SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

22. September 2015, 18:22 Uhr

Neue Kunst in Berlin

Ausstellungen ohne Anstehen

Von

Die Berlin Art Week mit ihrem Kunstrummel ist vorbei - aber viele Ausstellungen laufen weiter. Hier sind die, die man auf keinen Fall verpassen sollte.

Vor der Galerie Johann König stand eine Menschenmasse stundenlang Schlange, als vergangene Woche die Ausstellung "The Pale Fox" des neuesten Shooting-Stars Camille Henrot eröffnet wurde (bis 1. November). Allerdings ging bei König das Bier nicht aus, wie ein paar Tage später in den Berliner KunstWerken, wo rund 3000 Besucher am Eingang anstanden.

So was nennt man anderswo Event-Kultur, in Berlin allerdings heißt es "Berlin Art Week". Deren vierte Ausgabe mit Messen, Dinner, Partys und Get-togethers ist jetzt vorbei, und die Sammler sind abgereist. Die Kunst aber ist noch da und gedrängefrei in Galerien und Museen zu besichtigen.

Es gibt einige Ausstellungen, die man auf keinen Fall verpassen sollte, wie die Cindy-Sherman-Ausstellung mit 65 Fotografien im me Collectors Room. Erstaunlich, dass der Sammler Thomas Olbricht erst 1996 in New York zum ersten Mal die Foto-Selbstinszenierungen von Sherman gesehen hat. Aber dann kaufte er sofort, und es gab, so Olbricht, "weiteren Handlungsbedarf", und so kamen die frühen "Untitled Film Stills" oder auch die "Tramperin" von 1979, sowie Bilder aus allen Serien bis zu den neuesten Arbeiten dazu. Als "Hormonspezialist", so Olbricht über Olbricht, wisse er, "welche physiologischen Prozesse" einsetzen, "wenn ein visueller Reiz uns in Bann schlägt". Warum ausgerechnet Shermans Fotoarbeiten ihn so anziehen? Es sei "die Gleichzeitigkeit von Schein und Sein, in der die Befindlichkeit des heutigen Menschen zum Ausdruck kommt", und das Bedürfnis, um jeden Preis "etwas darstellen zu müssen".

bis 10.4.2016, "me Collectors Room"


Nebenan in den KunstWerken wird "Welcome to the Jungle" gezeigt. So hieß auch ein Song von Guns N'Roses von 1987, der von Sex, Drogen und Gewalt als intensiven Erfahrungen und deren zerstörerischem Potenzial handelt. Der Dschungel verkörpert dabei den Sehnsuchtsort, der das Unbewusste, potenziell Gefährliche als Gegenentwurf zum normierten Alltag versinnbildlicht. Solche Wunsch- und Angstfantasien setzen 25 Künstler in großformatige Videos, Bilder und Skulpturen um. So zeigt Sven Johnes' "Happy Places", dass die glücklichsten Menschen im südpazifischen Inselgebiet von Vanuatu leben, oder Julius von Bismarck lässt im Video "Landscape Painting (Jungle)" in Mexiko zuerst die Landschaft weiß ansprühen, um sie dann originalgetreu wieder grün anmalen zu lassen.

bis 19.11.2015, KunstWerke Berlin


Die Schau ist Teil des thematischen Projekts "Stadt/Bild", und dazu gehört auch die Ausstellung "The Dialogic City: Berlin wird Berlin" der Berliner Architekten Brandlhuber+ Hertweck, Mayfried in der Berlinischen Galerie. In einem Buch, das jeder Besucher kostenlos mitnehmen kann, sind in sieben Kapiteln Möglichkeiten skizziert, wie scheinbar unüberbrückbare Gegensätze wie "Zentren & Mitte", "Stadt & Natur", "Fiktion & Realität" oder "Boden & Eigentum" zusammenzudenken sind. Außerdem lagern in langen Regalen die Unterlagen und Modelle Berliner Bauwettbewerbe seit 1985 aus der Architektursammlung der Berlinischen Galerie. Allein aus den Beschriftungen der Ordner kann man sich am Beispiel eines Rem-Koolhaas-Entwurfs für das Kranzler-Eck vorstellen, wie Berlin auch aussehen könnte.

bis 21.3.2016, Berlinische Galerie


Gleich nebenan im selben Haus ist die wunderbare Ausstellung "Ich kenne kein Weekend! - 50 Jahre Berliner Zeitgeschichte" zu sehen. Hier ist Blocks Arbeit an der Kunst ausgebreitet, die damals als kompliziert und verrückt oder einfach als unbekannt galt und damit irrelevant war.

So zeigte er als 22-Jähriger 1964 in seiner Berliner Galerie die legendäre Schau "Neodada, Pop, Décollage, Kapitalistischer Realismus" mit Künstlern wie Joseph Beuys, Nam June Paik, Sigmar Polke, Gerhard Richter oder Wolf Vostell. Auch die Unterlagen und Fotos seiner wohl berühmtesten Aktion sind da, in der sich Beuys 1974 mit einem Kojoten in die neue New Yorker Galerie von Block einschließen ließ.

Abgesehen von der Geschichte dieser Meilenstein-Schauen sind Materialien, Dokumente, Briefe, Fotografien, Filme und Multiples auch aus späteren Zeiten zu sehen, als Block für das Berliner DAAD-Künstlerprogramm arbeitete, Biennalen kuratierte, das Fridericianum in Kassel leitete und später in Berlin bis 2013 in seinen Kunstraum "Tanas" die junge türkische Kunstszene zeigte, die er bis heute aktiv unterstützt. Stundenlang kann man sich in der Ausstellung auf eine Zeitreise begeben.

bis 15.2.2016, Das Archiv René Block Außerdem zeigt der Neue Berliner Kunstverein Werke aus der Kunstsammlung von René Block (bis 24.1.2016)

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung