Berlinale-Brunch Gedränge wie beim Winterschlussverkauf

Hollywoodstars gaben sich an diesem Wochenende bei der 51. Berlinale zwar nicht die Klinke in die Hand, dafür traf man europäische Schauspielgrößen und solche, die es noch werden wollen - von Mario Adorf bis Heike Makatsch.

Von Harriet Dreier


"Shooting Star 2001": Heike Makatsch
AFP

"Shooting Star 2001": Heike Makatsch

Was für Zuschauer ein Vergnügen ist, bereitet den Darstellern und der Presse im Festivalrausch viel Stress: Ein Interviewtermin jagt den nächsten, dazwischen verlangen unzählige Empfänge und Galaabende einen Besuch. Am Sonntag gab es gleich drei verschiedene Brunches.

Etwas müde begann der Tag mit dem Frühstück von Studio Babelsberg im Kammermusiksaal der Philharmonie. Regisseur István Szabó morgens halb elf in Deutschland in unspektakulärer Runde, dazu ein Glas Prosecco und Parmaschinken-Grissini - das war genau der richtige Start in den Tag, um munter zu werden und dann schnellstmöglichst und hochmotiviert in das Theater des Westens umzuziehen.

Dort war es um elf Uhr voll wie bei C&A im WSV, denn beim Verband Deutscher Schauspieler-Agenturen tummelte sich alles, was hier zu Lande Rang und Namen hat. Irgendwo - wenn schon nicht im Kino - müssen ja schließlich auch die deutschen Akteure ihre Begabung zu Markte tragen. Mit Namensschildern wie auf einem Urologen-Kongress ausgestattet, bahnte man sich seinen Weg durch die tausend Talente, vorbei an Suzanne von Borsody, Martin Semmelrogge, Angelika Milster, Friedrich und Max von Thun sowie - natürlich - Hannelore Elsner, die vermeintlich "Unberührbare". In der VIP-Lounge - entgegen der sonstigen Berlinale-Gepflogenheiten gut einzusehen und semipermeabel - fanden sich endlich andere Gesichter als auf den übrigen Festivitäten: der altehrwürdige Mario Adorf und ein erstaunlich gut gestimmter Götz George in angeregtem Gespräch mit Christiane Hörbiger und "Hotte" Buchholz.

Seltener Gast in Berlin: Mario Adorf
SPIEGEL ONLINE

Seltener Gast in Berlin: Mario Adorf

Doch leider hieß es trotz der Pracht des versammelten deutschen Showinventars Abschied nehmen. Der Brunch der "European Film Promotion" in den Ikeabauten der Nordischen Botschaften verlangte nach Aufmerksamkeit. Hier präsentierte sich seit elf Uhr unter dem Motto "Shooting Stars 2001" die Hoffnung des europäischen Films: 18 europäische Jungschauspieler aus 15 Ländern blickten noch reichlich müde in die EU-Kameras. Wenngleich die großen Stars im Theater des Westens sitzen geblieben waren: Die journalistische Sorgfaltspflicht gebot, sich auch um den Nachwuchs zu kümmern.

Immerhin fanden sich Heike Makatsch ("Männerpension", "Aimée und Jaguar", "Gripsholm") und Benno Fürmann ("Bubi-Scholz-Story", "Der Krieger und die Kaiserin", "Anatomie") unter den Euro-Blitzkarrieristen, die am Rande der Berlinale von Regisseurin Doris Dörrie der Öffentlichkeit vorgestellt wurden. Die anderen neu aufgegangenen Sterne kennt hier zu Lande leider niemand. In ihrer Muttersprache stellten sie einander vor. "Internationalität" lautete dabei das Zauberwort, das die Akteure aus der Schweiz, Luxemburg, Österreich, Spanien, Irland, Dänemark, Island, Norwegen, Griechenland, Belgien, Portugal, Großbritannien und Deutschland künftig zusammenschweißen soll.

Im "Lampenschirm": Doris Dörrie
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Im "Lampenschirm": Doris Dörrie

Obschon keiner den anderen verstand, hatten sie alle eines gemeinsam: das Warten auf den großen Durchbruch, auch wenn einige darüber schon graue Haare bekommen hatten. Das wollen, so hatte es den Anschein, Fürmann und Makatsch für sich vermeiden. Als Einzige scherten sie bei der Präsentation aus der Reihe der Muttersprachler aus und gaben sich durch fließendes Englisch statt schnödem Deutsch einen kosmopolitischen Anstrich. "I hope for great success for the future", ließ Fürmann weltgewandt vernehmen. Makatsch verhalfen ihre fundierten Sprachkenntnisse bereits zu einer Rolle in der britischen Produktion "Late Night Shopping" von Saul Metzstein, die in der Panorama-Reihe der Berlinale läuft.

Hoffen wir also, dass die US-Filmbranche endlich den Blick gen Europa wendet, und hoffen wir auch, dass sie dabei die Mentorin der "European Film Promotions", Doris Dörrie, übersieht. Die zeigte sich bei der abendlichen Gala im Hotel Adlon am Pariser Platz zwar auch von ihrer bilingualen Seite, aber leider auch in einem pink-orange-grünen Krepppapierkleid (nach eigenen Angaben ein "Lampenschirm"), das samt ihren Turnschuhen zum Davonlaufen aussah. Entgegen anders lautenden Behauptungen: Hollywood ist nicht ganz blind.



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