Berliner Debatten Schröder, Walser & eine verplauderte Chance

Alle Aufregung war umsonst: Das Streitgespräch Schröder gegen Walser wurde keines - mangels Gesprächsführung. Das schlagzeilenträchtige Event verkam zum Wahlkampfgeplauder.

Von Holger Kulick


Seinen Gast Martin Walser nur zur eigenen Profilierung benutzt? Kanzler Schröder am Mittwochabend in Berlin
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Seinen Gast Martin Walser nur zur eigenen Profilierung benutzt? Kanzler Schröder am Mittwochabend in Berlin

Berlin - Im Kopf des Kanzlers und seiner Wahlkampfstrategen muss es ein schwarzes Brett geben, an das die Begriffe gepinnt sind, die das gegnerische Stoiber-Lager an sich reißen könnte. Zum Beispiel Nation. Folgerichtige Überlegung unter Sozialdemokraten (die schmerzlich aus ihrer Geschichte wissen, was es heißt, von Konservativen als vaterlandslose Gesellen gescholten zu werden): Rechtzeitig den Begriff besetzen und dabei viel Aufsehen erregen.

Passend dazu bestimmten die Wahlkämpfer das Datum für eine schillernde Diskussionsveranstaltung: Den 8. Mai, der Tag, an dem Nazideutschland 1945 kapitulierte. Die (fast) perfekte Inszenierung wurde am Mittwochabend in der Berliner SPD-Zentrale vollendet.

Die Beteiligten waren Erstens: Im Vorfeld beunruhigte Medien und Interessensverbände (z.B. der Zentralrat der Juden), die durch ihre Aufgeregtheit die Werbetrommel schlugen. Zweitens: Zwecks schlagzeilenträchtiger Kulisse ein großes Polizeiaufgebot und 150 bis 200 Gegendemonstranten, in diesem Fall junge Mitglieder der "Antifaschistischen Aktion" und eines bislang unbekannten Bündnisses gegen Antisemitismus und Antizionismus.

Des weiteren: Im Bühneraum rund 200 Journalisten, die das Wort verbreiten sollten. Ferner eine Reihe Diplomaten sowie Ehrengäste wie der Publizist Rafael Seligmann, der Historiker Heinrich August Winkler oder der SPD-nahe Grafikprofessor Klaus Staeck. Dazu kamen etwa 1000 Besucher, die sich wie beim Türsteher einer Disco beschwerten, nicht zu den Auserwählten zu zählen. Sie mussten in Nebenräumen Platz nehmen und auf einer Videoleinwand das Ereignis verfolgen.

Im Mittelpunkt schließlich die drei Hauptfiguren. Souverän der Kanzler, der selber vor einigen Wochen Idee und Riecher für diese Debatte hatte. Daneben sein Ehrengast, der 75-jährige Schriftsteller Martin Walser, ein hilfloser Gefangener seines Denkens und seiner Zeit und daher zu keinem Zeitpunkt für Schröder eine Gefahr. Und drittens ein ostdeutscher Moderator (Christoph Dieckmann von der "Zeit"), dem ostdeutsche Befindlichkeiten wichtiger waren als kritische Fragen an die beiden Diskutanten. Dadurch wurde leider der eigentliche Anlass verschenkt und verplaudert, um so mehr Gewicht gewannen die Einleitungen - zwei feierliche Reden, die wenig gemeinsam hatten.

"Deutschlands Chance ist der Brückenbau"

Erster Redner sollte ursprünglich der Gast sein, Martin Walser, um "über Geschichtsgefühl" zu reflektieren. Weil dessen Rede aber in Geschichtsklitterung abzurutschen drohte, tauschten die Veranstalter kurzum die Reihenfolge aus, und ließen dem Gastgeber den Vortritt, dem Kanzler - damit auf ihn reagiert werden muss, nicht umgekehrt.

Staatsmännisch stellte Schröder der Debatte das Gedenken an alle Opfer des Zweiten Weltkrieges voran, mit einem eindeutigen Bekenntnis zur Schuld am "Völkermord der Deutschen an den europäischen Juden". Deutlich sprach er von einem von Deutschland angezettelten "verbrecherischen Krieg". Solche deutlichen Worte hat es in den vergangenen Jahrzehnten an einem 8.Mai bislang nicht gegeben.

