Arme Hauptstadt Künstler, das Prekariat Berlins

Derzeit treffen sich die Mächtigen der internationalen Kunstwelt in Berlin. Da kostet die Teilnahme an Partys und Podiumsdiskussionen schon mal 1600 Euro. Für die Künstler der Stadt eine glamouröse Utopie.

Berlin ist als Kunstmetropole ein Mythos, und er nährt sich gern selbst. Man zeigt sich in solchen Wochen von seiner besten Seite - als die Kunststadt, die noch relevanter, noch atmosphärischer ist als New York.

So veranstaltet die " New York Times" in einer ehemaligen Club-Location, dem Berliner Ewerk, ein Treffen der Art Leader, der Kunstanführer also. Museumsdirektoren und weitere sogenannte Influencer aus London, Katar oder New York reisen dazu an, nehmen an Podiumsdiskussionen teil, treffen sich zum "Networking-Lunch". Wer ihnen zuhören will, wer ihnen nahe sein will, muss 1600 Euro Eintritt bezahlen.

An diese Konferenz der Mächtigen schließt sich das "Gallery Weekend" an: Die Galerien vor Ort hoffen ebenfalls auf ein durchaus internationales Publikum.

Leben an der Armutsgrenze

Doch kurz vorm Anpfiff melden sich die Spielverderber zu Wort, grätschen hinein in diese Blase und erinnern an die Realität jenseits der glamourösen Illusion.

Denn laut einer aktuellen Studie bilden die Künstler in Berlin nach wie vor ein eigenes Prekariat. Und das geschilderte Szenario, von Zahlen untermauert, wirkt nicht romantisch, sondern bedrückend. Das Ergebnis sei "alarmierend", sagen auch jene, die für die Erhebung verantwortlich sind.

Ein Leben an oder hinter der Armutsgrenze deckt die Studie auf - und erwähnt auch, dass es Frauen immer noch schwerer haben. Das "Gallery Weekend" wird in diesem Zusammenhang übrigens besonders hervorgehoben, denn es ist vor allem eine Bühne der Männer.

Die Initiative zu der Studie ging vom Berufsverband der Bildenden Künstler und Künstlerinnen Berlin aus, die Befragung und Auswertung selbst übernahm das Institut für Strategieentwicklung, und im Gegensatz zu früheren Analysen der Berliner Situation wurden nun besonders mögliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern beachtet.

Die Künstler müssen sich selbst vermarkten

Die Ausgangssituation ist diese: Berlin zieht die Künstler an, noch immer. Alle kommen, und zwar vor allem deshalb, weil die anderen auch hier sind, weil die Kunstszene als ausreichend groß, als lebendig gilt. Das Institut für Strategieentwicklung schätzt die Zahl der professionell arbeitenden Künstler auf etwa 8000. Das ist kein Weltrekord, aber doch ordentlich.

Ein weiterer Standortvorteil sind die Mieten, die trotz deutlicher Steigerungen in den vergangenen Jahren eben doch noch moderater erscheinen als in Städten wie New York, London und Paris. Von der hohen Händlerdichte haben die ortsansässigen Künstler wenig, denn nur ein Bruchteil ist mit einer der Galerien vertraglich verbunden. Die Künstler müssen sich selbst vermarkten, und das scheint eines der vielen Probleme zu sein, die die Berliner Lage eben auch ausmacht. Für viele Männer läuft es nicht gut und für die Frauen noch schlechter.

Männer verdienen mit ihrer Kunst - im Durchschnitt - 11.662 Euro im Jahr, Frauen 8390 Euro. Die meisten Künstler und Künstlerinnen können sich von ihren Verkäufen kaum ernähren, manche bringen nicht einmal die Kosten auf, die die Produktion ihrer Werke verursacht. "Die Einkünfte aus der künstlerischen Arbeit haben im Jahr 2017 nur bei 20 Prozent die Ausgaben für diese Arbeit voll und ganz gedeckt. Für alle anderen ist ihre künstlerische Arbeit ein Verlustgeschäft."

90 Prozent der Künstler werden in der Altersarmut ankommen

Diese Geldnot wirkt sich auf alle Lebensbereiche aus, auf die gesamte Lebensplanung. Kind und Karriere etwa schließen sich laut dieser Erhebung aus. Auch das gilt für die Männer im Kunstbetrieb und noch mehr Frauen.

Und wie in anderen Industrien und Branchen auch sind die, denen jegliche Sicherheit fehlt, häufiger Machtmissbrauch ausgesetzt, bis hin zur sexuellen Belästigung. Ein Drittel der Frauen hat so etwas erlebt, sie erwähnen da Vorkommnisse mit Professoren, Galeristen, Sammlern.

Foto: Stephanie Pilick/ picture alliance / dpa

Eine Debatte über "das Verbleiben der Frauen in der Kunst" sei laut den Verfassern der Studie schon deshalb notwendig, "weil die Kunst sonst gesellschaftliche Missstände wie die Benachteiligung von Frauen reproduziert", anstatt an ihrer "Auflösung mitzuwirken".

Natürlich trägt Berlin keine Verantwortung dafür, dass Menschen sich für diesen Beruf entscheiden, dass sie Künstler werden oder bleiben wollen und das auch noch gerne in dieser Metropole. Aber die Stadt profitiert von ihnen. Sie tragen mehr zum cool-intellektuellen Image des Ortes bei als jede andere Berufsgruppe. Sie sind ein Vorteil für diese Stadt. Und doch werden 90 Prozent von ihnen in der Altersarmut ankommen.

Berlin braucht einen "Kulturentwicklungsplan"

Nun haben das alle schriftlich.

Viele Künstler wünschen sich inzwischen ein anderes Berlin, eines mit mehr Ateliers, die sie sich auch mit ihren bescheidenen Einkünften leisten können, mit besseren, gerechteren Ausstellungsmöglichkeiten. Das Institut für Strategieentwicklung glaubt dagegen, die Veränderungen müssten noch tiefgreifender, noch grundsätzlicher sein.

Berlin, so heißt es, brauche einen Plan, und zwar einen "Kulturentwicklungsplan".

Wichtig ist vor allem die Erkenntnis, dass die Stadt zur Zeit für Künstler eher noch eine böse Falle ist.

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