Gerichtsurteil Knabenchor muss Mädchen nicht aufnehmen

Eine Mutter, die ihre Tochter in den Berliner Knabenchor einklagen wollte, ist vor Gericht gescheitert. Die Neunjährige sei stimmlich einfach nicht geeignet, sagte der Richter.

Diese Mutter sah ihre Tochter im Knabenchor - das Verwaltungsgericht sah das anders
Paul Zinken/ DPA

Diese Mutter sah ihre Tochter im Knabenchor - das Verwaltungsgericht sah das anders


Das Berliner Verwaltungsgericht hat eine Klage zurückgewiesen, mit der ein Mädchen in einen Knabenchor aufgenommen werden sollte. Das Recht auf Kunstfreiheit überwiege bei der Entscheidung des Chors, das Mädchen abzulehnen, befand das Gericht am Freitag. Das Klangbild des Chors habe Vorrang.

Weil ihre neunjährige Tochter nicht im Staats- und Domchor Berlin aufgenommen worden war, war ihre Mutter vor Gericht gezogen - und hatte sie bei der Verhandlung am Freitag dort auch als Anwältin vertreten. Es gehe hier um einen Konflikt zwischen Gleichheit vor dem Gesetz und Kunstfreiheit, fasste der Vorsitzende Richter den Konflikt zusammen.

Die Berliner Schülerin, die in dem auf Musik ausgerichteten Händel-Gymnasium in Berlin mit einer hohen Punktzahl aufgenommen worden war, hatte sich im November 2018 um einen Platz im Staats- und Domchor beworben. Die Voraussetzungen, so sah es ihre Mutter, waren blendend. Schließlich hatte ihr Kind schon im Chor der Komischen Oper und in der Frankfurter Domsingschule gesungen. Nun sollte ihre Stimme in dem 1465 als Hof- und Kirchenchor gegründeten Ensemble, das heute zur Universität der Künste (UdK) gehört, weiter ausgebildet werden.

Eine Frage des Geschlechts - oder der Eignung?

Nicht geeignet, urteilte aber Chorleiter Kai-Uwe Jirka nach einem Vorsingen. Dem Mädchen fehlten die Voraussetzungen für ein Spitzenensemble, das etwa mit den Berliner Philharmonikern und dem Konzerthausorchester Berlin auftritt. In einer eigens von der Mutter (und Anwältin) geforderten Stellungnahme begründete Jirka im März 2019 auch schriftlich die Ablehnung.

Eine gute Stimme, aber keine Spitzenbegabung, hieß es darin. Außerdem fehle dem Kind die Motivation, um in seinem Konzertchor zu singen. Geschlechtsfragen, so betonte Jirka am Freitag auch vor Gericht, hätten bei der Ablehnung keine Rolle gespielt.

Allerdings hatte die UdK in einem Brief an die Mutter zunächst geschrieben, die Aussicht, dass ihre Tochter im Chor aufgenommen werde, sei so groß wie etwa die eines Klarinettisten, in einem Streichquartett zu spielen - nämlich null. Also doch eine Geschlechterfrage?

Mit ihrer Klage wolle sie das Recht ihrer Tochter auf eine gute Stimmausbildung durchsetzen, argumentierte die Mutter und Anwältin der Neunjährigen. Als öffentliche Einrichtung sei der Staats- und Domchor zur Gleichbehandlung verpflichtet. Die Unterschiede zwischen Mädchen- und Jungenstimmen seien nicht so gravierend, wie immer wieder dargestellt. Das hätten auch Untersuchungen ergeben.

Jungenstimmen klingen anders, behauptet der Chorleiter

Dieser Vermutung widersprach Chorleiter Jirka. Die Stimme eines Jungen sei bis zum Stimmbruch mit etwa 13 Jahren unvergleichbar mit der Stimme eines Mädchens, die sich früher (und nicht so extrem) verändert. Dank Körperwachstum und einiger Testosteronschübe klinge die Jungenstimme dann am schönsten - "ein letzter Schwanengesang" bevor sie dann ins Krächzen übergehe.

Dass Knabenchöre etwas Besonderes sind, hätten etwa auch Gustav Mahler oder Hector Berlioz gewusst, die in einigen Kompositionen ausdrücklich Knabenchöre vorgeschrieben hätten, so der Chorleiter. Und im Übrigen sei der Staats- und Domchor in erster Linie keine Ausbildungsstätte, sondern ein Kunstensemble. Deswegen habe er auch als Leiter das letzte Wort. Es mache keinen Sinn, eine Mädchenstimme so zu trimmen, dass sie wie die eines Jungen klingt. "Warum wollten das Eltern ihrer Tochter antun?", fragte er vor Gericht.

Dieser Argumentation ist das Gericht gefolgt. Nach Auffassung des Richters handelt es sich um einen Präzedenzfall. Daher sei eine Berufung zugelassen.

cpa/dpa



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