Dann rammte Schröder seine wichtigsten Eckpfeiler ein. Er verteidigte den Begriff der "Demokratischen Nation" als ein Uranliegen der Sozialdemokratie, zog Linien von August Bebel bis Willy Brandt, den er mit der Wegweisung zitierte: "Die Sache der Nation ist und war von Anfang an bei der demokratischen Linken besser aufgehoben als bei den anderen". Brandt habe durch seine Deutschlandpolitik "praktizierten Patriotismus" betrieben, um auf diese Weise "wechselseitige Entfremdung" zu verhindern.

Deutschland sei heute eine "aufgeklärte Nation im Herzen Europas", die sich als Wertegemeinschaft definiere. "Teilhabe und Solidarität" seien solche "Werte des Gemeinsinns", Nation und Kultur seien nur die Orte, "an denen diese Werte verwirklicht werden können". Würden aber die Orte vor Werte gesetzt, entstehe Ausgrenzung.

Deutschlands Aufgabe und "historische Chance" sei der Brückenbau. Dieses Land müsse sich als "Nation der guten Nachbarschaft und der internationalen Solidarität" verstehen und durch "selbstkritisches Selbstbewusstsein" auszeichnen, mahnte der Kanzler mit wohlgewähltem Vokabular. "Ja zu Deutschland" könnten Sozialdemokraten heute sagen, weil das Land auf Freiheit und Gerechtigkeit aufbaue und akzeptiere, dass "Europa die Antwort der Völker auf den Krieg" sei. Und weiter: "Unser Nationalstolz ist ein Stolz auf die Menschen und auf das, was sie geleistet haben."

Walser: Versailles führte zu Hitler

Gegenüber solchen pathetischen Wegweisungen hatte Martin Walser keine Chance und verhedderte sich in Thesen, "die in den Fünfziger Jahren populär waren", wie ihm danach der Zuhörer Heinrich August Winkler attestierte. So verteidigte Walser seinen 1988 geprägten Begriff des "Geschichtsgefühls" als Bindeglied einer Nation, so wie er es als Zusammengehörigkeitsgefühl von DDR und Bundesrepublik noch vor der Wiedervereinigung erlebt habe: "Karl May und Friedrich Nietzsche durften nicht im Ausland geboren sein", solche Gefühle hätten ihn geprägt.

Die deutsche Nation sei aber auch eine "Schicksalsgenossenschaft", die vor allem an den Folgen "der Mutterkatastrophe des 20. Jahrhunderts" leide - nämlich am Ersten Weltkrieg, meinte Walser. Denn ohne den rachsüchtigen Friedensvertrag von Versailles wäre das NS-Regime nicht denkbar gewesen, Versailles also habe direkt zu Hitler geführt: "Eine andere Behandlung der Besiegten hätte die Demokratie gefestigt". Er, Walser, könne jedenfalls nicht mit dem Vorwurf leben, dass es die Deutschen "früher oder später so oder so zu Auschwitz gebracht hätten".

Schröder konterte gelassen, nur ein "Ursachenbündel" habe in den Faschismus geführt, Versailles allein jedoch "nicht mit Naturnotwenigkeit". "In der Weimarer Republik gab es auch andere Chancen für politische Entwicklungen", meinte Schröder, "von Rathenau bis Stresemann".

Ansonsten: Fußballplaudereien

Ansonsten fand die große Auseinandersetzung nicht statt, Walser wirkte viel zu erschöpft und Vorwärtsdiskutieren wurde vom Moderator nicht gefordert. Nur eine kleine, eher neckische Irritation war zu vermelden. Während Schröder betonte, Deutschland erstmals als 10-Jähriger 1954 als Nation empfunden zu haben - damals hatte er in einer Kneipe mit 300 Besuchern den Gewinn der Fußballweltmeisterschaft erlebt - zeigte Walser ganz anderen Nationalstolz in Sachen Sport: "Bei Olympia haben wir doch immer die Medaillen von BRD und DDR zusammengezählt" war er sich sicher. Schröder verneinte. In dieser Frage habe es durchaus auch ein Konkurrenzdenken gegeben - fassen konnte Walser das nicht.

Auf diese Weise wurde eine große Chance verplaudert, die mit Paul Spiegel als Gesprächspartner sicherlich von weitaus größerem Gewinn gewesen wäre. Aber die SPD-Wahlkämpfer zeigten sich auch ohne hochkarätigen Debattenverlauf beglückt - Aufsehen wurde genug erzielt, scherzten sie am Rande. Und einen Nebeneffekt bilanzierte Klaus Staeck: Auf diese Weise sei wenigstens der 8 .Mai als Gedenktag in Erinnerung gerufen worden. Zumindest das, sei doch schon was.



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