Berliner Kunst Waschen gegen das Vergessen

Endlich hat der Schlossplatz vor dem Kanzleramt ein neues Nationaldenkmal: An 104 Waschmaschinen können Berliner Bürger ihre schmutzige Wäsche waschen und nebenbei nachvollziehen, wie Geschichtsschreibung bereinigt wird.


Kunstprojekt "weiss 104": "Die Geschichtsschreibung ist eine Waschanstalt"
DPA

Kunstprojekt "weiss 104": "Die Geschichtsschreibung ist eine Waschanstalt"

Berlin - Mit einem riesigen öffentlichen Waschsalon vor dem Kanzleramt in Berlin wollen die Künstler Victor Krégli und Filomeno Fusco eine Mahnung gegen den gedankenlosen Umgang mit der Geschichte ausdrücken. Das sagte der Hamburger Objektkünstler Fusco am Freitag in Berlin.

Das Kunstprojekt mit dem Titel "weiss 104" ist bis zum 3. Oktober auf dem Schlossplatz zu sehen. Dort stehen 104 Waschmaschinen der Firma Siemens, in denen die Berliner nach der Enthüllung des "temporären Nationaldenkmals" am Samstag ihre "schmutzige Wäsche" waschen können. Stromkabel und Wasserschläuche winden sich über den Platz. Umgeben vom tosenden Verkehr kann die Wäsche zum Trocknen auf langen Leinen im Wind flattern.

Die kulturgeschichtliche Bedeutung des Waschens fasziniere ihn seit geraumer Zeit, erklärte der Künstler. Auf dem Platz, auf dem einmal das Denkmal Kaiser Wilhelms I. als Nationaldenkmal der noch jungen deutschen Einheit stand, erinnere das Kunstwerk an die "Vernichtung und das Reinwaschen" von Geschichte. "Die Geschichtsschreibung ist eine Waschanstalt, aus der die Wäsche meistens schmutziger herauskommt, als sie hineingebracht wurde", sagen die Künstler. Ihr Werk sei ein "Ort der Reinigung und der Kommunikation".



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