Berliner Ehrenbürger Biermann Verbrechen, Fehler und falsche Feinde

Viele rechneten bei der Verleihung der Berliner Ehrenbürgerwürde an Wolf Biermann mit einem Eklat. Stattdessen wurde eine Lehrstunde in Lyrik und Geschichte daraus. Der Regierende Bürgermeister Wowereit schlug sich tapfer – doch der Liedermacher zog alle Register.

Von Claus Christian Malzahn


Berlin - Beim Einzug in den Saal schreiten die Gegner noch Seit an Seit. Klaus Wowereit trägt eine pinkrote Krawatte zum dunklen Anzug, Wolf Biermann eine schwarze Lederjacke über dem dunkelblauen Hemd. Die Rollen von Angreifer und Verteidiger sind klar verteilt.

Biermann (Mitte, mit Wowereit r. und Ex-Bürgermeister Momper): "Wegbereiter der Einheit"
REUTERS

Biermann (Mitte, mit Wowereit r. und Ex-Bürgermeister Momper): "Wegbereiter der Einheit"

Gleich wird der Regierende Bürgermeister Berlins dem deutsch-deutschen Sänger und Dichter Biermann die Ehrenbürgerwürde antragen, obwohl er genau das in den vergangenen Jahren hintertrieben hat und um jeden Preis vermeiden wollte. Die vielen hundert Gäste wissen: Die freundlich lächelnden Herren marschieren gerade zum Duell.

Eine hässliche Vokabel steht in dem lichten, repräsentativen Raum im Roten Rathaus: verbrecherisch. So hatte Biermann den rot-roten Senat noch vor ein paar Tagen auf der Leipziger Buchmesse bezeichnet - nicht zum ersten Mal übrigens. Und nun soll der Chef eben jener "Verbrecherveranstaltung" seinem wortmächtigen Widersacher eine Urkunde aushändigen und ihn auch noch über den grünen Klee loben. "Manche raunen, hier bahne sich ein Skandal an" sagt Wowereit zu Beginn seiner Laudatio und blinzelt kurz in den Kamerapulk - und dann holt der Sozialdemokrat kurz aus: Seinen Senat als verbrecherisch zu bezeichnen gehe "bei aller Freude zur Kontroverse entschieden zu weit".

Dann lobt Wowereit seinen verfeindeten Ehrengast als einen Dichter, der "in einem Vers eine ganze Welt aufscheinen lassen kann", er rühmt ihn als Fackelträger der Aufklärung, der den "Nebel der Diktatur" durchleuchtete, er nennt den 70-jährigen Ex-Berliner einen "Wegbereiter der Einheit." Aber damit der Saal nicht in Süßholzsägemehl erstickt, hat Wowereit auch ein paar Bissigkeiten in seine Rede geschmuggelt; etwa die Anekdote, Biermann habe das Preisgeld einer Senatsauszeichnung Anfang der siebziger Jahre - als er noch in der DDR war - der RAF gespendet, dem damals links und heute rechtsextremen "Rechtsanwalt Horst Mahler zu treuen Händen". Ob Friede Springer, die ein paar Reihen links hinter dem Ex-Kommunisten Biermann sitzt, das schon gewusst hat? Ganz korrekt ist Wowereits fiese kleine Geschichte übrigens auch nicht: Biermann wurde 1969 vom West-Berliner Senat für seine in der DDR verbotenen Platte "Chausseestr. 131" tatsächlich mit dem Fontane-Preis geehrt und schenkte das Geld tatsächlich Horst Mahler, der damals die Kaufhausbrandstifter Andreas Baader und Gudrun Ensslin verteidigte. Die RAF gab es 1969 noch nicht, auch noch keine Terror-Toten, aber dieses Versehen muss man einem Berliner Bürgermeister, der die Zahl der Maueropfer in Talkshows auch nicht immer parat hat, wohl nachsehen.

Biermann, der in Gegensatz zu Wowereit auch bei seinen Irrtümern immer auf der Höhe seiner Zeit ist, bleibt jedenfalls cool. Nachdem die DDR-Jazz-Granden Uli Gumpert und Günther "Baby" Sommer ein paar seiner Melodien variiert haben, steigt der Dichter aufs Podest, grinst schüchtern und fixiert sein Gegenüber mit dem pinkroten Schlips: "Diese Ehrenbürgerei hier ist eine politische Veranstaltung!" Da würde Wowereit nicht widersprechen.

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