Postkartenkunst Gruß und Kuss, dein King Kong

Postkarten sind ja ein wenig aus der Mode geraten, leider. Was für ein Verlust das ist, zeigt die Berliner Ausstellung "Arte Postale". Dort ist gemalte und getuschte, wild beklebte und wüst bestempelte Mail-Art zu sehen. Manchmal politisch, manchmal persönlich - und oft ein wenig gaga.

Eine Prognose vorweg: Wer die Ausstellung "Arte Postale" besucht, wird sich danach über eine schöne Postkarte in seinem Briefkasten mehr freuen als über eine schnöde SMS.

Denn die Ausstellung zeigt lauter kleine Kunstwerke - Liebesbriefe, Mail-Art, Holzpost. Und sie beginnt mit Karten aus der Sammlung des Verlegers und Grafikers Klaus Staeck, der heute Präsident der Akademie der Künste ist. In einem Wandtext bekennt sich Staeck zu seiner "Liebe zur Postkarte". Dafür wurde er von Freunden und Kollegen schon als "Postkartenonkel" verspottet. Entmutigt hat ihn das nicht. Im Laufe der Jahre gab Staeck mit seiner Grafikedition Tangente rund 500 Kartenserien von Künstlern heraus, darunter allein rund 80 Motive von Joseph Beuys.

Einer dieser Entwürfe von Beuys ist gleich zwei Dutzend Mal an der Wand zu sehen: ein postkartengroßes Holzstück, 3,5 Zentimeter dick und nicht limitiert. Die ausgestellten, adressierten "Karten" haben es wirklich geschafft, von der Post befördert zu werden.

Postkarte als Massenphänomen

Die Ausstellung zeigt auch, wie die Postkarte um 1968 herum für bildende Künstler eine besondere Funktion erhielt - einerseits für künstlerische Kommunikation, "aber auch als ein Medium, das sich an ein breites Publikum wendete", sagt Rosa von der Schulenburg, Kuratorin der Ausstellung. Also an die Käufer solcher billigen Karten.

Nicht immer hat das geklappt. Gleich in der ersten Vitrine sind mehrere Karten zu sehen, die Joseph Beuys 1968 zur Documenta als alternative Kassel-Ansichten entworfen hatte. Ein großer Flop, denn Beuys und Staeck, der die Karten produziert hatte, blieben auf ihnen sitzen, weil sie nicht auf dem Documenta-Gelände verkauft werden durften.

Andere Motive waren erfolgreicher: Daniel Spoerri entwarf 1972 ein Postkartenmotiv mit Marienplatz, der Frauenkirche in München und dem Riesenaffen King Kong, der eine Art Pin-up-Girl in seinen Armen hält - frauenfeindlich sei das nicht gemeint, sagt von der Schulenburg, sondern es sei "eine witzige, dadaistische Variante, mit dem Städtemotiv umzugehen".

Comics für Mutter Gertrude

Weil nicht alle Handschriften lesbar und nicht alle Botschaften und subtile Kritiken verständlich sind, gibt es ein kostenloses Heft mit transkribierten Texten und Erklärungen zum Kontext der Arbeiten, das besonders hilfreich ist, um die historischen Exponate aus dem Archiv der Akademie der Künste einzuordnen. Darunter sind gemalte Briefe und Kunstpostkarten von bekannten Künstlern wie George Grosz, der ein witziger Briefeschreiber war, von Lyonel Feininger, Max Pechstein, Christoph Schlingensief, Jonathan Meese oder Einar Schleef, der wunderbare Briefe mit kleinen Comics an seine Mutter Gertrude in die DDR schrieb.

Auch die berühmten Kettenbriefe der Architektengemeinschaft "Gläserne Kette" um Bruno Taut sind ausgestellt. Der von den Nazis als sogenannter Kulturbolschewist verfemte Taut schickte Mitte der Dreißiger aus seinem japanischen Exil einen langen Rollbrief nach Berlin, in dem er seine Eindrücke von der Natur und der ihm fremden Kultur zeichnet und beschreibt. Und sein Kollege Hans Scharoun skizzierte für seinen chinesischen Architektenfreund Chen Kuen Lee witzige Wort-Bild-Kommentare zur Architektur.

Toll auch die Liebesbriefe des Malers Max Schwimmer mit ziemlich erotischen Zeichnungen und seine Karten an eine Leipziger Zeitung, für die Schwimmer manchmal arbeitete. Auf einer Karte kniet er vor dem Feuilleton-Chef, damit der seine Texte doch annehmen und bezahlen möge. Am allerschönsten ist allerdings eine hingetuschte Postkarte von 1925, die Schwimmer in einem Umschlag verschickt hat. Sie heißt "Der neue Professor" und zeigt Adolf Hitler in koketter Haltung mit seinem gerade geschriebenen Buch "Mein Kampf" unter dem Arm, auf dem eine Eule sitzt.

Weniger privat ist die Mail-Art in den letzten zwei Räumen aus der Sammlung von Guillermo Deisler. "Mail-Art ist keine museale Kunst per Post, sondern ein Austausch, eine ästhetische Kommunikationsform und für viele Teilnehmer auch ein Vergnügen ", sagt von der Schulenburg.

Um den heutigen "Mail"-Begriff geht es hier nicht, gemeint sind Aktionen, an denen sich ganz verschiedene Personen per Post beteiligen. Ein Schwerpunkt ist die Mail-Art-Szene der DDR, die mit subversiver Energie auf der Wort- und Bildebene staatliche Kontrollinstanzen unterlief und mit ihren Mitteilungen über Grenzen hinweg politische und soziale Solidargemeinschaften in der ganzen Welt bilden wollte.


"Arte Postale. Bilderbriefe, Künstlerpostkarten, Mail Art aus der Akademie der Künste und der Sammlung Staeck". Berlin. Akademie der Künste am Pariser Platz. 30.8.-8.12., www.adk.de 

Anmerkung der Redaktion: In der Fotostrecke zu diesem Artikel wurde in der ursprünglichen Fassung bei einer Karte Jonathan Meese als Urheber genannt. Hier lag eine Verwechslung von Seiten der Akademie der Künste vor: Das Werk stammt von Jürgen Heinrich Stutzinger.

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