Berichte über Bohlen Nichts als die Wahrheit

Die "Bild"-Zeitung ist Dieter Bohlens bester Freund. Sie darf ihn jetzt nicht hängen lassen. Denn es wäre nicht auszudenken, was passieren würde, wenn ihm keiner mehr zuhört, schreibt Harald Staun in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".


Der Mann, den alle kennen, sitzt auf einer Eckbank, er trägt einen grauen Kapuzenpullover und beugt sich über einen Tisch mit weihnachtlich gemusterter Tischdecke. Neben ihm sitzt seine Freundin Carina, "seine Carina", wie am Rande des Bildes steht, sie legt einen Arm um seine Schulter und die andere Hand auf seinen Arm, und dabei grinst sie etwas seltsam, mit ihrem Mund und mit ihren Augen, als ob sich ihre Mimik nicht entscheiden könnte, welches Gesicht der Situation angemessen wäre. Dieter Bohlen dagegen guckt ganz anders, ein tiefer Schrecken scheint in seinem Inneren zu stecken, eine Erschütterung, die er mit aller Entschlossenheit zum Ausdruck bringen will. Es ist nicht schwer, die Botschaft dieses Bildes zu begreifen: Hier sitzt, sagt alles an ihm, ein verzweifelter Mann. Aber je länger man in Bohlens Gesicht hineinschaut, desto mehr wirkt es wie eine Grimasse, und eine Überdosis Anstrengung bringt alles Tragische an dieser Aussage zum Einstürzen. Hier sitzt ein Mann, sagt alles im Betrachter, dem man gerade gesagt hat: Guck jetzt mal bitte sehr verzweifelt.

Daß es sich bei dem Foto um eine Inszenierung handelt, das merkt man also sehr deutlich, und dennoch wäre es zu einfach, das Ganze für ein großes Theater zu halten: das Foto, die Erschütterung und den gesamten Überfall dazu. Es handelt sich wohl eher um das Re-Enactment einer tatsächlich erlebten Gemütslage, wie man es aus dem Genre der Doku-Fiction kennt. Und nur die schauspielerischen Defizite Bohlens sorgen dafür, daß die Simulation sofort auffliegt. Ob solche Bilder ein begrüßenswertes journalistisches Mittel sind, sei dahingestellt; sie sind längst viel zu üblich, um sie zu skandalisieren. In diesem Falle aber gibt es einen viel irritierenderen Verdacht: Womöglich gibt es bei Bohlen gar keinen Unterschied mehr zwischen Realität und Show, zwischen Person und Rolle. Womöglich guckt er, wenn er wirklich betroffen ist: genau so.

Man muß sich die Ereignisse des vergangenen Montags noch einmal vergegenwärtigen, um zu begreifen, wie wenig die Kategorie der "Inszenierung" noch greift für die Medienpräsenz dieses Mannes, und hätte es noch einer Demonstration dafür bedurft, daß sich die Grenze zwischen Bohlens Selbst und dessen Darstellung längst aufgelöst hat, dann liefern sie die Ereignisse jenes Tages. Es ist also, wenn man als Arbeitshypothese einmal davon ausgeht, daß stimmt, was in der "Bild"-Zeitung steht, in etwa folgendes passiert:

Der erste Anruf

Gegen 8.45 Uhr verschaffen sich zwei maskierte Männer Zugang zu Bohlens Grundstück in Tötensen, sie bedrohen den Gärtner mit einer Schreckschußpistole, dringen in die Villa ein, fesseln erst den Gärtner und die Haushälterin, später Bohlens Freundin Carina, zwingen Bohlen, seinen Tresor zu öffnen, erbeuten dabei rund 60.000 Euro. Bohlen gelingt es, sich loszureißen, er rennt zum Nachbarn, die Täter flüchten. Und dann erledigt Bohlen ein paar Anrufe, und ganz egal, ob er wirklich zuerst die "Bild"-Zeitung informierte und RTL und dann erst die Polizei: Um 11.42 Uhr sitzt Bohlen wieder auf der Eckbank in seiner Küche, auf deren Boden zwei Stunden vorher seine Angestellten und seine nackte bis halbnackte Freundin (hier widersprechen sich die Informationen) gelegen hatten, und gibt der "Bild"-Zeitung ein Interview. Und auch wenn darin, was die genauen Zeitangaben betrifft, ein mittleres Chaos herrscht, ist es doch klar, daß ziemlich kurz nach dem Einbruch ein buntes Journalistenkränzchen in Bohlens Küche versammelt war. "Es waren zeitnah Medienvertreter vor Ort", bestätigt Polizeisprecher Matthias Rose, auch wenn er sich nicht mehr genau erinnern kann oder will, ob diese vor oder nach den Beamten eintrafen.

