Fotostrecke

"Glaube und Heimat" am Berliner Ensemble: Das Dasein, eine Schinderei

Foto: Matthias Horn

"Glaube und Heimat" am Berliner Ensemble Dem Verstummen näher als dem Hilfeschrei

Die Nazis lobten sein "bodenständiges Schaffen", dem Dramatiker Karl Schönherr gelangen aber auch bedrängende Einblicke in archaische bäuerliche Welten. Jetzt inszenierte Michael Thalheimer sein Stück "Glaube und Heimat".

Wenn es nachts draußen heller ist als drinnen im Theater auf der Bühne, dann hat nicht selten Michael Thalheimer inszeniert. Das Theater am Schiffbauerdamm verließ man nun und fühlte sich beinah geblendet in den Straßen von Berlin: Kurze eineinhalb Stunden hatte man im diffusen Licht Figuren nur als Schemen wahrgenommen - eingehüllt in Dunkel und erdrückt von verschwiegenen Gedanken und Nöten, die ihr kümmerliches Leben bestimmten.

Thalheimer hatte sich das selten gespielte Stück "Glaube und Heimat" am Berliner Ensemble vorgenommen. Geschrieben von dem einst höchst erfolgreichen Karl Schönherr (1867 - 1943), einem Autor mit Tiroler Wurzeln, gern gesehen zu seiner Zeit in den Theatern in Wien. Schönherr ("Der Weibsteufel") sah sich den harten Wirklichkeiten eines Gerhart Hauptmann eher verpflichtet als den feinen Charakterspielen eines Arthur Schnitzler und begab sich mit seinen vom kargen Leben auf dem Land inspirierten Stücken gar in die Gefahr, dass ihn die Nazis wegen seines "blutechten und bodenständigen Schaffens" lobten und schreiben ließen.

Beten und arbeiten - sonst war alles egal

Trotzdem gelangen ihm, mitunter scharf an der Grenze des volkstümlichen Kitsches, bedrängende Einblicke in eine abgeschottete, archaische bäuerliche Welt, die sich weniger um reale Politik als allein um Ackerfurche und Seelenheil sorgt. Beten und arbeiten - sonst war alles egal.

Wenn nicht, wie in "Glaube und Heimat", der Staat meint, bestimmen zu müssen, welcher Glaube der richtige ist. Schönherr siedelt sein Drama in der Zeit der Gegenreformation an: die Katholischen wollen die Lutherischen mit aller Macht aus dem Land haben, durch Dörfer, sogar durch Familien geht der Glaubensriss.

Wie bei den Rotts: die Mutter gehört der "legalen" Religion an, der Vater der verbotenen. Erst sehen sie bei den Nachbarn, wie der "Reiter" der Obrigkeit einem Sensenmann gleich die festgefügten Verhältnisse zerstört, dann sind auch sie dran. Wenn der Rott nicht abschwört dem ketzerischen Luther, dann soll er außer Landes. Frau und Kind blieben zurück; der Senior (Josefin Platt), dem Sterben nahe, sieht die unausweichliche Situation: "Du bist schon im Jammer drin."

Offener Raum ohne Anfang und Ende

In den Herzen und Hirnen der Bedrängten tobt fortan der Gotteskrieg: flüchten oder standhalten? Es geht um die blanke Existenz und das fromme Festhalten an der Tatsache, dass eine "viereckige Seele" eben nicht durch ein "rundes Vaterunser-Loch" passt.

Fotostrecke

"Glaube und Heimat" am Berliner Ensemble: Das Dasein, eine Schinderei

Foto: Matthias Horn

Thalheimer schickt seine Figuren in einen offenen Raum ohne Anfang und Ende. Nicht ganz in der Mitte dreht sich ein kupferner Turm, als schraube er sich langsam in den Himmel (Bühne: Nehle Balkhausen); um dieses martialische Gebilde läuft wie beim Kachelofen in der Stube eine Sitzbank, deren Bequemlichkeit zu foltern scheint - hier kommt man zu keiner Rast, das Dasein ist Schinderei.

Aus einem geheimen Versteck zieht der Bauer eine Bibel hervor, die ihm Halt und Trost spenden soll. Er wird sie gleich zerfetzen und an die Wand schmeißen - und behutsam wieder zusammenklauben und an sein Herz drücken. Die Zweifel am Falschen im staatlich Richtigen lassen Andreas Döhler in seinem Tun und mehr noch in seiner hilflosen Stagnation zittern. Ein weicher Mensch, den die Härte der Wirklichkeit ins Stammeln und Straucheln schickt.

Überhaupt ist es die Sprache Schönherrs, die aus "Glaube und Heimat" ein Stück macht, dessen tränensatte Tragik und jammerreiches Pathos immer wieder in eine archaische Absurdität und verzweifelte Komik kippt: Sätze wie Axthiebe, verstümmelt, verknappt und abgebrochen, Fragmente des Gedachten und ausgekotzt bisweilen - Männer und Frauen am Rand der Sprachlosigkeit, dem Verstummen näher als dem Schrei nach Hilfe.

Stefanie Reinsperger als Rottin ist, auch weil ihr Dialekt die Hochsprache zu verhöhnen scheint, ganz in ihrem Element: starr steht sie meist, dem Unheil zugewandt und doch nicht fähig zum Handeln. Am Ende, wenn ihr Mann dem Reiter, der für den Tod des Kindes (Laura Balzer) verantwortlich ist, absolut widersinnig die Versöhnungshand reicht, da wird sie wie in Trance von der "Übermenschlichkeit" dieser Geste flüstern. Es ist nur noch ungläubige Verwunderung darüber, als Wunder wird der Akt nicht wahr- und angenommen.

Bei Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie ihren Regisseur

"Glaube und Heimat" wird von Thalheimer nicht interpretiert, nicht hinterfragt und schon gar nicht mit irgendwelchen Verweisen auf Aktualität in die Gegenwart geholt. Aus der Dunkelheit steigt nur eine Ahnung herauf: längst ist das nicht überwunden, wovon das Stück erzählt.

Aber während man sich am Nürnberger Staatstheater zum Beispiel bemüßigt fühlt, in einen alten Text von Peter Handke ("Kaspar") holzhammerartig aktuelle Kommentare zu den Serbien-Aussagen des Autors einzubauen, weil man Gehorsam hechelnd irgendwie auch Haltung beziehen will, lässt man in Berlin den nicht weniger umstrittenen Karl Schönherr, dem die Nazis wohlwollten, deutungslos vom Blatt spielen. Bei Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie ihren Regisseur - oder besser gar nicht nach?


"Glaube und Heimat". Berliner Ensemble , nächste Vorstellungen am 20.12., 18.01., 24.01., 31.01.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.