatikan AG. Alles nicht ganz abwegig, aber eben auch nicht wahr. Weil der Vatikan im Kern ein Gottes-Dienst ist, bevölkert und betrieben von Menschen, die glauben. Das ist abstrus und absurd und unvernünftig, aber sie tun es.

Der Papst liegt auf allen möglichen Gebieten quer und manchmal auch ziemlich daneben. Sein Verständnis von Pluralismus und Popkultur, Neodarwinismus oder Gentechnik, sein Generalverdacht gegenüber der Moderne ist in hohem Maße bedenklich.

Aber dennoch bedenkenswert. Eine über sich selbst aufgeklärte Aufklärung kann sich erlauben, Glauben ernst zu nehmen.

Es ist gut, jemanden an Bord zu haben, der auf einem Wahrheitsanspruch beharrt und eine Sprache spricht, die von weiter her kommt als vom letzten Trend-Kongress. Sie sind Papst, und das ist auch gut so. Der Katholizismus ist eigentlich eine sehr unbürgerliche Veranstaltung, und es ist immer wieder erfrischend, den Alten gegen Hedonismus und die angebliche Pflicht zur Selbstverwirklichung argumentieren zu hören. Das können wir brauchen, wir fromme Atheisten, wir triste Aufgeklärte und in der allgemeinen Ernüchterung Herumfremdelnde. Ohne den Papst würde uns etwas fehlen. Oder wie Verona Feldbusch es sagen würde: Der Alte ist unfehlbar.

insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
Blaumilchvor, 23.11.2010
1. Nr.1
"Aber es ist nicht die eigentliche Art, dem Übel der HIV-Infektion beizukommen. Diese muss wirklich in der Vermenschlichung der Sexualität liegen." Der Papst glaubt wohl das Aids durch Vermenschlichung der Sexualität ausgeschlossen wird! Hmmm das muss man mal auf sich wirken lassen...
Blaumilchvor, 23.11.2010
2. Nr.2
"Seit der Williamson-Affäre gehört es in Deutschland wieder zum guten Ton, gegen Kirche zu sein. "Priester" ist unter dem Pontifikat Benedikts zu einem verächtlichen Wort geworden, ähnlich wie "Banker". Hmm, Sie vergessen die vielen Fälle sexueller Übergriffe von Geistlichen auf Schutzbefohlene, Sie vergessen die Züchtigungen durch Bischöfe wie Mixa... Es gibt schon sehr viele Faktoren welche die Kirchen als moralische Instanz in Frage stellen...da würde mich auch einmal interessieren welche Rolle der Papst in früheren Zeiten eingenommen hat...dabei meine ich nicht einmal seine Mitgliedschaft in der Hitlerjugend...aber eigentlich ist das nicht so wichtig... Die Geschichte der Kirche vermittelt mir vieles, Bilder und Geschichten, nur nicht nicht die Lehre Jesus Christus ...
peitzman 23.11.2010
3. Vermenschlichung der Sexualität
Zitat von Blaumilchvor"Aber es ist nicht die eigentliche Art, dem Übel der HIV-Infektion beizukommen. Diese muss wirklich in der Vermenschlichung der Sexualität liegen." Der Papst glaubt wohl das Aids durch Vermenschlichung der Sexualität ausgeschlossen wird! Hmmm das muss man mal auf sich wirken lassen...
Naja, ich denke, er meint es so, dass bei Monogamie mit absoluter Treue keine weitere Ansteckung möglich ist, mal abgesehen von Übertragung durch Drogenbestecke etc. Diese Einstellung geht zwar an der Wirklichkeit vorbei, aber Idealisten muss es wohl geben, sonst landen wir in der Beliebigkeit ohne Normen und Regeln.
Blaumilchvor, 23.11.2010
4. Ja
Zitat von peitzmanNaja, ich denke, er meint es so, dass bei Monogamie mit absoluter Treue keine weitere Ansteckung möglich ist, mal abgesehen von Übertragung durch Drogenbestecke etc. Diese Einstellung geht zwar an der Wirklichkeit vorbei, aber Idealisten muss es wohl geben, sonst landen wir in der Beliebigkeit ohne Normen und Regeln.
Des is scho klar...er nimmt es aber auch nicht raus...Aids kann ja auch durch Spenderblut übertragen werden bzw. wurde übertragen... Persönlich kann ich mit dem Papst nicht`s anfangen... er stahlt für mich keine Wärme aus, ...wirkt mehr so kühl wie der Senator Palpatine aus den Star-Wars-Filmen... Um an Jesus zu glauben braucht man ja Gott sei Dank keine Kirche...und beten kann man überall...
onkel hape 23.11.2010
5. Dass sich jetzt ausgerechnet BILD...
als Vatikan-Postille des "Heiligen Vaters" outet, ist für dieses Revolverblatt schon verwunderlich. Auf Seite 10 kann man Benedikts Aussagen finden, auf Seite 13 darf man sich an ca 100 Sex-Angeboten wie z.B. Willige Polin, Deutsche geile Blondine, Heißer Feger, Sexy Schoko-Baby, Sexsüchtige Anna, Bordell-Anzeigen usw. ergötzen. Ob das im Sinne des prüden Stellvertreters ist, darf man bezweifeln. An der grundsätzlichen, sexualfeindlichen, weltfremden Auffassung der RKK hat sich nichts geändert und das wird wohl immer so bleiben. Ganz sicher darf man annehmen, dass immer noch Mitglieder der katholischen Kurie ihre eigene, gottgegebene Sexualität nicht im Griff haben. Der nächste kirchliche Mißbrauchsfall wird nicht lange auf sich warten lassen, wetten dass?
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