Musikproduzent Dieter Bohlen: Man kann ihm nicht vorwerfen, nur eine Rolle zu spielen.
DDP

Musikproduzent Dieter Bohlen: Man kann ihm nicht vorwerfen, nur eine Rolle zu spielen.

Vielleicht kann man sich in die Lage Bohlens nicht hineinversetzen, wenn man noch nie mit einer Waffe bedroht wurde; wenn einem noch nie 60000 Euro in bar gestohlen wurden; wenn man noch nie vor der Frage stand, wie man in einer solchen Situation handeln soll: die Ruhe bewahren, Widerstand leisten oder davonlaufen. Vielleicht ist es nach einem solchen Schock eine ganz natürliche Reaktion, das Fernsehen anzurufen und die größte deutsche Boulevardzeitung. Und dennoch kommt man nicht darum herum, sich zu fragen, wie kaputt eigentlich ein Mensch sein muß, der überhaupt nicht nachdenkt, bevor er die mediale Aufbereitung seines Schicksals einleitet; der nicht erst ein paar gute Freunde anruft, mit denen er die Sache bespricht. Was aber das allertraurigste ist: Genau das hat Bohlen wohl getan – vom Nachdenken einmal abgesehen. Die "Bild"-Zeitung und RTL: Das sind seine besten Freunde.

Freund und "Bild"

Es ist ja längst ein offenes Geheimnis, daß die Beziehungen sehr gut sind, zwischen Bohlen und der "Bild": Katja Kessler, die Klatschkolumnistin der "Bild" und Ehefrau des Chefredakteurs Kai Diekmann, schrieb Bohlens Bücher, die im springereigenen Heyne-Verlag erschienen und in der "Bild" ausführlich vorabgedruckt wurden. Der ehemalige "Bild"-Chefredakteur Hans-Hermann Tiedje outet sein Verhältnis zu Bohlen bei jeder Gelegenheit als "langjährige Männerfreundschaft" und gilt auch als der Initiator der perfekten Partnerschaft: Tiedje verkuppelte Bohlen und die "Bild", als dieser sich 1996 von Verona Feldbusch trennen wollte. Und auch Bohlen selbst spricht gerne öffentlich von "seinen Freunden bei der ,Bild‘-Zeitung", wie etwa im Januar bei "Johannes B. Kerner".

Wenn es jemals den Verdacht gegeben hat, daß das Wort "Freundschaft" nur eine Metapher für eine enge professionelle Zusammenarbeit ist, dann dürfte sich dieser spätestens seit dem Überfall aufgelöst haben. Zumindest was Bohlen betrifft. Denn mittlerweile, so hört man immer wieder aus Kreisen der "Bild", sind der Redaktion die Anrufe von Bohlen eher lästig. Und deshalb muß man ganz ernsthaft auch in dieser Sache an die moralische Verantwortung der Zeitung appellieren: Man darf Bohlen jetzt nicht fallenlassen! Es ist nicht auszudenken, was passiert, wenn ihm keiner mehr zuhört.

"Dieter Bohlen ist ein einziger Fake", hat der Musikproduzent Frank Farian gesagt, als er sich vor zwei Jahren gegen die Beleidigungen in Bohlens Buch "Hinter den Kulissen" wehrte, und man muß diesen Satz ganz wörtlich nehmen, damit er seine Gültigkeit bekommt: Bohlen ist nicht einfach eine Fälschung, eine öffentliche Figur, hinter der sich irgendwo ein echter Dieter verbirgt. Bohlen ist wie der Holo-Doc aus "Star Trek Voyager": eine Projektion, die in der echten Welt nicht existieren kann. Die Inszenierung verläuft bei Bohlen umgekehrt: Er täuscht den Privatmenschen nur vor. Man kann ihm nicht vorwerfen, nur eine Rolle zu spielen. Man kann ihm nur vorwerfen, er selbst zu sein.

Mit freundlicher Genehmigung der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung"



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